1480 Betrugsfälle in 2018 in Bremen Falscher Notar trickst Seniorin in Burglesum aus

Vermeintlicher Notar betrügt Seniorin aus Burglesum mit Enkeltrick. Anrufer entpuppt sich nach Übergabe von Geld und Schmuck als skrupelloser Verbrecher.
16.07.2019, 22:55
Lesedauer: 4 Min
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Von Imke Molkewehrum

Mit einer perfiden Methode haben Betrüger eine alte Dame aus Bremen-Nord ausgetrickst und 1700 Euro sowie Schmuck im Wert von rund 2000 Euro erbeutet. Die Seniorin hatte zuvor schon häufiger Anrufe von Unbekannten bekommen, aber stets den Hörer aufgelegt, schließlich hatte ihr Sohn, Frank R. (Name ist der Redaktion bekannt) aus Lesum, seine Mutter immer wieder vor Betrügern gewarnt. Frank R. möchte seinen vollständigen Namen nicht veröffentlichen, damit seine Mutter nicht identifiziert werden kann.

Vorsorglich hatte der 57-Jährige ihren Eintrag sogar aus dem Telefonbuch löschen lassen, weil der Vorname Rückschlüsse auf das Alter seiner Mutter zulässt. „Die Betrüger haben sie trotzdem erwischt. Ich hätte nicht gedacht, dass meine Mutter auf so was reinfällt, nun bin ich eines Besseren belehrt“, bedauert Frank R.. Die 94-Jährige lebt im „Wohnen mit Service“ der Bremer Heimstiftung. Hier hat sie eine eigene Wohnung mit Telefon.

Am Sonntag, 9. oder 16. Juni, so berichtete die Seniorin, habe ein Mann angerufen, der sich als Notar ausgab. „In perfektem Deutsch freundlich, aber bestimmt“ habe er etwa eine halbe Stunde mit ihr gesprochen. Der vermeintliche Notar behauptete gegenüber der alten Dame, er verwalte die Schulden ihres 19-jährigen Enkels, der durch die finanziellen Schwierigkeiten nunmehr selbstmordgefährdet sei. Die Großmutter könne ihm helfen, indem sie seine Schulden begleiche.

Betrug kam durch Zufall ans Licht

„Meine Mutter war von dem Mann sehr beeindruckt und hat tatsächlich 1700 Euro und sieben goldene Ringe zusammengesucht“, erzählt Frank R.. Schmuck und Geld habe sie dann einer etwa 40-jährigen Frau in heller Jacke übergeben, die nahe der Wohnung auf sie wartete. Während der Übergabe hat die Seniorin nach eigener Aussage zudem erwähnt, dass sie zu Hause außerdem noch Armbänder und Ketten habe.

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Von alldem erfuhr ihr Sohn Frank R. zunächst nichts. „Der Betrüger hat meiner Mutter gesagt, dass ich nichts erfahren darf, und sie hat mir tatsächlich drei Wochen lang nichts gesagt.“ Aufgeflogen ist das Ganze erst am 4. Juli, als der vermeintlich selbstmordgefährdete und verschuldete Enkelsohn seiner Oma die Fernsehzeitung bringen wollte.

Der 19-Jährige rief die Großmutter an, um sich anzukündigen. Diese klagte prompt, dass sich der Enkel nicht für das Geld bedankt habe. Verwirrt reichte der junge Mann den Hörer daraufhin an seinen Vater weiter, und der Betrug kam ans Licht. Die Familie erstattete bei der Polizei in Vegesack Strafanzeige gegen unbekannt.

Vorsicht geboten

Eine Rückverfolgung des betrügerischen Anrufs sei schon wegen des Wählscheibentelefons seiner Mutter unmöglich gewesen, erzählt Frank R.. Letztlich seien die Täter aber auch fähig, falsche Nummern auf dem Display erscheinen zu lassen. Sogar die 110. Auch das habe er seiner Mutter immer gesagt. Vor einem falschen Notar habe er sie allerdings nicht gewarnt. Ebenso wenig vor einer vermeintlich falschen Arzthelferin.

