Reinhold Thiel aus Habenhausen hat ein Buch über das Unternehmen Weser-Flugzeugbau verfasst Die Anfänge der Bremer Luftfahrtindustrie

In mehreren Büchern hat sich der Autor Reinhold Thiel aus Habenhausen mit der Bremer Schiffbau- und Schifffahrtsgeschichte befasst. Inzwischen hat er sich der Geschichte des Flugzeugbaus in der Hansestadt zugewandt. Im Vorjahr legte er einen umfangreichen Band über Focke-Wulf vor. Darauf folgt jetzt die erste größere Aufarbeitung der Entwicklung des Unternehmens Weser-Flugzeugbau.
24.10.2013, 00:00
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Die Anfänge der Bremer Luftfahrtindustrie
Von Detlev Scheil

In mehreren Büchern hat sich der Autor Reinhold Thiel aus Habenhausen mit der Bremer Schiffbau- und Schifffahrtsgeschichte befasst. Inzwischen hat er sich der Geschichte des Flugzeugbaus in der Hansestadt zugewandt. Im Vorjahr legte er einen umfangreichen Band über Focke-Wulf vor. Darauf folgt jetzt die erste größere Aufarbeitung der Entwicklung des Unternehmens Weser-Flugzeugbau.

Sie wurde im Jahr 1934 sozusagen als fliegende Abteilung der Werft AG „Weser“ gegründet, profitierte dann erheblich von den Aufträgen der Kriegswirtschaft und beschäftigte auf dem Höhepunkt bis zu 28 000 Menschen. Im Zweiten Weltkrieg gehörte sie zu den vier größten Flugzeugbau-Unternehmen in Deutschland. Allerdings stand sie immer im Schatten des weitaus bekannteren Bremer Flugzeugbauers Focke-Wulf, mit dem sie schließlich Ende 1963 zu den Vereinigten Flugtechnischen Werken (VFW) fusionierte. Die Rede ist vom Bremer Unternehmen Weser-Flugzeugbau GmbH, auch kurz Weserflug genannt.

„Der heutige Flugzeugbau in Bremen unter dem Namen ,Airbus‘ ist ohne die frühen Pionierleistungen des Weser-Flugzeugbau-Firmengründers Fritz Feilcke nicht denkbar“, sagt Reinhold Thiel. Der pensionierte Lehrer, Jahrgang 1944, der früher an einer Schule in Walle Geschichte und Sport unterrichtete, hat sich intensiv mit der Geschichte der Weserflug befasst und darüber jetzt ein mit zahlreichen historischen Fotos angereichertes Buch veröffentlicht. In verschiedenen Archiven stöberte er zahlreiche Dokumente über die Weserflug auf. „Auch im Archiv bei Airbus sind ergiebige Unterlagen und interessante Fotos vorhanden, allerdings ungeordnet“, erzählt Thiel. Darüber hinaus erhielt er bei Erben von früheren Weserflug-Spitzenkräften Einblicke in Nachlässe.

Sein Interesse an dem Thema hat auch familiäre Hintergründe: Thiel entstammt einer Familie, die seit Generationen eng mit der Schifffahrt und dem Flugzeugbau verbunden ist. Reinhold Thiels Großvater, der den gleichen Vor- und Nachnamen trug, war einer der ersten Mitarbeiter, als 1934 die Weserflug gegründet wurde. Über Stettin und Danzig war der Schiffbauer Reinhold Thiel senior nach Bremen gekommen. Der Vater des Buchautors fuhr zeitweise zur See und hat ab 1936 einige Jahre für die Weserflug gearbeitet.

In dem Buch werden weitgehend chronologisch die Entwicklungsetappen der Weserflug samt vielen flugtechnischen Innovationen vorgestellt. Ausführlich schildert Thiel auch den Einfluss des Kriegsverlaufs und der nationalsozialistischen Rüstungspolitik. Allerdings verstellen zuweilen die überreichlich aufgeführten Details und ausführlichen Zitate aus Originaldokumenten dem Leser zuweilen den Blick auf die Gesamtzusammenhänge.

