Serie: Die Tricks der Täuscher Betrüger erschwindeln Millionen

Wie arbeiten falsche Polizisten und andere Verbrecher und wie kann man sich gegen ihre Betrugsversuche wehren? Wir klären auf.
31.01.2020, 22:17
Lesedauer: 4 Min
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Betrüger erschwindeln Millionen
Von Patricia Brandt

200.000 Euro hat eine Frau aus der Wesermarsch einem vermeintlichen US-Soldaten überwiesen, nachdem sie ihn im Internet kennengelernt hatte. Durch falsche Versprechen und dreiste Lügen werden Menschen in Bremen und Niedersachsen Tag für Tag um ihr Geld gebracht. Die Betrüger richten Millionenschäden an. Allein im Bereich der Polizeidienststelle Osterholz/Verden strichen vier Enkeltrick-Betrüger 2018 zusammen mehr als 270.000 Euro ein. In der Serie „Die Tricks der Täuscher“ stellen wir vor, wie die Täter in der Region vorgehen. Wir erklären, warum ihre Methoden Erfolg haben. Zu jedem Serienteil gibt es zudem fünf Tipps der Polizei.

Besonders häufig befassen sich die Polizeidienststellen in der Region derzeit mit falschen Polizisten. Erst in dieser Woche schnappte die Polizei einen Bremer, der im Verdacht steht, gemeinsam mit einer 28-Jährigen Wertgegenstände aus dem Haus einer 88-Jährigen in Ritterhude abgeholt zu haben. Er könnte derjenige gewesen sein, der sich kurz zuvor als Polizist ausgegeben und der Seniorin am Telefon eingeredet hatte, dass ihr Vermögen in Gefahr sei.

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Während die Bremer Polizei 2019 nach den Worten von Polizeisprecherin Franka Haedke 1007 Fälle der Methode „Falscher Polizist“ erfasste, registrierte das Landeskriminalamt (LKA) Niedersachsen von Januar bis November 2019 fast 7000 Fälle, in denen angebliche Polizisten ihre Opfer zur Herausgabe von Bargeld oder Wertsachen bringen wollten. Das waren laut LKA 3000 Fälle mehr als im gesamten Jahr 2018. In der Wesermarsch erreichten ganze Straßenzüge Anrufe von falschen Polizisten. Allein im Bereich der Polizeidienststelle Osterholz/Verden gab es bereits 2018 exakt 666 Betrugsversuche der Masche „Falscher Polizist“. Sechs Mal hatten die Täter Erfolg und kassierten insgesamt mehr als 190 000 Euro. 2015 war es noch bei zehn Betrugsversuchen geblieben. Eine Tat wurde damals vollendet. Der Schaden: 25 000 Euro.

Es habe im Kreis Osterholz eine Deliktsverschiebung gegeben, berichtet Pressesprecherin Sarah Humbach von der Polizeiinspektion Osterholz/Verden. Während 2018 die Zahl der Einbrüche sank, stieg die Zahl der Straftaten zum Nachteil älterer Menschen. Teilweise probieren es die Täter mit hinlänglich bekannten Betrugsmustern – und haben dennoch Erfolg. Das zeigt die Statistik deutlich: Gab es ?2015 noch 15 Enkeltrick-Versuche, waren es 2018 bereits 24 versuchte Taten. Insgesamt sind die Täter in Niedersachsen seltener erfolgreich. Die Zahl der vollendeten Taten ging laut LKA trotz gestiegener Versuche zurück. Das sieht die Polizei als Bestätigung für ihre Präventionsarbeit.

Immer neue Varianten

Doch die Täter denken sich immer neue Varianten aus. In der Wesermarsch sollen inzwischen auch falsche Feuerwehrbeamte auftauchen, die vorgeblich Brandmelder testen wollen. Die Bremer Polizeisprecherin Franka Haedke wundert sich oft, wie „dreist, wie verachtend diese Leute sind und welche perfiden Tricks sie anwenden“.

Die Polizisten fühlen auch mit den Opfern mit, etwa, wenn ältere Menschen von betrügerischen Schlüsseldiensten unter Druck gesetzt werden. Erst locken diese vermeintlichen Dienstleister laut Polizei auf ihren Internetseiten mit kostenfreien „0800er-Nummern“, guten Kundenbewertungen sowie sehr geringen Geldbeträgen für Anfahrt und Türöffnung. Dann werden die Senioren unter Druck gesetzt, die überhöhten Kosten möglichst sofort und in bar zu zahlen. Das lässt auch die Beamten nicht kalt: „Was uns emotionalisiert ist, wenn ältere Leute um ihre kompletten Ersparnisse gebracht werden.“

Betrugsdelikte machen einen guten Teil der Kriminalstatistik aus. Für 2018 hat die Polizei Bremen 11 812 Fälle erfasst. Zahlen für 2019 werden im März veröffentlicht. Der stellvertretende Kripo-Chef Jürgen Osmers geht aber davon aus, dass die Zahlen für 2019 „konstant hoch“ sein werden.

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Die Statistik allein sagt wegen der hohen Dunkelziffer im Bereich Betrug aber ohnehin wenig aus. Viele Opfer schämen sich, dass sie Betrügern aufgesessen sind, sagt Polizeisprecherin Franka Haedke. Vor allem, wenn sie hohe Geldsummen verloren haben, die als Erbteil für die Kinder gedacht waren: „Ganz viele kommen nicht zur Zeugenvernehmung.“

Dazu kommen „ganz viele Versuchstaten“, die nicht angezeigt werden, weil die Opfer beispielsweise die Masche von Telefonbetrügern rechtzeitig durchschaut und aufgelegt haben. Jürgen Zimmer, seit 1999 Präventionsbeauftragter der Polizei in der südlichen Wesermarsch, ist überzeugt, dass die Dunkelziffer extrem hoch ist. Zimmer: „Ich glaube, dass uns maximal 20 Prozent der versuchten Taten bekannt sind.“

Die Spuren führen bis ins Ausland

Die Aufklärung von Betrugsfällen bleibt schwierig. Die Spuren der Täter führen bis ins Ausland. Zumeist wissen die Opfer nicht, mit wem sie es zu tun haben. Stichworte beim Bundeskriminalamt dazu sind Nigeria-Connection und Call-Center in der Türkei.

Die Frau aus der Wesermarsch war überzeugt, dass der vermeintliche US-Soldat sie liebte. Sie wurde vom ihm angewiesen, für ihn eine Kiste mit Bargeld entgegenzunehmen, berichtet Staatsanwalt Mathias Hirschmann von der Staatsanwaltschaft Oldenburg. „Hierzu müsse sie vorab eine bestimmte Summe Geld bezahlen.“ Die Frau tat wie geheißen und überwies 200.000 Euro ins Ausland. Die Staatsanwaltschaft hat die Akte inzwischen geschlossen. Hirschmann: „Die Ermittlungen konnten keinen Täter identifizieren und wurden eingestellt.“

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