Die habe eine Woche nach der Geldübergabe an der Haustür geklingelt und durch die Tür hindurch behauptet, sie müsse der Seniorin im Auftrag des Hausarztes den Blutdruck messen. „Dieses Mal hat meine Mutter nicht aufgemacht“, sagt der Nordbremer. Zunächst habe auch er vermutet, dass die Betrüger nun auch noch die erwähnten Ketten und Armbänder holen wollten. Auf Nachfrage beim Arzt habe er jedoch erfahren, dass es sich tatsächlich um eine Arzthelferin gehandelt habe.

Vorsicht ist dennoch immer geboten. Damit potenzielle Opfer den Betrügern nicht auf den Leim gehen, hat die Bremer Heimstiftung an die Bewohner Zettel verteilt und vor Telefonaten mit Unbekannten gewarnt. Auch die Polizei Bremen gibt in diesem Zusammenhang zum wiederholten Male nützliche Verhaltensregeln für Senioren.

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Häufig melden sich die Enkeltrick-Betrüger mit der Phrase „Rate mal, wer hier spricht?“ Auf keinen Fall sollte nun eine mögliche Person erraten werden. Stattdessen solle der Anrufer unbedingt aufgefordert werden, selbst seinen Namen zu nennen, betont Nils Matthiesen, Sprecher der Polizei Bremen. Er rät zudem, eine Frage zu stellen, die tatsächlich nur ein Verwandter beantworten kann.

Was die Polizei rät

Häufig werde den Senioren am Telefon in dramatischer Weise vorgegaukelt, dass sich ein Verwandter in finanzieller Not befinde und umgehend Geld benötige. Mit wiederholten Anrufen und bedrohlichen Szenarien würden die betagten Menschen verunsichert und drangsaliert. Die Polizei rät, in diesem Fall umgehend Familienangehörige oder vertrauenswürdigen Personen oder die Polizei unter 110 zu informieren, vor allem, wenn ein Anrufer nach Geld oder Wertsachen fragt.

Höhere Geldbeträge oder Wertgegenstände sollten niemals in den eigenen vier Wänden aufbewahrt werden, sondern auf der Bank oder im Bankschließfach, rät die Polizei. Sie warnt aber auch vor vermeintlich hilfsbereiten Betrügern. Die seien durchaus bereit, für die Senioren ein Taxi zu bezahlen, damit sie zur Bank fahren können, um Geld oder Wertsachen abzuholen. „Übergeben Sie niemals Geld oder Wertsachen wie Schmuck an unbekannte Personen“, warnt Matthiesen. Wer den Betrügern bereits auf den Leim gegangen sei, solle sich zeitnah bei der Polizei melden. Immerhin bestehe noch die Möglichkeit, den Verbrechern das Handwerk zu legen und Mitmenschen zu sensibilisieren.

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Zusammen mit der „Seniorentheater-Initiative Bremen“ gehen Experten vom Präventionszentrum der Polizei bereits regelmäßig in die Seniorenheime. Dabei präsentieren die Schauspieler verschiedene Betrugsszenarien, darunter auch den Enkeltrick und die Variante, bei denen sich die Täter als Polizisten ausgeben und den Senioren weismachen, von Dieben bedrohte Wertgegenstände in Sicherheit bringen zu wollten. Praxisnah stellt das Seniorentheater die unterschiedlichen Varianten dar. In den Pausen geben Experten der Polizei jeweils passenden Präventionstipps.

Allein im Jahr 2018 gab es in Bremen 1480 Fälle, bei denen ältere Menschen betrogen wurden. Bei drei Vierteln blieb es beim Versuch. Die Verbrecher sahnten dabei mehr als 1,9 Millionen Euro ab. Die positive Nachricht: In 1139 Fällen scheiterten die Täter an misstrauischen und aufmerksamen Bürgern. Aktuelle Fallzahlen für Bremen-Nord kann die Polizei auf die Schnelle nicht liefern. Laut Auskunft des Fachkommissariates zählen die drei Stadtteile Vegesack, Lesum und Blumenthal aber nicht zu den Brennpunkten bei den sogenannten „Straftaten zum Nachteil älterer Menschen“.

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