Deichschau in Bremen-Nord

80 Prozent der Maßnahmen für den Hochwasserschutz sind geschafft

Während der diesjährgen Deichschau in Bremen-Nord nahmen die Teilnehmer auch das Kraftwerk Farge in Augenschein. Dort wurden acht Meter hohe Spundwände im Vibrationsverfahren im Boden versenkt.
16.10.2019, 20:51
Lesedauer: 4 Min
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Von Imke Molkewehrum

Der Hochwasserschutz in Bremen-Nord geht voran. Auf 15,2 Kilometern Wasserlinie werden derzeit verschiedene Vorhaben geplant und realisiert. "In Bremen Nord sind etwa 80 Prozent der Maßnahmen erledigt“, erklärte Wilfried Döscher, Geschäftsführer des Bremischen Deichverbands am rechten Weserufer, während der 19. Deichschau am Mittwoch. Wiederum galt es, sämtliche Hochwasserschutzanlagen in Augenschein zu nehmen und zu prüfen. Fünf Stunden hatten die Deich-Experten für die Strecke zwischen dem Lesumsperrwerk und der Landesgrenze in Rekum veranschlagt, die sie größtenteils zu Fuß zurücklegten.

Eine zentrale Station war das Kraftwerk Farge. „Wir haben gut mit dem Kraftwerk zusammengearbeitet“, betonte Wilfried Döscher während der Inaugenscheinnahme. Da es hier um eine gewerbliche Fläche gehe, würden sämtliche Bauvorhaben in enger Absprache mit dem Betreiber geplant und realisiert. Der Verlauf der neuen Spundwand berücksichtige die Betriebsabläufe des Kraftwerks.

So verläuft die Wand auf dem Werksgelände nicht immer gradlinig und rückversetzt in einer Distanz von mindestens 30 Metern hinter der Weserlinie. Anstatt die Wände in den Boden zu rammen, haben Experten die Trasse zudem in einem Abstand von 80 Zentimetern Loch für Loch vorgebohrt und die einzelnen Wandelemente durch Vibration im Boden versenkt. Drei Scharte in der Schutzwand erlauben weiterhin den Durchgang, sind jedoch bei Hochwasser verschließbar.

Für die Baumaßnahmen kam eine Revision des Kraftwerks sehr gelegen, weil die Anlage während dieser Phase außer Betrieb war und der Deichschutz währenddessen ungehindert realisiert werden konnte. Aber die Arbeiten sind längst noch nicht vollendet. Eine aktuelle Herausforderung auf der Kraftwerk-Baustelle ist der Kühlwasseraustauschkanal, der die sieben bis acht Meter hohe Spundwand queren muss. Für das Rohr werde ein maßgeschneidertes Loch geschaffen, das anschließend abgedichtet wird, erklärte Wilfried Döscher.

„Das ist eine sehr spannende Baustelle“

Aktuell müssen rund 200 Meter Spundwand noch erhöht werden. „Eine sehr sportliche Aufgabe“, betonte Stephan Levin, Bauleiter des Deichverbandes. „Das ist eine sehr spannende Baustelle“, bekräftigte auch Deichhauptmann Michael Schirmer beim Anblick der neuen Spundwände, von denen nur ein Drittel oberirdisch zu sehen ist. „Wenn hier irgendwann nichts mehr steht, wird die Wand noch stehen, und man wird sich fragen, warum sie im Zickzack verläuft.“

Einen weiteren Schwerpunkt bilden in Bremen-Nord die bevorstehenden Arbeiten am Vegesacker Hafen. Diese werden in enger Abstimmung mit dem Investor des neuen Quartiers am Vegesacker Hafen geplant. „Es handelt sich dabei um die Strecke zwischen dem Fähranleger und dem Kantjespad“, erklärte Wilfried Döscher. „Hochwasserschutz und Umbau des ehemaligen Haven Höövts seien zeitlich etwas verschoben worden, könnten dadurch aber in enger Absprache realisiert werden. „Wir bauen um das Gebäude herum“, so Döscher. Daher sei der enge Schulterschluss zwischen dem Deichverband und dem Investor für beide Seiten von Interesse.

Spezielle Auflagen für den Hafen

Der Hafen ist das Markenzeichen Vegesacks, da gebe es städtebauliche Auflagen und Anforderungen bei der Gestaltung, betonte der Hochwasser-Experte. Die Maßnahmen würden daher auch in enger Absprache mit dem Bauamt Bremen-Nord, dem Ortsamt und dem Denkmalschutz geplant und realisiert. Gelder seien bereits genehmigt.

Vorbereitende Arbeiten für die rückversetzte Spundwand gibt es bereits seit August 2018 auf dem Gelände Bremer Wollkämmerei (BWK). Aber das Gelände ist Aufschüttungsgebiet. Es könnten Sprengkörper darin verborgen sein. „Deshalb mussten wir eine kosten- und zeitaufwändige Kampfmittelsuche in Kauf nehmen“, betonte Wilfried Döscher. „Wir haben über Bohrlöcher in den Untergrund geguckt und ihn mit einem elektromagnetischen Sondierungsverfahren genau untersucht. Es wäre fatal, wenn man eine zwölf Meter lange Spundwand sechs bis acht Meter in den Boden rammt und auf etwas trifft, das Sprengkraft hat.“

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Voraussichtlich ab Sommer werde die Spundwand errichtet und zweieinhalb Meter über das Gelände ragen. In Verlängerung der historischen Achse sei jedoch ein breites Tor vorgesehen, das den Zugang zu einem dahinter liegenden Boulevard am Weserufer erlaube. „Das ist ein echter Mehrwert für Blumenthal“, findet Wilfried Döscher. „Hochwasserschutz klappt hier im Einklang mit einer Steigerung der Freizeitqualität. Wir haben nämlich kein Interesse, Bremen-Nord hinter einer Spundwand verschwinden zu lassen.“

Das gilt auch für Rönnebeck. Dort können die Passanten dank eines frisch aufgeschütteten Hügels über die um den Hafen errichtete Spundwand aufs Wasser gucken. Diese Wand befindet sich am landseitigen Hafenbecken, da der Hafen direkt in die Weser übergeht und nicht abzutrennen ist.

Drei maßgebliche Hochwasserschutzmaßnahmen stehen derzeit noch aus. Auf der Agenda des Bremischen Deichverbandes am rechten Weserufer stehen Entwürfe für den Bereich von Grohn bis zum Hafen Vegesack, vom Lesumsperrwerk bis zum Schönebecker Sand sowie am Vegesacker Hafen. „Auch das Lesumsperrwerk selbst muss als Ganzes um einen Meter erhöht werden“, so Wilfried Döscher.

Finanziert wird der gesamte Hochwasserschutz in Deutschland – auch auf gewerblichem Gelände – durch die sogenannte Gemeinschaftsaufgabe „Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes“ (GAK), ein Förderinstrument für eine leistungsfähige, auf künftige Anforderungen ausgerichtete und wettbewerbsfähige Land- und Forstwirtschaft, den Küstenschutz sowie vitale ländliche Räume. 70 Prozent der Mittel stammen vom Bund und 30 vom Bundesland.

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