Wenn Gaffer Rettungskräfte behindern

Auf der Jagd nach Bildern

Polizei und Rettungskräfte klagen über Schaulustige, die bei Unfällen fotografieren oder filmen. Dass dadurch die Einsätze behindert würden, sei ein ernstes Problem. Aber nicht das einzige.
23.08.2017, 17:23
Lesedauer: 3 Min
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Auf der Jagd nach Bildern
Von Ralf Michel

Es sind nicht immer gleich 130 Schaulustige auf einen Schlag, wie am Montag bei einem Verkehrsunfall in Gröpelingen, die Polizei und Rettungskräften das Leben schwer machen. Aber das Phänomen „Gaffer“ wird zunehmend ein Problem in Bremen, sagt Rainer Zottmann, Leiter der Schutzpolizei. Und es bleibe nicht beim gaffen – fotografiert oder gefilmt zu werden, gehöre für Einsatzkräfte längst zum Alltag. Angepöbelt zu werden auch.

„Der Druck auf unsere Absperrungen nimmt zu“, berichtet Zottmann. „Die Leute wollen möglichst dicht dran sein, wollen alles ganz genau sehen und natürlich mit ihren Handys fotografieren und filmen.“ Abgelichtet werde dabei alles. Nicht nur die Unfallfahrzeuge, sondern gerne auch die Polizisten und ihr Einsatz. Nicht einmal vor den Opfern mache die Sensationslust noch halt. „Die Leute haben keinerlei Respekt vor den Opfern und ihren Angehörigen. Hauptsache sie haben Fotos, um damit in den sozialen Medien protzen zu können“, mutmaßt Zottmann.

Auf Schritt und Tritt ein Smartphone im Nacken

Was die Feuerwehr nur bestätigen kann. „Wir haben die Leute sogar schon auf ihre Filmerei angesprochen“, erzählt Feuerwehr-Sprecher Michael Richartz. „Ist denen völlig egal. Da gibt es null Bewusstsein dafür, dass da eventuell gerade Menschen um ihr Leben kämpfen.“ Ganz zu schweigen davon, wie sich die Rettungskräfte fühlten, wenn ihnen bei Schritt und Tritt jemand mit einem Smartphone im Nacken sitze.

Für die Kollegen bedeute dieses Phänomen auf mehrere Weise Druck, erläutert Rainer Zottmann. Da sei zum einen natürlich die Behinderung der Polizeiarbeit. „Die Leute drängen gegen unsere Absperrungen, rücken immer weiter vor.“ Sobald die Polizei versuche, diese Menschen zurückzudrängen, begännen sofort Auseinandersetzungen. „Gepöbelt wird eigentlich immer. Manchmal kommt es auch zu Handgreiflichkeiten.“

Inzwischen sei es soweit, dass die Polizei in bestimmten Bremer Ortsteilen bei Unfällen automatisch mehrere Streifenwagen losschicke. Einen, um die eigentliche Arbeit zu erledigen. Und einen oder zwei, um diesen Polizisten den Rücken freizuhalten. „Geht gar nicht, sowas“, sagt Zottmann. „Das alles bindet Zeit und Personal. Und das fehlt dann an anderer Stelle.“

Der psychische Druck wächst

Hinzu käme der psychische Druck, der durch die Gaffer und Fotografierer aufgebaut würde. „Keiner der Kollegen weiß, wo und in welchem Zusammenhang die Fotos von ihm im Internet auftauchen.“ Gerade jüngere Polizisten würden außerdem auch die Gesamtsituation als belastend empfinden. „Die kommen irgendwo hin, um zu helfen, und müssen sich mit denen auseinandersetzen, denen sie helfen wollen“, erklärt Zottmann. „Da können viele Kollegen nur schwer mit umgehen.“

Dass die Einsatzkräfte behindert oder gar drangsaliert würden, sei eine Sache, ergänzt Michael Richartz. Ein grundsätzliches Problem sei aber auch der Umgang mit den Opfern. „Deren Persönlichkeitsrechte werden durch die Aufnahmen verletzt. Aber das ist den Leuten entweder nicht bewusst oder egal.“ Immer häufiger müsse die Feuerwehr die Opfer deshalb mit Decken vor solchen Aufnahmen schützen. Intern gebe es bei der Feuerwehr dafür sogar schon einen Begriff: „Deckenballett“.

Von einer weiteren Facette der Gafferei weiß Malte Goltz zu berichten, Leiter des Rettungsdienstes des Arbeiter-Samariter-Bundes. Seine Kollegen müssten sich häufig von Schaulustigen anhören, was zu tun sei. „Die verstehen zum Beispiel nicht, dass ein Rettungswagen manchmal noch eine Weile stehen bleibt, weil das Opfer stabilisiert werden muss, statt sofort zum Krankenhaus zu fahren.“ Dann werde lautstark kritisiert und losgepöbelt. Und natürlich gefilmt und hochgeladen. „Die Kollegen werden im Internet zur Schau gestellt und mit üblen Kommentaren überschüttet.“

Behinderungen der Rettungskräfte

Es gehe aber auch um ganz konkrete Behinderungen, berichtet Günter Dahnken, Einsatzleiter des Malteser Hilfsdienstes. Wo früher bei einer Menschentraube die Bitte gereicht habe, die Rettungskräfte mit ihrem Gerät durchzulassen, beginne heute sofort das Diskutieren und Lamentieren. „Die Leute sehen einfach nicht ein, warum sie beiseite treten sollen, fühlen sich schnell provoziert und reagieren aggressiv.“

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Besonders kritisch könne es werden, wenn Gaffer bei schweren Unfällen den Landeplatz des Rettungshubschraubers belegen, ergänzt Malte Goltz. Der müsse dann erst von der Polizei geräumt werden, wodurch wertvolle Zeit verstreiche. Nicht einmal, dass sie sich selbst in Gefahr brächten, sei den Leuten bewusst. Die Luftverwirbelungen eines Hubschrauberrotors könnten durchaus auch in einiger Entfernung noch einen Kinderwagen samt Kleinkind umpusten, gibt Goltz ein Beispiel. „Egal. Hauptsache Mami macht schöne Bilder.“

Wo es besonders arg werde mit den Gaffern, könne man natürlich einschreiten, warnt Rainer Zottmann. Die Behinderung der Polizeiarbeit ist eine Ordnungswidrigkeit, bei Ton- und Filmaufnahmen können auch Straftatbestände erfüllt sein. Dies könne durchaus auch mit einem beschlagnahmten Handy und einer Strafanzeige enden. Aber auch das binde wieder völlig überflüssigerweise Kräfte. Lieber wäre Zottmann etwas anderes: „Dass die Leute uns einfach unsere Arbeit machen lassen.“

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