Werder vor dem Saisonstart Neue Köpfe, alte Probleme

Bremen. Zum ersten Mal seit vielen Jahren hat Werder Bremen nicht mehr einen Europacup-Platz zum Saisonziel erklärt. Der Klub geht in eine Bundesligasaison, die nicht nur Abwehrchef Sebastian Prödl als sehr schwierig bezeichnet.
07.08.2013, 05:00
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Neue Köpfe, alte Probleme
Von Olaf Dorow

Bremen. Zum ersten Mal seit vielen Jahren hat Werder Bremen nicht mehr einen Europacup-Platz zum Saisonziel erklärt. Mit dem neuen Trainer Robin Dutt, einem geschrumpften Etat und ohne die zwei besten Profis des vergangenen Jahres geht der Klub erst recht nach der jüngsten Pokalpleite in eine Bundesligasaison, die nicht nur Abwehrchef Sebastian Prödl als sehr schwierig bezeichnet.

Anfang September wird es im Weserstadion ein Spiel geben, das zum Schwelgen einlädt. Torsten Frings feiert seinen Abschied. Es werden so viele Stars und Publikumslieblinge auftreten, dass die Umkleidekabinen zu klein werden könnten. Die gute alte Werder-Zeit wird aufleben, und manch einer wird sich fragen, ob denn die gute alte Werder-Zeit wirklich erst vor drei Jahren endete? In der aktuellen Mannschaft gibt es kaum noch Spieler, die sie miterlebten. Fritz, Hunt. Prödl ein bisschen. Sonst noch wer?

Werder Bremen tritt einerseits aus einer Tradition heraus und andererseits aus einer jüngeren Vergangenheit in diese Saison ein. Beides hat wenig miteinander zu tun. Ein Schwergewicht der Liga geriet ab 2010 schwer ins Schlingern. Als im Frühjahr mit letzter Kraft endlich der Klassenerhalt geschafft war, verständigte man sich darauf, dass selbst Thomas Schaaf dem Schlingern demnächst kein Ende bereiten wird. Der Verein, der gerade mit dem verdienten Trainer in eine Umbruchszeit aufbrechen wollte, hat jetzt einen noch viel größeren Umbruch vor der Brust. Die Ära Schaaf ist vorbei. Nachfolger Robin Dutt steht einer Mannschaft vor, die zuletzt das Siegen verlernt hat, den Teamgeist verlor, dazu den stärksten offensiven (Kevin De Bruyne) sowie den stärksten defensiven Spieler (Sokratis).

Dutts Team bleibt nichts anderes übrig, als den Neuanfang als Chance zu begreifen. Erstmals seit vielen Jahren heißt das Saisonziel nicht mehr internationaler Wettbewerb. Stimmen, auch aus dem Verein heraus, die sagen, dass Werder mittelfristig nach oben gehört, werden schwächer. Immer schwächer. Die Einnahmen aus dauerhaftem Champions-League-Betrieb haben Werders Kader erstaunlicherweise nicht stärker gemacht, als er am Beginn der Champions-League-Ära war.

Frisches Geld aus der Königsklasse ist nicht in Sicht, der Spieleretat schrumpfte peu á peu von 50 Millionen Euro auf weit weniger als 40. Die Vorbereitung von nur einem Monat reichte Dutt nicht, um schon spürbare Verbesserungen vorzeigen zu können. Werder verlor sang- und klanglos im DFB-Pokal. "Was wir da fabriziert haben, das reicht nicht für die Bundesliga", sagt Sebastian Prödl. Es stützte vielmehr die Vermutung nicht weniger Experten, die Werder für einen potenziellen Absteiger halten.

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Weil Werder zu wenig Tempo in sein Spiel bekommt und zu viel Qualität verloren hat. Weil Werder im Weserstadion keine Macht mehr ist, auswärts erst recht nicht. Weil Werder defensiv zu anfällig ist. Einige sagen auch: Weil Werder keinen starken Torwart hat. Wozu anzumerken ist, dass der Torwart Sebastian Mielitz bei der Pokalpleite am Sonntag in Saarbrücken noch der beste Werder-Profi auf dem Platz war. Dennoch: Wenn Werder erneut ein Platz in der Grauzone der Tabelle vorausgesagt wird, dann erscheint das derzeit eher etwas zu optimistisch als zu pessimistisch. Prödl beschreibt die Mannschaften, die zuletzt zwischen Rang zehn und 16 lagen, als Werders Kragenweite.

Sportchef Thomas Eichin, auch ein Gesicht des Neuanfangs, hatte im Frühjahr in einer Art Kaltstart Qualitäten als Manager nachgewiesen, indem er einen Trainerwechsel durchzog, ohne vorher die total verunsicherte Elf in die zweite Liga bugsiert zu haben. Nun muss Eichin etwas noch viel Schwereres schaffen: Mit überschaubaren Mitteln muss er eine wettbewerbs- und zukunftsfähige Mannschaft zusammenstellen. Noch scheint sie Werder nicht zu haben. Das Arnautovic-Problem hat Eichin auch noch nicht gelöst. Der eigenwillige Österreicher soll seit drei Jahren ein Bundesligastar werden. Blieb aber ein Versprechen. Oder ein Problem.

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Dutt bittet um Geduld – welche einer Kundschaft schwerfällt, die nach fetten Jahren mit Festabenden gegen Madrid, Chelsea und Turin zuletzt drei Jahre voller Ödnis geboten bekam. Dutt versucht mit allem Engagement, aus Werder wieder eine Mannschaft zu formen. Mit einem eigenen System, das den Gegner überrumpeln kann. Mit einem neuen Teamgeist, der individuelle Defizite übertünchen kann. Mit einem Tempo, dem nicht anzumerken ist, dass Werder, wie von Ex-Assistent Wolfgang Rolff diagnostiziert, nur wenige schnelle Spieler hat.

Der neue Trainer schenkt Mielitz als Torwart Nummer eins und Sebastian Prödl als Abwehrchef das Vertrauen. Er setzt auf die Routiniers Clemens Fritz und Aaron Hunt sowie seinen Vertrauensspieler Cedrick Makiadi, den er aus Freiburg gut kennt. Was mit stimmigem Gerüst, großem Kämpferherz und gesundem Teamgeist möglich ist, haben zuletzt Mannschaften wie Eintracht Frankfurt oder Dutts Ex-Klub SC Freiburg bewiesen. "Der Weg, alles nur spielerisch lösen zu wollen, ist bestimmt nicht der beste", sagt Prödl.

Um sich wie jüngst Frankfurt frohgemut in den Liga-Alltag stürzen zu können, fehlt jedoch zunächst mal das nötige Selbstvertrauen. "Werder steht eine schwierige Saison bevor", sagt Prödl. Viel Arbeit, viel Selbstkritik sei nötig. Wer zuletzt in der Bundesliga vor einem halben Jahr ein Spiel gewonnen hat und dann im ersten Pflichtspiel der neuen Saison gleich wieder mit einer Blamage anfängt, wird sich an der guten Stimmung und dem vorbildlichen Eifer in den drei Trainingslagern nur bedingt aufrichten können. Siege sind durch nichts zu ersetzen, das galt schon in der guten alten Werder-Zeit. In der Zeit, die noch nicht lang her ist – und doch schon so weit weg.

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