Corona limitert Kreuzfahrten Kreuzfahrtbranche vor hartem Winter

Während der Veranstalter Plantours Kreuzfahrten die Wintersaison bereits abgesagt hat, wollen Aida und Tui Cruises nicht so schnell den Anker für mehrere Monate Werfen. Was das für Bremerhaven bedeutet.
22.09.2020, 05:00
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Kreuzfahrtbranche vor hartem Winter
Von Peter Hanuschke

Dem Columbus Cruise Center (CCCB) in Bremerhaven ist in diesem Jahr das Geschäft weggebrochen. Zwar konnten Besucher der Seestadt viele Kreuzfahrtschiffe gleichzeitig rund um das Terminal an der Weser beobachten. Das lag aber daran, dass sie sich dort auf Reede befanden. Denn weltweit steht die Branche für Hochsee-Kreuzfahrten so gut wie still. Die Herbst- und Wintersaison ist für sie wichtig, weil sich viele Kreuzfahrer im europäischen Winter in die Wärme verschiffen lassen.

Derzeit legen einzelne Schiffe zu Sonderrouten mit deutlich reduzierten Passagierzahlen ab. Auf diese Weise versuchen Volumen-Anbieter wie Tui Cruises oder Aida Cruises bei den Kunden Vertrauen zurückzugewinnen. Ansonsten ist das CCCB in dieser Saison lediglich Anlaufpunkt für einen Crewwechsel gewesen. Andere Reedereien haben ihren Betrieb komplett eingestellt oder sind auch schon in die Insolvenz gegangen, wie beispielsweise Transocean.

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Der Kreuzfahrtexperte Matthias Morr beobachtet bei großen Anbietern: „Aktuell zeichnen sich als Konzept Kreuzfahrten in einer Blase ab.“ Morr, der unter dem Namen Schifftester einen Youtube-Kanal betreibt, erläutert, wie er das meint: „Gäste und Crew gehen nur an Bord, wenn sie einen negativen Covid-19-Test vorweisen können – dort gelten dann Abstandsregeln und Maskenpflicht bei reduzierter Kapazität – die ersten Gäste berichten, dass sie sich so sehr sicher fühlen. Auch ich habe mich an Bord sicherer gefühlt als beispielsweise in einem vollen Bus an Land.“

Ein Weiter so und die Devise „noch größer und noch mehr Touristen“ wird laut Morr nicht mehr funktionieren. Das war das Ziel der Branche in den vergangenen Jahren. Das werde vorerst schwierig, sagt Morr: „Man wird versuchen, diejenigen weiterhin als Kunden zu gewinnen, die auch in der Vergangenheit schon Seereisen gemacht haben.“

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Unter den großen Anbietern will Aida Cruises am 17. Oktober die Saison 2020/21 mit Reisen nach Italien eröffnen. Ursprünglich war der Saisonbeginn für den 1. November mit einer Reise der „Aidamar“ rund um die Kanarischen Inseln geplant. Tui Cruises will in der Wintersaison Reisen zu Zielen anbieten, selbst wenn für diese derzeit noch Reisewarnungen der Bundesregierung oder Reisehinweise bestehen.

Tui-Cruises-Geschäftsführerin Wybcke Meier sagte der „Welt am Sonntag“, sie sei zuversichtlich, dass im Winter Reisen zu den Kanaren möglich sein würden: „Wir hoffen, spätestens im Frühjahr 2021 wieder mit allen sieben Schiffen unterwegs zu sein, mit etwas weniger Auslastung und den passenden Gesundheitskonzepten.“ Zu den Finanzen sagte Meier: „Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht und werden daher auch diese Phase mit weniger Schiffen und geringerer Auslastung überstehen.“ 60 Prozent der Mitarbeiter seien in Kurzarbeit.

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In Bremerhaven übt man sich in Zuversicht. CCCB-Geschäftsführer Veit Hürdler rechnet für 2021 damit, dass einige Kreuzfahrtschiffe in die Seestadt kommen werden, um dort ihre Reisen zu starten. Das sei jedoch ein schwieriges Unterfangen, gibt Hürdler zu, der auch Geschäftsführer der CCCB-Tochter in Mecklenburg-Vorpommern ist, dem Columbus Cruise Center Wismar (CCCW). Er hat gerade mit der Planung für die kommende Saison begonnen und sagt: „Es gibt einfach sehr viele Unsicherheiten.“

Hürdler muss mit zwei extremen Szenarien rechnen, die er so beschreibt: „Wenn es einerseits bald einen Impfstoff in ausreichender Menge gibt, dann wird es vielleicht im nächsten eine relativ normale Kreuzfahrtsaison geben.“ Passiere das nicht, bestehe die Gefahr, dass es ein zweites Jahr ohne Kreuzfahrtanläufe gebe – und weitere Reedereien in derart finanzielle Nöte gerieten, dass sie vom Markt verschwänden.

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Der Bremer Veranstalter Plantours Kreuzfahrten hat die Wintersaison abgesagt und damit als erster in der Branche frühzeitig für Planungssicherheit gesorgt. Deren MS „Hamburg“, das kleinste Kreuzfahrtschiff Deutschlands, soll ab März wieder fahren. Plantours-Geschäftsführer Oliver Steuber favorisiert derzeit eher kurze Reisen in Gebiete, „die relativ schnell zu erreichen sind“. Fahrten in die Antarktis oder Karibik seien nicht zuverlässig zu planen.

Stammgäste und Vertriebspartner haben laut Steuber die Entscheidung positiv aufgenommen: „Rund zwei Drittel aller Passagiere haben daraufhin auf eine Kreuzfahrt für 2021/22 umgebucht.“ Der Tourismusexperte Torsten Kirstges von der Jade-Hochschule in Wilhelmshaven rechnet damit, dass sich das Reiseverhalten der Menschen im kommenden Jahr „wieder ein bisschen normalisiert. Spätestens in zwei, drei Jahren werden Kreuzfahrten wieder boomen, und Fernreisen werden nachgeholt“. Allerdings werde sich auf mittlere Sicht das Reiseverhalten grundsätzlich verändern.

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