Sahin im Leistungsnachweis

Vom Zauberfuß zum Eisenfuß

Nuri Sahin in der Startelf? Zuletzt hieß das oft, dass Werder bei Kontern deutlich anfälliger wurde. Gegen Leverkusen spielte Sahin hingegen exzellent – auch dank eines besonderen Kniffs von Florian Kohfeldt.
18.03.2019, 18:02
Lesedauer: 3 Min
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Von Cedric Voigt
Vom Zauberfuß zum Eisenfuß
nordphoto

Es hatte fast den Klang einer Hiobsbotschaft: Am Sonnabend, während des Abschlusstrainings in Bremen, fehlte ein hoch geschätzter Stammspieler auf dem Rasen. Schnell folgte die Bestätigung: Philipp Bargfrede plage sich mit muskulären Problemen, könne tags darauf gegen Bayer Leverkusen nicht auflaufen. Es war bereits Bargfredes elfter Ausfall während der laufenden Saison, von den zehn vorangegangenen Spielen hatte man lediglich zwei gewinnen können.

Grund zur Panik? Mitnichten. In Leverkusen fügte Werder dieser Zählung eine dritte Partie hinzu – mit einer beachtlichen Defensivleistung. Und ausgerechnet Bargfrede-Ersatz Nuri Sahin, zuletzt gerade gegen schnelle Gegenspieler immer wieder mit Problemen, hatte einen herausragenden Anteil daran, die hochgelobte Leverkusener Offensive rund um Kreativspieler Julian Brandt nicht zur Entfaltung kommen zu lassen.

Ironischerweise war es gerade die hohe individuelle Qualität des Gegners, die Sahin und seiner Spielweise entgegenkam: Am Ende des Tages gewann Werder zwar mit 3:1 und hatte auch in der Summe die besseren Chancen, die Kategorie Ballbesitz ging aber mit 70,7 Prozent deutlich an Bayer Leverkusen. Wo Werder zuletzt gezwungen war, das Spiel zu machen und im Versuch, tiefstehende Abwehrreihen zu knacken, Risiken bei der Konterabsicherung gehen musste, spielten die frühe Führung des eigenen Teams und das dominante Spiel der Mannschaft von Peter Bosz besonders Sahin in die Karten.

Dessen defensive Verwundbarkeit zeigte sich zuletzt immer dann, wenn es darum ging, besonders viel Raum zu verteidigen. Der Grund dafür findet sich vor allem in Sahins eklatantem Tempodefizit, auch gegen Bayer war Sahin mit 26,74 Kilometern pro Stunde einmal mehr der langsamste Spieler (mit signifikanter Einsatzzeit) auf dem Platz. Gegen Leverkusen musste Werders 1B-Lösung auf der Sechs aber selten bis nie in Laufduelle gehen, sondern konnte stattdessen aus einem tief verteidigenden Dreier-Mittelfeld immer wieder herausrücken, um gut abgesichert Ballgewinne zu forcieren.

In den Partien, in denen Werder das Spiel selbst machen musste und Davy Klaassen und Maximilian Eggestein weiter vorne gebraucht wurden, hatte Sahin weniger aggressiv spielen können. So aber übernahmen die Teamkollegen besonders in der ersten Halbzeit das Verteidigen der Halbräume und Flügelzonen, und Sahin konnte die direkten Duelle suchen, ohne gefährliche Räume freizulassen. Das gelang Sahin vortrefflich: Vierzehnmal gelangte er in Ballbesitz, nur siebenmal verlor Werder den Ball durch Sahins Aktionen.

Insgesamt 23 Zweikämpfe bestritt der Sechser, der Top-Wert aller Spieler auf dem Feld. Und auch, wenn manch eine der zahlreichen Grätschen unglücklich ins Leere rutschte (und Sahin vor seiner Gelben Karte zu ungestüm gegen Kevin Volland in den Zweikampf ging): Mit 52,2 Prozent gewonnenen Duellen gab sich Werders Routinier im Zentrum keine Blöße, sondern störte das Leverkusener Spiel immer wieder entscheidend.

Doch was war eigentlich mit Sahins eigentlicher Paradedisziplin? Gelobt wird der Ex-Dortmunder zumeist nicht als „Eisenfuß“ im Zweikampf, sondern als „Zauberfuß“ im Spielaufbau. Und auch hier tat Sahin sich durchaus hervor: Unter Druck fand der Bremer Edeltechniker immer wieder Lösungen, das Spiel kontrolliert fortzusetzen. 35 Pässe sind die zweitmeisten bei Werder hinter Max Kruse, mit einer Erfolgsquote von 80 Prozent lag Sahin klar über dem Mannschaftsdurchschnitt von nur 69 Prozent.

In der 59. Minute hatte Sahin dann sogar die Chance, seine starke Leistung mit einem Freistoßtreffer zu krönen. Einzig die Querlatte stand im Weg. Unterm Strich machte Sahin dennoch Werbung in eigener Sache. Die nächste Partie zuhause gegen Mainz findet allerdings ohne den Linksfuß statt: Eine Gelbsperre zwingt Florian Kohfeldt zum Umdenken. Allerdings hätte Sahin es gegen die weniger dominant auftretenden Mainzer und angesichts der anderen Qualitäten, die die Favoritenrolle den Bremern abverlangt, in der Defensive wohl auch schwerer gehabt. In den zahlreichen Spielen gegen Top-Gegner bis zum Saisonende könnte Sahin aber wichtig werden, so er denn wie gegen Leverkusen die nötige Unterstützung seiner Nebenleute erhält.

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