Küper im Hafen Baumwolle, Tabak & Co.

Langweilig sei es ihm in den fast 40 Jahren als Küper nie gewesen, sagt Helmut Behrens. Zeitweilig war er bei einer Leiharbeitsfirma im Hafen beschäftigt, aber "Säcke schleppen musste ich nie".
19.06.2021, 06:00
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Baumwolle, Tabak & Co.
Von Gesa Below

Meine Lehre als Küper habe ich 1953 im Hafen bei der Firma J.H. Bachmann begonnen, da war ich 15 Jahre alt. Mein Bruder war auch Küper bei dieser Firma, also wusste ich, was mich in dem Beruf erwartet. Die Bezeichnung Küper ist später umbenannt worden in Seegüterkontrolleur, das erklärt unsere Tätigkeit besser. Nach drei Jahren Lehre habe ich im Hafen gearbeitet und ankommende Waren bemustert, gewogen, tariert und auf Beschädigungen untersucht. Aber erst mal musste die Ware ja vom Schiff, das haben Stauer gemacht. Die haben die Schiffe entladen und die Baumwollballen in die Schuppen der Bremer Lagerhaus-Gesellschaft (BLG) gebracht. Ich habe meistens mit Baumwolle und später mit Tabak gearbeitet. 200 Ballen pro Tag hat eine Kolonne geschafft – die bestand aus einem Wäger, einem Probenmacher und zwei Auffahrern. Die haben die Baumwolle auf die Waage geschoben, der Wäger hat das Gewicht festgestellt und dann hat der Probenmacher die Proben gezogen.

Man muss sich das so vorstellen: Um die Baumwollballen herum war eine Art Verpackung, die Embalage. Die hielt die Baumwolle zusammen, und drum herum waren im Abstand von zehn bis zwölf Zentimetern Eisenreifen gespannt. Einer davon wurde von einem Auffahrer gekappt, und dann hat der Probenmacher von Hand zwei Proben rausgeholt. Der musste ordentlich was in den Armen haben, denn die Baumwolle war ja fest gepresst. Eine Probe von 250 Gramm ging an die Baumwollbörse, und eine weitere mit 100 Gramm ging ans Kontor. Wenn man dort mit der Qualität nicht zufrieden waren, wurde die Baumwollbörse hinzugezogen, die entschied dann, ob die Ware okay war oder nicht. Der Wäger und der Probenmacher waren immer Küper; die Auffahrer waren meistens Ungelernte.

Es musste auch immer ein Kontrolleur dabei sein, denn der Wäger könnte ja im Prinzip das wiegen, was seiner Firma zu Gute kommt. Der Kontrolleur musste die Interessen des jeweiligen Verkäufers vertreten. 1958 war eine angeblich wirtschaftlich schlechte Zeit, da wurden alle Junggesellen entlassen, also ich auch, Familie hatte ich ja noch nicht.

Ich hab dann beim Gesamthafenbetriebsverein (GHBV) angefangen, das war ein Leiharbeitsunternehmen, da war man jeden Tag woanders und machte alles, was so kommt. Das war zwar abwechslungsreich, aber auch anstrengend, weil man jeden Tag woanders eingeteilt wurde. Ich hatte Glück: Nachdem Indonesien seine Verträge über Java- und Sumatratabak mit dem Hafen Rotterdam gekündigt und Verträge mit Bremen abgeschlossen hatte, kamen Schiffsladungen mit Tabak in Bremen an. Die Firma Karl Gross brauchte dringend Küper, und so hab ich in der Pillauer Straße gearbeitet. Damals, also 1960, standen da, wo heute die Firma Kloska ist, sechs Lagerschuppen. Die gehörten der Firma Baumwollkommission und Lagerhäuser, und einer dieser Schuppen war von der Firma Gross gemietet. Ja, und da kam eines Tages der Meister von Baumwollkommission und Lagerhäuser zu mir und sagte ,Du kannst doch Auto fahren – willst du nicht zu uns kommen und unser Gabelstaplerfahrer werden?‘ Also hab ich verhandelt: ,Wenn ich mehr Geld kriege, fang ich hier an‘. Und das hat gut geklappt; bis 1979 hab ich da gearbeitet. Ich war dann in den 1970er-Jahren auch Lagermeister dort.

1979 hat die Firma den Außenbetrieb zugemacht, da war ich als 42-Jähriger wieder auf der Straße und habe die nächsten dreizehn Jahre als Leiharbeiter beim Gesamthafenbetriebsverein gearbeitet. Ich war drei Jahre Talleymann bei der Talleyfirma Bartels. Da war ich zuständig für das Überwachen der Schiffsladungen. Der Großkunde von Bartels war der Norddeutsche Lloyd, und als die 1984 ihren Sitz nach Hamburg verlegt haben, da hab ich dann wieder jeden Tag was anderes gemacht beim Gesamthafenbetriebsverein. Ich fand alles gut in meinem Arbeitsleben: Ich brauchte ja auch nie Säcke zu schleppen. Heute helfe ich manchmal im Hafenmuseum. Wenn Schulklassen kommen, werde ich gebeten, denen was zu erzählen – na ja, das mach ich gerne. In Walle haben wir noch eine Parzelle, da pflanze ich noch Gemüse an  – das ist ja schon fast Schwerstarbeit für einen 82-Jährigen. Manchmal fahr ich auf einem Oldtimer-Segelschiff mit, wo alles noch von Hand gemacht wird: Das macht mir Spaß.

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