Stuttgarter Sparzwänge 15.000 Jobs betroffen: Daimler muss wohl noch mehr sparen

Kosten runter, Stellen streichen, Investitionen kappen: Im November hat Daimler-Chef Källenius ein Sparprogramm vorgelegt. Womöglich reicht das aber nicht. In Bremen werden dennoch nur wenige Auswirkungen erwartet.
10.02.2020, 10:17
Lesedauer: 4 Min
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15.000 Jobs betroffen: Daimler muss wohl noch mehr sparen
Von Stefan Lakeband

Der Sparkurs beim Autobauer Daimler fällt möglicherweise schärfer aus als gedacht. Wie das „Handelsblatt“ berichtet, will Vorstandschef Ola Källenius noch deutlich mehr beim Personal einsparen als die rund 1,4 Milliarden Euro, die er im November bei der Präsentation seiner Strategie für die kommenden Jahre genannt hatte. Dem Bericht zufolge sollen weltweit bis zu 15 000 Stellen wegfallen. Bisher war immer nur von mindestens 10.000 die Rede gewesen. Allerdings hatte Daimler selbst diese Zahl nie ­genannt, sondern nur einmal von einer „niedrigen fünfstelligen Zahl“ gesprochen. Zu der neuen Zahl wollte Daimler ebenfalls nichts sagen.

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Der Gesamtbetriebsrat des Konzerns betont, er kenne die Zahl nicht und wolle sie auch nicht weiter kommentieren. Es gebe eine Vereinbarung mit der Unternehmensleitung, die in erster Linie zum Inhalt habe, Abläufe und Prozesse anzupassen. Und natürlich gehöre zur Effizienzsteigerung auch die Reduktion von Personalkosten. Was es aber nicht gebe, sei eine Vereinbarung über eine konkrete Zahl an Stellen, die wegfallen sollen. „Diese Zahlenspielchen, wer auch immer sie in die Welt setzt, bringen uns keinen Meter weiter“, heißt es.

Das bestätigt auch Michael Peters, Betriebsratsvorsitzender im Bremer Mercedes-Werk. „Es gibt keine abgestimmten Zahlen, wie viel Personal abgebaut werden soll.“ Für die Fertigung in der Hansestadt erwartet er nur wenig Auswirkungen, da sich das Sparprogramm vor allem auf die Verwaltung beziehe – und nicht auf die Produktion. Die sei in Bremen sowieso „sehr gut ausgelastet“. Hier wird die absatzstarke C-Klasse produziert, bei der in etwa einem Jahr ein Modellwechsel ansteht; zuletzt habe man auch gut mit Elektroautos und Hybrid-Fahrzeugen zu tun gehabt.

Källenius will verschärfte Pläne am Dienstag präsentieren

Laut „Handelsblatt“ will Källenius seine verschärften Pläne am Dienstag in Stuttgart präsentieren, wenn er auch die Bilanz für das Jahr 2019 vorlegt. Die dürfte angesichts eines drastischen Gewinneinbruchs ohnehin nicht gerade glanzvoll ausfallen.

Nach schon bekannten vorläufigen Zahlen hat Daimler 2019 einen operativen Gewinn von 5,6 Milliarden Euro erzielt. Das ist gerade einmal halb so viel wie 2018 – und schon da war das Ergebnis deutlich nach unten gerauscht. Noch gar nicht darin berücksichtigt sind weitere Kosten im Zusammenhang mit der Dieselaffäre, die der Konzern erst vor knapp drei Wochen öffentlich gemacht hatte: Für Rückrufe und Verfahren weltweit rechnet er mit weiteren 1,1 bis 1,5 Milliarden Euro – zusätzlich zu den 1,6 Milliarden, die im Laufe des Jahres schon für die Dieselaffäre zur Seite gelegt wurden. Schon da hatten Experten vermutet, dass das bisherige Sparprogramm wohl nicht reichen wird.

Investorenvertreter fordern daher auch personelle Konsequenzen. „Eine Rückkehr von Dieter Zetsche zu Daimler als Aufsichtsratschef ist undenkbar“, sagt Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, im „Handelsblatt“. Er sieht in Zetsche einen der Hauptverantwortlichen für die aktuelle Misere. Eigentlich soll der Källenius-Vorgänger 2021 Chefaufseher von Daimler werden. Zudem gibt es Kritik an Personalchef Wilfried Porth.

Sparprogramm wurde im November ausgerufen

Källenius, der den Posten des Vorstandsvorsitzenden im Mai von Dieter Zetsche übernommen hatte, hat die Gewinnerwartungen seither mehrfach nach unten korrigiert. Zwar zogen die zeitweilig schwächelnden Pkw-Verkaufszahlen bei Mercedes-Benz in der zweiten Jahreshälfte wieder an und bescherten der Kernmarke am Ende abermals einen Absatzrekord. Daimler ächzt aber abseits der teuren Diesel-Altlasten auch unter den hohen Kosten für den Einstieg in die Elektromobilität, der angesichts drohender Strafzahlungen bei Überschreitung der CO2-Grenzwerte nun rasch gelingen muss.

Auch die Weiterentwicklung von Zukunftstechnologien wie dem automatisierten Fahren ist ein teures Unterfangen, das Milliarden verschlingt. Hinzu kam zuletzt noch die nachlassende Konjunktur im Lastwagen-Geschäft.

Källenius hatte deshalb im November vor Investoren ein Sparprogramm ausgerufen. Außer den Personalkosten will er auch die Materialkosten deutlich senken und zudem die Investitionen deckeln, die teure Modellpalette ausdünnen und sich in den einzelnen Segmenten stärker auf die Fahrzeuge mit den höchsten Gewinnspannen konzentrieren. Laut „Handelsblatt“ ist das Aus für einige Modelle, unter anderem in der S-Klasse, nun bereits beschlossen. Das Ende der X-Klasse, eines erst 2017 auf den Markt gebrachten, aber hinter den Erwartungen zurückgebliebenen Pick-up-Modells, war schon vergangene Woche bekannt geworden.

Zur Sache

Geely will mit Volvo fusionieren

Der chinesische Autobauer Geely will seine Geschäfte mit der schwedischen Tochter Volvo Cars zusammenlegen. „Ein Zusammenschluss der beiden Firmen würde einen starken weltweiten Konzern ergeben“, sagte Geely-Chef Li Shufu laut einer Volvo-Mitteilung vom Montag. Geely hatte lange auch einen Börsengang von Volvo Cars im Visier. Nun solle ein gemeinsamer Konzern zunächst in Hongkong und später in Stockholm an der Börse notiert sein. Die jeweiligen Marken der Unternehmen sollten erhalten bleiben. Geely hatte Volvo Cars 2010 vom US-Autobauer Ford übernommen. Die Chinesen sind auch mit knapp zehn Prozent größter Anteilseigner von Daimler. Am von Volvo Cars getrennten Lkw- und Nutzfahrzeughersteller Volvo AB ist Geely ebenfalls beteiligt.

++ Dieser Artikel wurde um 19.42 Uhr aktualisiert. ++

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