Außenwerk im Industriehafen

Die Weser-Flugzeugbau wurde im April 1934 als Tochtergesellschaft der Deutschen Schiff- und Maschinenbau-Aktiengesellschaft (Demischag) gegründet, zu der auch die AG „Weser“ gehörte. Ein Außenwerk wurde zunächst im Bremer Industriehafen angesiedelt. Heute steht dort ein Kraftwerk. Als weitere Weserflug-Standorte kamen später Lemwerder, Delmenhorst, Einswarden, Nordenham und Berlin-Tempelhof hinzu. In Lizenz wurde unter anderem das Sturzkampf-Flugzeug JU 87, kurz Stuka genannt, gebaut: Mehr als 5000 dieser Bomber verließen im Laufe der Jahre die Weserflug-Werke. Fritz Feilcke, Hauptbetriebsführer und Technischer Leiter der Weserflug, gelang es auch während des Krieges trotz erschwerter Bedingungen, die geforderten Stückzahlen an Flugzeugen pünktlich und zuverlässig zu liefern.

Die Beschäftigtenzahl der Weserflug wuchs kontinuierlich. War man 1934 mit gut 400 Mitarbeitern gestartet, so stieg diese Zahl bis 1935 auf 4200 und bis 1937 auf 7200. Zunächst hatte es Aufträge gegeben, Teile für die Dornier Do 23, die Junkers W 34 und Junkers JU 86d zu fertigen. Dann kamen Aufträge für den Bau von 36 Junkers W 34 See und 44 Heinkel He 60 See hinzu, die komplett von der Weserflug gebaut wurden. Bei Kriegsende waren die Bremer Produktionsstätten sowie die Hauptverwaltung der Weserflug in der Innenstadt durch alliierte Bombenangriffe zerstört, während es im Werk Lemwerder kaum Schäden gab. Das von den Siegermächten verhängte Produktionsverbot für Flugzeuge zwang zunächst zum Abwarten.

Zu Beginn der 50er-Jahre zeichnete sich allmählich ein Neubeginn für die deutsche Luftfahrtindustrie ab. Zunächst wurde im Verborgenen geplant. 1956 konnte das Unternehmen unter dem alten Namen Weser-Flugzeugbau GmbH einen Neustart mit dem Hauptsitz beim Werk Lemwerder machen.

Mit Aufstellung der Bundeswehr im Januar 1956 entstand ein großer Bedarf an Rüstungsgütern. Die Weserflug erhielt den lukrativen Auftrag, 558 amerikanische Düsenflugzeuge vornehmlich vom Typ F-84 „Thunderstreak“ für die neue Bundesluftwaffe zu reparieren und aufzurüsten. Danach ging es stetig aufwärts in Lemwerder. Der kleine Ort Lemwerder in der damaligen Gemeinde Stedingen machte sich durch Weserflug einen Namen. Spezialisten und Facharbeiter aus ganz Deutschland zogen dorthin. Transportmaschinen wie die Noratlas wurden dort gewartet und als bedeutendstes Projekt das Transportflugzeug Transall C-160 entwickelt. Aber auch am Nachbau des „Starfighters“, Lockheed F-104 G, war die Weserflug beteiligt.

Thiels Darstellung endet in seinen beiden Büchern mit der Fusion der Unternehmen Ende 1963 zu den Vereinigten Flugtechnischen Werken (VFW).

Das Buch „,Weser‘ Flugzeugbau“ von Reinhold Thiel ist im Hauschild-Verlag erschienen, hat 280 Seiten, enthält 235 Abbildungen und kostet 44 Euro. Der zuvor fertiggestellte Band „Focke-Wulf Flugzeugbau“, ebenfalls Hauschild-Verlag, hat 392 Seiten und kostet 48 Euro.

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