Juwelenraub in Lloydpassage Bewährungsstrafe für Fahrerin des Fluchtautos

Sie ist 26 Jahre alt, in der elften Woche schwanger und zu einem Jahr Freiheitsstrafe verurteilt worden, die zur Bewährung ausgesetzt wurde. Die in Stuhr lebende Polin nahm das Urteil erleichtert auf.
28.07.2015, 18:30
Lesedauer: 3 Min
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Bewährungsstrafe für Fahrerin des Fluchtautos
Von Anke Landwehr

Sie ist 26 Jahre alt, in der elften Woche schwanger und am Dienstag zu einem Jahr Freiheitsstrafe verurteilt worden, die zur Bewährung auf drei Jahre ausgesetzt wurde. Die in Stuhr wohnende Polin nahm das Urteil der 5. Strafkammer des Landgerichts Bremen mit Erleichterung auf, für sie hätte es schlimmer kommen können. Die juristische Frage war gewesen: War es Beihilfe oder Mittäterschaft, dass sie den Fluchtwagen der beiden Männer steuerte, die im Mai ein Juweliergeschäft in der Lloydpassage ausraubten?

Die Angeklagte, eine zierliche Person, wurde aus der Untersuchungshaft vorgeführt. Dorthin musste sie nach dem Urteil nicht zurückkehren. Der Haftbefehl wurde aufgehoben, die sofortige Entlassung angeordnet. Die junge Frau atmete auf. Sie habe Angst vor den Mithäftlingen, erklärte sie dem Gericht, mühsam die Tränen unterdrückend. Sie werde erniedrigt und angespuckt. Die anderen würden irgend etwas gegen sie planen, sie habe Angst um sich und ihr ungeborenes Kind. „Die Mädchen da nehmen Drogen. Ich weiß nicht, auf welche Gedanken die kommen.“

Drogen spielten wohl auch bei dem Überfall auf das Juweliergeschäft eine Rolle. Ein als Haupttäter geltender 30-Jähriger hatte sich, aus Polen kommend, bei der jungen Frau und ihren Verlobten eingenistet. Sie empfand den Gast als aggressiv mit Neigung zur Gewalt und das Zusammenleben in der Drei-Zimmer-Wohnung schon nach drei Wochen unerträglich. Einige Tage vor der Tat habe der Mann – nach ihrer Einschätzung unter dem Einfluss von Alkohol und Drogen stehend – davon geredet, ein Juweliergeschäft überfallen zu wollen.

Am späten Nachmittag des 20. Mai ließ er seinen Worten Taten folgen. Er bedrängte die 26-Jährige, ihn nach Bremen zu fahren. Warum, habe sie nicht zu interessieren; sie solle nur tun, was er ihr sage. Schließlich habe sie nachgegeben – auch in der Hoffnung, dass er danach endlich ausziehe. Erst auf der Fahrt, als unterwegs ein jüngerer, ihr unbekannter Mann zustieg, sei ihr der Gedanke gekommen, dass der angekündigte Überfall jetzt ausgeführt werden sollte.

Auf Geheiß des Anführers parkte die junge Frau, die zuvor noch nie in Bremen gewesen war, in der Knochenhauerstraße und zog ein Parkticket. Die beiden Männer hätten sich noch eine Weile neben dem Auto stehend unterhalten, seien dann weggegangen und „mit vollen Taschen“ zurückgekommen. Die Frau erhielt Weisung, auf die B 75 Richtung Delmenhorst zu fahren. Kurz vor der Landesgrenze wurde das Trio von der Polizei gestoppt.

Das war etwa zehn Minuten nach der Tat und, wie Vorsitzender Richter Thorsten Prange anmerkte, dem „beherzten, zügigen Handeln“ von Zeugen zu verdanken. Einer von ihnen lief den nach dem Überfall flüchtenden Männern hinterher und wählte den Notruf, ein anderer fotografierte das Fluchtfahrzeug samt Kennzeichen und schickte die Aufnahme der Polizei. Eine Polizistin schilderte, wie der Einsatz ablief und auch, dass sie die 26-Jährige festgenommen habe. Die Frau habe eingeschüchtert gewirkt und sich in keiner Weise gewehrt. Bald darauf waren auch die beiden Männer gefasst, die die Ladeninhaberin und ihre Mitarbeiterin mit Waffengewalt zur Herausgabe von Schmuck gezwungen hatten. Der 30-Jährige wird im Oktober vor Gericht stehen, auf den 18-Jährigen wartet eine Verhandlung vor dem Jugendgericht.

Dass das Verfahren gegen die Frau beschleunigt wurde, ist auf ihre Schwangerschaft zurückzuführen. Richter Prange sprach davon, dass sie nach seinem Eindruck mit dem Fahren des Fluchtautos die „größte Dummheit“ ihres Lebens begangen habe. Während Staatsanwaltschaft Ulrich Müssemeyer eine Mittäterschaft gegeben sah, schloss sich das Gericht der Rechtsauffassung des Verteidigers Axel Himmelmann an: Zwar habe sich die Angeklagte einen Vorteil aus der Tat erhofft – den ungeliebten Mitbewohner loszuwerden und geliehenes Geld vielleicht zurückzubekommen –, doch seien ihr die konkreten Pläne der Täter nicht bekannt gewesen. Deshalb erkannte das Gericht auf Beihilfe. Richter Prange hatte zudem den Eindruck, die schüchtern, fast demütig wirkende Angeklagte sei von den Folgen ihres Handelns „schwer beeindruckt“ und werde sich nicht noch einmal in eine derartige Lage bringen.

Ihr Verteidiger hatte ausgeführt, dass seine Mandantin sich unendlich schäme, auf der Anklagebank zu sitzen. Sie selbst erklärte in ihrem letzten Wort, wie alles Gesagte von einer Dolmetscherin übersetzt: „Das war der größte Fehler meines Lebens. Nie wieder werde ich so etwas tun. Ich entschuldige mich.“ Nach dem Urteil fiel sie ihrem Verlobten in die Arme. Er hat bereits einen Arbeitsplatz gefunden, sie kann nach Angaben ihres Verteidigers sofort eine Stelle antreten.

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