Stadtmusikantenhaus

Bremer Wahrzeichen soll mehr Bedeutung bekommen

Den entscheidenden Schub für das Stadtmusikantenhaus hat die Zusage des Bundes gebracht, sich an den Kosten zu beteiligen. Aus Berlin fließen 4,9 Millionen Euro, Bremen muss gleich viel zahlen.
24.12.2020, 05:00
Lesedauer: 6 Min
Zur Merkliste
Bremer Wahrzeichen soll mehr Bedeutung bekommen
Von Jürgen Hinrichs
Bremer Wahrzeichen soll mehr Bedeutung bekommen

Diese Pforte vom Kontorhaus in der Langenstraße soll der Haupteingang zum Stadtmusikantenhaus werden. Zunächst muss aber die WFB das Gebäude räumen, bevor mit dem Umbau begonnen werden kann.

Frank Thomas Koch

Es ist eine Idee des Bürgermeisters, und sie hat jetzt einen solchen Auftrieb bekommen, dass bereits konkrete Pläne vorliegen: In das denkmalgeschützte Kontorhaus am Markt wird nach dem Umbau ein Stadtmusikantenhaus einziehen. Die Flächen, auf denen sich Esel, Hund, Katze und Hahn in vielfältiger Weise tummeln sollen, sind schon markiert, wie aus Unterlagen hervorgeht, die dem WESER-KURIER zur Verfügung stehen.

Demnach wird sich das Ausstellungshaus mit einem Mix aus Bildung und Unterhaltung auf zwei Geschosse verteilen. Der Kern ist eine rund 300 Quadratmeter große Halle mit einer Schautreppe. Beides soll für Inszenierungen im Zusammenhang mit dem Märchen der Brüder Grimm genutzt werden. Eine Etage höher ist auf rund 800 Quadratmetern eine Erlebnisausstellung geplant. Bremen will im Ganzen mit einem Pfund wuchern, das aus Sicht der Initiatoren noch nicht so genutzt wird, wie es möglich wäre.

Lesen Sie auch

„Das Märchen ist ein Schatz der deutschen Popularkultur, der wie kaum etwas Vergleichbares international bekannt und beliebt ist“, heißt es in einem internen Papier zu dem Projekt. Der Stoff habe nichts von seiner Faszinationskraft eingebüßt, schließlich gehe es um so existenzielle Themen wie Altern, Vergänglichkeit, soziale Ungerechtigkeit, Flucht, aber auch um Solidarität, Toleranz und Freiheit. Diesen Markenkern Bremens gelte es zu stärken und sichtbarer zu machen.

Das Kontorhaus soll nun der Ort sein, an dem dieses Ziel verwirklicht wird. Eigentümer des mehr als 100 Jahren alten Gebäudes auf der Ecke zwischen Langenstraße und Bredenstraße ist Christian Jacobs. Der Unternehmer, Spross der Bremer-Kaffeedynastie, hat in diesem Jahr an der Obernstraße am alten Stammsitz seiner Familie das Johann-Jacobs-Haus eröffnet. Er will direkt dahinter die historische Stadtwaage entwickeln, das Essighaus in der Langenstraße abreißen und neu errichten und als vorerst letzten Baustein für sein sogenanntes Balge-Quartier auch das Kontorhaus anpacken. Dort soll unter anderem das Zwischengeschoss entfernt werden, damit der Zugang ebenerdig wird, um den von Jacobs propagierten „Handlauf zur Weser“ zu realisieren. Das Stadtmusikantenhaus bekommt seine Hauptpforte in der Langenstraße. Gemietet wird es von der Stadt, über den Betreiber entscheidet eine Ausschreibung.

Wirtschaftsförderung verlässt Kontorhaus

Den entscheidenden Schub für das Projekt hat im vergangenen Monat die Zusage des Bundes gebracht, sich an den Kosten zu beteiligen. Aus Berlin fließen 4,9 Millionen Euro, Bremen muss den gleichen Betrag obendrauf packen. Der Zeitplan hängt davon ab, wann die Wirtschaftsförderung Bremen (WFB), die im Kontorhaus in den oberen Etagen ihre Büros hat, das Kontorhaus verlässt. Voraussetzung dafür ist, dass die WFB ihr neues Domizil im sogenannten „Lebendigen Haus“, dem ehemaligen Lloydhof am Ansgarikirchhof, beziehen kann. Das Gebäude wird gerade umgebaut. Spätester Termin für den Umzug ist Frühjahr 2022, so hat es die WFB mit Jacobs vertraglich vereinbart. Die Umbauarbeiten im Kontorhaus eingerechnet, die erst dann beginnen können, wenn die Behörde raus ist, dürfte es das Stadtmusikantenhaus nicht vor Mitte oder Ende 2023 geben.

In dem Plan für die Flächenaufteilung sind im Erdgeschoss neben der Halle hinter dem Eingang und der anschließenden Schautreppe fünf weitere Räume eingezeichnet. Es soll unter dem Arbeitstitel „City of Literature“ eine fein bestückte Buchhandlung geben, im Gespräch ist auch ein Literaturcafé. Der Laden liegt exponiert direkt an der Langenstraße, genauso wie auf der anderen Seite des Eingangs der deutlich größere Verkaufsraum für Artikel mit Bezug zu den Bremer Stadtmusikanten, das sogenannte Merchandising. Zwei Flächen wird die Bremer Touristik Zentrale (BTZ) belegen – für den Verkauf der Eintrittstickets und für einen Multifunktionsraum. Und schließlich werden noch etwa 160 Quadratmeter für Garderobe und Sanitäranlagen benötigt. Das Obergeschoss mit der Schautreppe als Aufgang, einen Fahrstuhl gibt es natürlich auch, bleibt der Erlebnisausstellung vorbehalten.

