Kommentar über den Warenhauskonzern

Auf Kosten der Beschäftigten

Nach Ende der Insolvenz von Galeria Karstadt Kaufhof will der Chef Miguel Müllenbach Zuversicht verbreiten. Warum er bereits jetzt angezählt ist und was schiefläuft, kommentiert Florian Schwiegershausen.
04.10.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Auf Kosten der Beschäftigten
Von Florian Schwiegershausen
Auf Kosten der Beschäftigten

Bleibt bestehen: die Filiale von Galeria Karstadt Kaufhof in der Bremer Innenstadt.

Frank Thomas Koch

Fast schon historisch war für Miguel Müllenbach, dem noch relativ neuen Chef von Galeria Karstadt Kaufhof (GKK), ein Moment Ende dieser Woche. Das Unternehmen wurde mit Ende des Schutzschirmverfahrens schuldenfrei. In einem Brief an die Mitarbeiter schrieb er: „Diesen Tag und diesen Erfolg haben wir alle herbeigesehnt.“

Auch für die bundesweit 4500 Mitarbeiter von Karstadt und Kaufhof – darunter gut 200 in der Bremer Galeria Kaufhof und bei Karstadt in Bremerhaven – hat dieser Tag eine immense Bedeutung: Sie werden ihren Arbeitsplatz verlieren. Müllenbach verkündet jedoch, dass sich GKK auf dem Spielfeld zurückmelde und in den kommenden Monaten die Tabelle der erfolgreichen Einzelhändler auf den Kopf stellen werde.

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Statt solche großspurigen Worte zu wählen, sollte Müllenbach lieber Demut an den Tag legen. Das gilt erst recht gegenüber den Mitarbeitern, denen nun die Arbeitslosigkeit droht. Erst die Insolvenz hat es GKK einfacher gemacht, sie loszuwerden, und das ohne angemessene Abfindungen. Die hätte es außerhalb einer Insolvenz im Rahmen eines Sozialtarifvertrags geben müssen. In dem Fall hätte die Gewerkschaft Verdi auch eine viel stärkere Verhandlungsposition gehabt.

Jetzt wertet es Verdi schon als Erfolg, überhaupt eine Abfindung in Höhe von 1,5 Monatsgehältern ausgehandelt zu haben. Selbst für Mitarbeiter, die 30 Jahre und länger in ihrer Abteilung alles gegeben haben, gibt es nicht mehr. Laut einem Bremer Verdi-Sprecher könnte es am Ende sogar noch weniger werden, weil die Abfindung Teil des Geldes sei, bei dem noch Gläubiger zu berücksichtigen sind. Auch nicht gerade üppig ausgestattet ist die Transfergesellschaft. Hier können sich entlassene Mitarbeiter sechs Monate lang qualifizieren. Woanders sind zwölf Monate üblich. Zudem hat das Personal von Karstadt bereits über Jahre hinweg auf Weihnachts- und Urlaubsgeld verzichtet.

Müllenbach seit 2012 Mitglied der Geschäftsführung

Die Mitarbeiter müssen etliche Fehlentwicklungen ausbaden, die auf das Konto des Managements und eben auch Müllenbachs gehen. Er ist seit 2005 bei Karstadt beschäftigt und dort seit 2012 als Finanz- und Personalvorstand Mitglied der Geschäftsführung.

Bereits vor Corona ließ man eine Unternehmensberatung nach der anderen in den Warenhauskonzern hineinmarschieren, statt auf die Mitarbeiter in den Häusern vor Ort zu hören, was denn die Kunden möchten. Im Interview mit der „Bild am Sonntag“ sagte Müllenbach, dass man dies in Zukunft stärker tun wolle. Diesen Rat gab es von Verdi bereits vor zehn Jahren gratis, ohne dass hinterher eine hohe Rechnung einer Consulting-Firma ins Haus flatterte. Außerdem gehen GKK nun der Rat und das Fachwissen von 4500 Mitarbeitern verloren.

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In dem Interview sagte Müllenbach auch, dass der Konzern sich digital besser aufstellen müs­se. Das klingt so, als wäre das Internet erst vergangene Woche erfunden worden. Müllenbach hat schon 2009 die Arcandor-Pleite mitgemacht. Bereits damals hieß es: Man müsse viel digitaler werden.

Und heute? Erst kürzlich ist das passiert: Ein T-Shirt aus der Werbung ist im Bremer Karstadt-Geschäft nicht erhältlich. Aber Galeria Karstadt Kaufhof verkauft auch über das Internet. Dort also das Shirt bestellt, doch zwei Tage später kommt eine Mail mit einer Stornierung wegen eines technischen Fehlers. Als Entschädigung gibt es einen Fünf-Euro-Gutschein. Um das digitale Unvermögen gegenüber dem Kunden zu kaschieren, ist offenbar Geld vorhanden. Für die langjährigen Mitarbeiter aber sind nicht mehr als die knappen Abfindungen drin.

Pressestelle will nicht für positive Außendarstellung sorgen

Wofür die Mitarbeiter in den Filialen auch nichts können, ist die zweifelhafte Pressearbeit des Konzerns. Selbst Anfragen zur Adventszeit, was sich denn im Weihnachtsgeschäft gut verkaufe, werden nicht beantwortet. Es kommt schon einer Arbeitsverweigerung gleich, wenn die Pressestelle nicht mal für eine positive Außendarstellung sorgen will. Auch andere Medien haben schon über eine gewisse Ignoranz geklagt.

Bei aller Kritik am Management gibt es aber auch einen Punkt, an dem sich die Verbraucher an die eigene Nase fassen müssen. In der „Bild“ fasste es ein Kommentator so zusammen: „Wer Warenhäuser will, muss dort auch einkaufen. So einfach ist das. Wenn wir mal ehrlich sind: Das haben viele von uns zu selten getan.“ Das Lächeln und das Fachwissen einer Verkäuferin oder eines Verkäufers im Warenhaus sind durch keine Online-Bestellung zu ersetzen. Ob die verbliebenen Mitarbeiter in Zukunft lächeln können, liegt also auch an der Kundschaft.

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