75 Jahre WESER-KURIER Das maritime Herz

Hier locken alte Segler und moderne Jachten, urige Hafenkneipen und Restaurants. Kurz: In Bremen-Nord schlägt das maritime Herz der Stadt Bremen.
18.09.2020, 07:07
Lesedauer: 4 Min
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Das maritime Herz
Von Patricia Brandt

Hier singen Menschen einmal im Jahr beim Festival Maritim auf offener Straße Shantys, hier schlucken Ortsamtsleiter gern auch mal Matjes und hier entstehen die teuersten Jachten der Welt: In Bremen-Nord schlägt das maritime Herz Bremens.

Es soll Bremer geben, die nie nördlich der Lesum waren. Das könnte daran liegen, dass der Weg weit ist. Rund 25 Kilometer trennen das Bremer Rathaus und das Stadthaus Vegesack. Doch ein Besuch lohnt immer.

Wo sonst gibt es einen Wal mitten in der Fußgängerzone? Nur in Vegesack. Nicht nur dieser Bronzewal, auch die Walfluke am Fähranleger und der Kiefer eines 24 Meter langen Blauwals am Utkiek neben der Einfahrt zum Hafen sind Zeichen dafür, dass Vegesack eine alte Walfängerstadt ist.

Die Schiffe nach Grönland legten ab 1622 vom Vegesacker Hafen ab. Allein das Eis in grönländischen Gewässern war mörderisch, die Jagd auf die heute bedrohten Säugetiere noch gefährlicher. Die Geschichte des Walfangs spielen verkleidete Darsteller regelmäßig im ehemaligen Lange-Speicher nach, dem heutigen Geschichtenhaus am Museumshaven.

In zwei Jahren wollen die Vegesacker groß den 400. Hafengeburtstag feiern. Der Museumshaven gilt als Deutschlands erster künstlich angelegter Hafen. Viele Traditionsschiffe liegen hier vor Anker. Darunter die 125 Jahre alte „BV 2 Vegesack“, der erste auf der Bremer Vulkan-Werft gebaute Heringslogger.

Auf der einen Seite locken Schiffe, urige Hafenkneipen und Restaurants, auf der anderen Seite der Vegesacker Stadtgarten, der mit botanischen Raritäten und üppig blühenden Staudenbeeten aufwartet. Dazwischen liegt die Maritime Meile, ein Flanierweg direkt am Wasser, der mit 1825 Metern exakt einer Seemeile entspricht. Mit Glück können Besucher auf dem Weg eine der Luxusjachten bestaunen, die an der Pier auf der Wesermarsch-Seite der Weser liegt.

Die schönsten Aussichten können jedoch nicht überdecken, dass die Region auch Probleme hat. Das zeigt auch das Beispiel Maritime Meile: Der Hafengeburtstag am Beginn der Meile kann nicht stattfinden, wenn Bremen nicht den Giftschlamm im Hafenbecken beseitigt. Und der bisherige Endpunkt der Meile ist bereits vor fast zehn Jahren mit der Pleite der Gläsernen Werft verloren gegangen. Das Ende der Meile: Heute ein Lost Place hinter Stahlwänden.

Die Insolvenz der Werft Bremer Bootsbau Vegesack 2012 erinnerte viele Nordbremer an ein weitaus dramatischeres Werften-Ende: das der Vulkan-Werft 1997, das bis heute im Stadtteil nachwirkt.

Der Zusammenbruch der Werft sowie die abgelegene Geografie führten nach Expertenmeinung dazu, dass die Menschen im Norden der Hansestadt begannen, sich als Schicksalsgemeinschaft zu fühlen. Dazu kam, dass in den vergangenen 25 Jahren Leuchtturmprojekte scheiterten, soziale Brennpunkte sich verfestigten und Stadtteile wie Blumenthal gegen die Strukturschwäche kämpfen. Marketingexperten legten den Bremen-Nordern zwischenzeitlich ans Herz, ein stärkeres Zugehörigkeitsgefühl zur Stadt Bremen zu entwickeln. Doch viele Bremen-Norder sprechen immer noch davon, nach „Bremen“ zu fahren, wenn sie in die Stadt wollen. Aber was soll ein Bremen-Norder überhaupt unbedingt in Bremen? Nördlich der Lesum ist es genauso schön, wenn nicht schöner!

Heimathafen und Kultur-Region

Bremen-Nord mit seinen maritimen Festen und vielschichtigen kulturellen Angeboten ist bereits zum Heimathafen für viele junge Menschen aus zahlreichen Ländern der Welt geworden: Mehr als 100 Nationen studieren heute an der staatlich anerkannten, internationalen Jacobs University. Und auf dem ehemaligen Woll-Kämmerei-Gelände plant der Senat mit dem Berufsschul-Campus Bremens größtes Schulbauprojekt. Es gibt weitere Perspektiven.

Bremen hat die Stadtmusikanten, aber Vegesack hat mit dem „Schulschiff Deutschland“ den letzten Rahsegler. Der Verein erwägt derzeit einen Umzug nach Bremerhaven. Vielleicht höchste Eisenbahn, den Weg nach Bremen-Nord anzutreten und ein Stück maritime Geschichte zu erleben: einfach rauf auf die Decksplanken und rein in den Kapitänssalon.

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DIE NORDDEUTSCHE ist die Tageszeitung für Vegesack, Blumenthal, Burglesum, Ritterhude, Schwanewede, Lemwerder und Berne. In diesem Jahr besteht die Regionalausgabe 135 Jahre. Die Anfänge einer Zeitung für Bremen-Nord gehen sogar auf das Jahr 1849 zurück, damals erschien das Vegesacker Wochenblatt erstmals mit 195 Exemplaren im Rohrschen Verlag. Johann Friedrich Rohrs gleichnamiger Sohn machte aus der „Vegesacker Wochenschrift“ 1885 die „Norddeutsche Volks-Zeitung“. Seit den 1970er-Jahren gehört DIE NORDDEUTSCHE als Regionalteil zum WESER-KURIER.

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Dieser Artikel ist Teil der Sonderveröffentlichung zum 75. Geburtstag des WESER-KURIER. Am 19. September 1945 erschien die erste Ausgabe unserer Zeitung. Anlässlich des Jubiläums blicken wir zurück auf die vergangenen Jahrzehnte: Erinnern uns an die Anfänge unserer Zeitung und auch an die ein oder andere Panne. Und wir schauen nach vorn: Wie werden Künstliche Intelligenz und der Einsatz von Algorithmen den Journalismus verändern? Natürlich denken wir auch an Sie, unsere Leser und Nutzer. Wer folgt unseren Social-Media-Kanälen, wer liest unsere Zeitung? Was ist aus den Menschen geworden, über die wir in den vergangenen Jahren berichtet haben? Und wie läuft er eigentlich ab, so ein Tag beim WESER-KURIER?

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