Lohnlücke schwankt je nach Region Warum Frauen in Cottbus mehr verdienen als Männer

Frauen verdienen in Deutschland im Schnitt weniger als Männer. Doch in manchen Städten im Osten ist es genau umgekehrt: In Cottbus sind es 17,3 Prozent mehr Lohn für die Frauen. Woran liegt das?
12.02.2018, 20:17
Lesedauer: 3 Min
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Warum Frauen in Cottbus mehr verdienen als Männer
Von Melanie Reinsch

Dass Frauen in Deutschland weniger verdienen als Männer, ist bekannt. Neu ist die Nachricht, dass die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen je nach Region erheblich schwankt – und es Städte gibt, in denen die Frauen im Vergleich besser verdienen und die Männer finanziell benachteiligt sind.

Zu diesem Ergebnis kommt nun eine laufende Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), die komplett erst im Herbst vorgestellt werden soll und dieser Zeitung vorliegt. Danach zeigt der Gender Pay Gap je nach Gebiet erhebliche Unterschiede: Am größten ist die Lohnlücke zugunsten der Männer in Dingolfing-Landau in Bayern (38,4 Prozent). Den größten Unterschied im Gehalt zum Vorteil der Frauen gibt es im brandenburgischen Cottbus (-17,3 Prozent).

„Dort, wo Männer weniger verdienen, besteht eine Lohnlücke zugunsten der Frauen“

Genaue Erklärungen haben die Wissenschaftler der IAB- Sachsen-Anhalt-Thüringen in Halle noch nicht. Die würden jedoch nun untersucht, erklärte die Studienleiterin Michaela Fuchs dieser Zeitung. „Unsere Vermutung ist aber, dass der regionale Unterschied von der Wirtschafts- und Betriebsstruktur abhängt“, sagte sie. Die Ergebnisse zeigten die ungleiche Verteilung innerhalb der verschiedenen Branchen in Deutschland. Der Gender Pay Gap ist offenbar von der Verfügbarkeit der Jobs für Männer abhängig. „Dort, wo Männer weniger verdienen, besteht eine Lohnlücke zugunsten der Frauen“, erklärte Fuchs. Dort, wo sie mehr verdienten, sei das umgekehrt. In Dingolfing-Landau befindet sich das größte BMW-Werk Europas. Rund 340.000 Autos laufen hier jährlich von den Montagebändern, mehr als 17.500 Mitarbeiter zählt der Standort. „In Dingolfing-Landau arbeitet fast die Hälfte der Männer in der Industrie. Hier gibt es Tarifgehälter, starke Betriebsräte und die typischen Männerjobs, die Frauen nicht so oft wählen“, sagt Fuchs. „Das betreffe auch andere industriestarke Regionen.

Denn ähnlich sieht es daher in Ingolstadt (36,9), Böblingen (35,9), Bodenseekreis (33,6) oder Erlangen (32,4) aus. In Ingolstadt liegt die größte Audi-Produktionsstätte, 44.000 Menschen arbeiten hier. In Böblingen in Baden-Württemberg ist Daimler zu Hause, IBM, Phillips, Microsoft haben hier Unternehmen.

Im Gegensatz dazu fällt in Regionen, in denen die Industrie kaum eine Rolle spielt, der Gender Pay Gap zugunsten der Frauen aus. „Das ist zum Beispiel in Cottbus, Frankfurt (Oder), Gera oder Schwerin der Fall, alles Städte ohne Industriestandort“, erklärt Fuchs. In Cottbus verdienen Frauen 17,3 Prozent mehr als Männer.

Männer haben in industrieschwachen Regionen weniger Karrierechancen

In vielen Teilen des Ostens verdienten die Frauen mehr als die Männer, weil es hier kaum Industrie gebe. „Und damit gibt es auch weniger typische Männerberufe“, so die Studienleiterin. Männer hätten so viel weniger Auswahlmöglichkeiten. „Frauen arbeiten eher im öffentlichen Dienst, wo viele Jobs tarifgebunden und daher auch besser bezahlt sind.“ Gleichzeitig ist die Arbeitslosenquote in den neuen Bundesländern am höchsten.

In die Studie flossen Zahlen von sozialversicherungspflichtigen Vollzeitbeschäftigen ein, aber keine von Teilzeitbeschäftigten. Die Wissenschaftler kamen so auf eine durchschnittliche Lohnlücke von 14,2 Prozent.

Das ist deutlich weniger als der unbereinigte Gender Pay Gap von rund 21 Prozent, den das statistische Bundesamt jedes Jahr neu errechnet und der seit Jahren kaum schwankt. Auf diesen Wert kommt man, wenn man die Bruttostundenverdienste von Männern und Frauen vergleicht – ganz gleich welche Stellung sie haben, wie lange sie arbeiten und in welchen Berufen sie tätig sind. Dem gegenüber steht der bereinigte Gender Pay Gap von sechs Prozent, bei dem eben diese Faktoren abgezogen werden und nur Löhne von Männern und Frauen gleicher Position, Erfahrung, Branche oder Arbeitszeit miteinander verglichen werden.

Die These, dass die Lohnlücke von Wirtschaft und Industrie abhängig ist, wollen die Forscher nun genauer bis zum Herbst untersuchen. Die bisherigen Ergebnisse zeigen zumindest schon mal, dass die Frauen durchschnittlich benachteiligt sind und Männer in industrieschwachen Regionen weniger Karrierechancen haben.

Barley will Lohngleichheitsgesetz reformieren

„Ich wünsche mir, dass wir mehr über das Thema reden. Frauen sollten sich aber auch Gedanken darüber machen, welche Jobs sie auswählen, damit sie am Ende auch mehr verdienen können“, betonte Fuchs. Dazu gehöre vor allem Aufklärung, damit „auch mehr Frauen den Weg in Mint-Berufe“ wählten.

In Deutschland gilt seit Anfang des Jahres das Lohngleichheitsgesetz. Frauen haben seitdem ein Auskunftsrecht darüber, wie viel ihre männlichen Kollegen verdienen. Allerdings gilt das nur für Betriebe ab 200 Beschäftigten. Die geschäftsführende Familienministerin Katarina Barley (SPD) hatte in Aussicht gestellt, das Gesetz zu reformieren, damit mehr Frauen von dem Gesetz profitieren können – falls sie im Amt bliebe. Kritiker bezweifeln, dass das Gesetz überhaupt greife.

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