„Ein Frexit wäre der Super-Gau“

Marine Le Pen schlägt in ihrem Wahlprogramm die Rückkehr zum Franc vor. Was hätte das für Frankreich und die europäischen Partner zu bedeuten?Philippe Crevel: Wenn die zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Euro-Zone diese verlassen würde, gäbe das einen systemischen Schock, den die Gemeinschaftswährung vielleicht nicht überstehen könnte. Bei einer Umwandlung in Franc würde dieser vor allem in den ersten Monaten durch Spekulationen gegen die nationale Währung um schätzungsweise 30 bis 40 Prozent abgewertet.
22.04.2017, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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„Ein Frexit wäre der Super-Gau“
Von Max Polonyi

Marine Le Pen schlägt in ihrem Wahlprogramm die Rückkehr zum Franc vor. Was hätte das für Frankreich und die europäischen Partner zu bedeuten?

Philippe Crevel: Wenn die zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Euro-Zone diese verlassen würde, gäbe das einen systemischen Schock, den die Gemeinschaftswährung vielleicht nicht überstehen könnte. Bei einer Umwandlung in Franc würde dieser vor allem in den ersten Monaten durch Spekulationen gegen die nationale Währung um schätzungsweise 30 bis 40 Prozent abgewertet. Die Schulden würden unmittelbar ansteigen, aber auch die Zinsen, wobei Frankreich momentan noch von einem sehr niedrigen Zinsniveau profitiert. Zugleich droht dann auch der Wert des Euro zu sinken, was alle anderen Euro-Länder betreffen würde. In einer katastrophalen Lage wären zudem die französischen Versicherungen wie Axa und natürlich die Banken, die von der Europäischen Zentralbank als systemrelevant eingestuft werden: Crédit Agricole, Société Générale und BNP Paribas als die zweitgrößte Bank Europas. Es wäre der Super-Gau für die Stabilität der europäischen Finanzwelt.

Wie sähen die Folgen für die Wirtschaft aus?

Ausländische Investoren dürften sich voraussichtlich von Frankreich abwenden und die Preise auf dem Immobilienmarkt durch stark steigende Zinsen einbrechen. Bei Exporten würden die französischen Unternehmen von einem neuen Wechselkurs mit einer Währung, die um mindestens 30 Prozent entwertet wird, zwar profitieren. Doch Importe und damit auch die Produkte müssten deutlich teurer bezahlt werden. Frankreich hat eine negative Außenhandelsbilanz, es führt Energie ein und der Ölpreis würde steigen. Heute handelt Frankreich zu mehr als 60 Prozent mit Ländern der Euro-Zone. Doch wenn es politisch kein loyaler Partner mehr wäre und Zölle einführen würde, wie Le Pen es fordert, erscheint nicht sicher, ob die anderen Länder das ohne Weiteres akzeptieren oder französische Importe ablehnen würden. Das könnte Europa in eine Handelskrise stürzen.

Inwiefern bekämen die französischen Bürger die Folgen zu spüren?

Es wäre ein echter Schock für sie. Die hohen Schulden brächten einerseits die Guthaben und vor allem die Lebensversicherungen der Franzosen in Gefahr. Gerade in der Übergangsphase bis zur Rückkehr zu einer nationalen Währung könnte es zu Liquiditätsproblemen kommen und bei Auslandsreisen von Privatpersonen oder Betrieben zu einer Sperrung ihrer Konten, damit die Banken die Kontrolle bewahren und das Geld nicht ins Ausland abfließt. Die Erhöhung der Preise von eingeführten Gütern und Energie würde sich massiv auf die Kaufkraft der Menschen auswirken.

Marine Le Pen tut solche Warnungen als überzogene Droh-Szenarien ab. Wie belegen Sie konkret Ihre Voraussagen?

Als Beispiel lässt sich die Euro-Krise in Griechenland heranziehen, wo die Regierung Konten der Bürger blockieren musste, um zu verhindern, dass diese ihr Geld im Ausland anlegen. Die Kapitalflucht von Sparern und Unternehmen wäre auch in Frankreich ein hohes Risiko. Oder blicken Sie auf die Finanzkrise in Lateinamerika, wo es nach dem Bankrott mehrere Jahre dauerte, bis sich die finanzielle und wirtschaftliche Situation in vielen Ländern wieder stabilisiert hat. Argentinien hat immer noch nicht freien Zugang zu den Finanzmärkten. Freilich wäre der Ausstieg eines Euro-Landes aus der Gemeinschaftswährung eine nie dagewesene Situation. Aber klar ist: Sie wäre dramatisch für alle Beteiligten.

Dem widerspricht Marine Le Pen, die die monetäre Kontrolle über alles stellt. Außerdem lobt sie die Briten für ihre Brexit-Entscheidung und schlägt ein Referendum über einen EU-Austritt Frankreichs vor, also einen Frexit.

Ein Frexit wäre nicht vergleichbar mit dem Brexit, eben weil Großbritannien sich nicht in dem kleinen Club der Euro-Länder befindet, die durch die gemeinsame Währung wirtschaftlich eng miteinander verflochten sind. Hinzu kommt Frankreichs zentrale Rolle als Gründungsmitglied der EU und Mitglied des Schengen-Raums. Wir kennen die genauen Folgen des Brexit noch nicht, es geht ja nun erst einmal in zwei Jahre dauernde Verhandlungen. Aber es lässt sich bereits absehen, dass die wirtschaftlichen Folgen hart werden.

Im französischen Wahlkampf haben die EU-Kritiker von Le Pen über einige unbekanntere Kandidaten bis zum Linkspolitiker Jean-Luc Mélenchon Rückenwind. Zeigt dies, dass auf diese Skepsis gegenüber Brüssel in der Bevölkerung Antworten fehlen?

Dass Probleme in der Euro-Zone und der EU bestehen, steht außer Frage. Es gibt nicht genug Föderalismus, Hilfe und Kooperation untereinander. Aber zugleich ist der Euro heute die zweitwichtigste Währung weltweit nach dem Dollar. Er hat uns erlaubt, die Krise zu überwinden und ökonomisch eine starke Stimme gegenüber Ländern wie China oder Indien zu haben. Wer für ein unabhängiges Frankreich ist, muss es wirtschaftlich stärken. Ein Rückzug aus Europa und der Euro-Zone würde das Gegenteil bewirken. Und 60 Jahre nach der Unterzeichnung der Römischen Verträge wäre das ein sehr trauriges Signal.

Das Gespräch führte Birgit Holzer.

Zur Person

Philippe Crevel ist französischer Wirtschaftswissenschaftler. Der 52-Jährige war wirtschaftlicher Berater im Gesundheits- und Familienministerium Frankreichs und leitet die Forschungsgruppe Cercle de l`Épargne.
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