Sail in Bremerhaven 20.000 Seemeilen übers Meer

Früher war Amy Sozialarbeiterin in Australien, jetzt arbeitet sie als Trainee auf einem Schiff. Mit der "Atyla" ist sie bei der Sail in Bremerhaven unterwegs,
15.08.2015, 00:00
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20.000 Seemeilen übers Meer
Von Jan Raudszus

Amy nimmt eine Zwiebel. Wenige Handgriffe, dann hat sie die Haut entfernt. Mit einem großen Küchenmesser schneidet sie sie in zwei Hälften. Die schneidet sie längs an. Nicht ganz durch, so bleiben sie beim Hacken zusammen, das macht das Schneiden einfacher. Nach einigen Sekunden liegt ein Haufen Würfel vor ihr. Eine ganze Menge Zwiebeln zerkleinert sie so. Das geht sehr schnell. Amy hat Erfahrung damit.

Um sie herum trinken andere Besatzungsmitglieder der „Atyla“ Kaffee, räumen auf, putzen. Der Maat hat eine Gitarre ausgepackt und spielt spanische Musik, der Kapitän singt. Am Abend gab es eine Party, Leute von anderen Schiffen sind herübergekommen, man kennt sich aus anderen Häfen. Lange haben sie gefeiert. Aufstehen mussten sie zum Frühstück trotzdem. Das heißt allerdings nicht, dass sie auch wach bleiben. Der Chefmechaniker ist auf der gepolsterten Bank der Hauptkabine schon wieder eingeschlafen. Die Zwiebeln, die Amy zerkleinert, sind für das Mittagessen, es gibt Tortillas. Kochen ist auch eine Aufgabe der Trainees.

Trainees sind Besatzungsmitglieder auf Zeit, sie bezahlen für ihren Aufenthalt und arbeiten mit. Die meisten sind jung und auf der Suche nach einem Abenteuer. Die „Atyla“ ist ein reines Trainee-Schiff. Außer einigen festen Besatzungsmitgliedern ist keiner Profi. Die Trainees sollen hier lernen, mit Konflikten umzugehen, Verantwortung zu übernehmen. Das Segeln und Arbeiten auf dem Schiff ist dabei Mittel zum Zweck.

„Ich habe so viele Sachen gemacht, von denen ich nie geglaubt hätte, dass ich sie könnte“, sagt Amy. Im Steuerhaus zeigt sie auf einen Knopf auf den Armaturen: „Den habe ich dort gestern angebracht. Ich habe das Loch gebohrt und alles.“ Das ist eine Kleinigkeit. Sie hat Öl gepumpt und die Maschine repariert. „Es ist toll, dass mir die Leute Sachen anvertrauen.“ Die quirlige 24-Jährige hat Schrammen am Arm, eine Abschürfung am Schienbein und schwarzen Dreck unter den Fingernägeln. „Es ist sehr harte Arbeit“, sagt sie. Aber Spaß macht es trotzdem. „Ich liebe es hier herumzuklettern.“ Sie hat mal Zirkuspädagogik studiert.

Amy kommt aus Australien. Im Mai ist sie aufgebrochen, hat ihren Sozialarbeiter-Job gekündigt und sich ein Flugticket nach Paris gekauft. Von Paris ging es nach Spanien, um ihr Spanisch aufzubessern. Und dann hat sie nach einem Trainee-Schiff gesucht. Im Internet ist sie auf die „Atyla“ gestoßen. „Sie ist aus Spanien, sie ist rot, sie ist aufregend.“ In Dänemark ist Amy zugestiegen. Seit knapp einem Monat ist sie jetzt dabei. Ein paar Mal wollte sie schon aufhören, bekommt aber nicht genug. Gerade erst hat sie sich entschieden, noch etwas zu bleiben. „Gestern wusste ich das noch nicht. So reise ich.“

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Die „Atyla“ fällt in Bremerhaven auf. Der Rumpf ist rot. Alles ist aus Holz. Und sie hat eine ungewöhnliche Geschichte. Irgendwann Ende der 1970er-Jahre sah Esteban Vicente Jimenez an der Nordküste Spaniens große Segelschiffe und hatte eine Idee. Er wollte um die Welt segeln, mit einem eigenen Schiff. Das Schiff wollte er selbst bauen, obwohl er zunächst keine Ahnung davon hatte. Drei Jahre dauerte das Projekt, er schlug das Holz im Wald, baute den Rumpf selbst zusammen. 1984 ging es auf Jungfernfahrt. Der Bau ist beeindruckend, aber den Traum um die Welt zu segeln, hat Jimenez nie verwirklicht, irgendwas kam immer dazwischen. Vor einigen Jahren übernahm Rodrigo de la Serna Vincente das Kommando. Er ist der Neffe von Jimenez und hat die „Atyla“ vor zwei Jahren zum Trainee-Schiff gemacht. Seitdem segelt er in Europa herum, hat über 20 000 Seemeilen zurückgelegt.

Ganz schön weit gereist ist auch Amy. Der Kontakt zu ihrer Familie ist nur manchmal möglich. Mit ihrem Tablet ist sie ins Mediterraneo gegangen, dort gibt es freies Wi-Fi. Sie hat nur eine Stunde, hat bald Dienst auf dem Schiff. Dann wird sie Flyer beim Open-Ship verteilen und den Gästen über die wackelige Planke an Bord helfen. Doch jetzt will sie mit ihren Eltern reden. Nur sind die nicht online. „Es ist Freitagabend, sie sollten neben ihren Telefonen sitzen und auf meinen Anruf warten“, sagt sie. Irgendwann klappt es dann doch, auch wenn die Verbindung immer wieder zusammenbricht. Vor der Kamera sitzen alle versammelt: Vater, Mutter und ihre Geschwister. Es ist offenbar schon ein bisschen länger her, dass die Familie von ihr gehört hat. Amy erzählt von der Fahrt. „Ich rufe euch von Amsterdam aus noch einmal an“, verspricht sie am Ende.

In Amsterdam wird Amy die „Atyla“ endgültig verlassen. Dort will sie sich der Besatzung der australischen „Young Endeavour“ anschließen. Mit der geht es über den Atlantik nach Brasilien. Und von da aus? Vielleicht wird sie auf einer Farm in Kolumbien arbeiten. „Aber so etwas plane ich nicht“, sagt Amy. Nur eines weiß sie schon. Einmal will sie sich in Bremerhaven an einem Seil des Schiffs von der Kaimauer auf die „Atyla“ schwingen. „Das ist dafür wie gemacht.“

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