Lesen Sie auch

Im Papier zu dem Projekt wird von diversen thematischen Anknüpfungspunkten gesprochen, die sich bei den Stadtmusikanten anböten. Beispielhaft zählen die Verfasser vier Punkte auf: Die politischen und sozialen Bedingungen zu der Zeit, als das Märchen entstand, also vor etwas mehr als 200 Jahren. Solidarität als Mittel der Befreiung aus Ausbeutung und Unterdrückung. Flucht, Migration und Auswanderung als historisches und aktuelles Phänomen. Schließlich noch die Selbsthilfe: Um die Angreifer zu erschrecken, haben die Tiere im Märchen eine Figurenpyramide gebildet, sie sind mit dieser Idee gleichsam über sich hinausgewachsen.

Abhängig von den gewählten Schwerpunkten, könne sich eine Reihe von Verknüpfungen und Kooperationen ergeben, wird in dem Konzept hervorgehoben. Als überregionale Beispiele nennen die Autoren das Ausstellungshaus Grimmwelt in Kassel und die Europäische Märchengesellschaft, die mit ihrem Antrag dafür gesorgt hat, dass das Märchenerzählen den Rang eines immateriellen Unesco-Welterbes bekommen hat. „Damit kann auf beinahe unvergleichliche Weise eine inhaltlich fundierte, seriöse, dabei zugleich kurzweilige und interessante Ansprache einer beachtlichen Vielfalt an Zielgruppen gewährleistet werden“, lautet das Resümee.

Pläne, aus denen nichts geworden ist

Es gab schon viele Ideen, wie die weltberühmten Stadtmusikanten als Vehikel genutzt werden könnten, um Bremens Anziehungskraft zu stärken. Bei einer Bürgerbefragung sprudelte es nur so, ein wahrer Schatz, schwärmte der damalige Bürgermeister Jens Böhrnsen. Er hatte eigens eine Kommission ins Leben gerufen, um aus diesem Schatz etwas zu machen. Das ist fast zwölf Jahre her, und so richtig gezündet hat kaum einer der Vorschläge.

Weitere Standorte sollten es sein, das Quartett allüberall, am Flughafen, Bahnhof und sonstwo. Oder so etwas: rotierende Stadtmusikanten auf dem Siemens-Hochhaus, ein regelmäßiges Fest zu Ehren des Bremer Wahrzeichens, Auszüge aus dem Märchen als Texttafeln im Stadtgebiet, Menschen in entsprechenden Tierkostümen, die durch die Straßen streifen.

Lesen Sie auch

Zu den Ideen gehörte auch damals schon ein Stadtmusikantenhaus, und Jahre später gab es im Lloydhof am Ansgarikirchhof tatsächlich mal eines, eine Mini-Variante, und eigentlich auch kein Haus, die Einrichtung wurde nur so genannt. Jede Menge Glamour und Glanz brachte der Stadtmusikanten-Preis, der sich aber nicht lange hielt – zu teuer und wenig Effekt. Aktuell gibt es den Stadtmusikantenexpress, eine Bahn, mit der Touristen durch die Stadt kutschiert werden. Und sowieso prangt das Logo der vier Tiere überall.

Spektakulär der Plan, den Großkünstler Markus Lüpertz mit einer fünf Meter hohen Stadtmusikanten-Skulptur zu beauftragen. In wesentlich kleinerer Form hatte er sie bereits kreiert. Die XXL-Variante sollte vor dem Haus der Bürgerschaft stehen. Als die Stadt nicht sofort dazu bereit war, zog sich die Geldgeberin für das Projekt wieder zurück.

„Unser wichtigstes Werbesymbol“

Als die Bremer Stadtmusikanten 60 Jahre an der Nordwestwand des Rathauses standen, wo sie am 30. September 1953 aufgestellt worden waren, wurde Peter Siemering, damals Geschäftsführer der Bremer Touristik-Zentrale und des Verkehrsvereins, zu Bremens Werbeträger befragt. „Die Skulptur wurde hin- und hergeschoben und schließlich in eine Ecke gestellt“, erzählte Siering. Manch Bremer habe sich mit dem Werk des Bildhauers Gerhard Marcks (1899-1981) zunächst nicht anfreunden können, die schlichte Form sei auf Kritik gestoßen. „Heute sind die Stadtmusikanten unser wichtigstes Werbesymbol“, sagte Siemering und würde es heute wohl wieder tun. Bei zwei Imagestudien habe die Bronzeskulptur unangefochten den ersten Platz belegt.

Einer der Vorgänger Siemerings im Verkehrsverein war auf eine Stadtmusikanten-Skizze Marcks’ aufmerksam geworden und hatte die Skulptur 1951 bestellt. 1953 wurde sie zunächst leihweise in Bremen aufgestellt – in der Hoffnung, irgendwie an das Geld zu kommen, um sie kaufen zu können. „Das war mühsam“, so Siemering damals. Durch Mitgliedsbeiträge des Verkehrsvereins, Spenden und eine finanzielle Unterstützung der Sparkasse waren die nötigen 200.000 D-Mark im Jahr 1955 zusammen. Der Verkehrsverein konnte die Skulptur kaufen. Formal gehört sie dem Verein noch heute – eigentlich aber allen Bremern und irgendwie auch der ganzen Welt. Siemering: „In Bremen gelten die Stadtmusikanten als niedlich. Weltweit sind sie ein unglaublicher Sympathieträger, genauso bekannt wie die Kleine Meerjungfrau in Kopenhagen.“ In China sei das Märchen in der Grundschule Teil des Lehrstoffs als Beispiel für gutes soziales Verhalten.

Lesen Sie auch

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+