Wegen anhaltender Trockenheit Bremer Bäume werfen Äste ab

Von Trockenheit gestresste Bäume lassen unvermittelt Äste fallen - zum Selbstschutz. Überwiegend sind Laubbäume wie Kastanien und Buchen von dem Phänomen betroffen. Wenn es knackt ist es schon zu spät.
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Bremer Bäume werfen Äste ab
Von Justus Randt

Der Sommerstress steckt den ausgetrockneten Bäumen in den Gliedern – und ein Ende ist nicht in Sicht. Der 15 Meter lange, tonnenschwere Ast in Vegesack, der von einer 200-jährigen Eiche gebrochen war, ist nur eines der jüngsten Beispiele. Auch viele Platanen am Osterdeich, am Neustädter Weserufer und an anderen Orten der Stadt haben im heißen Sommer einen Wachstumsschub erlebt.

Erst sprengten sie Rinde ab, jetzt lassen sie ganze Äste fallen. Der Sommer ist vorbei, keine Frage, aber die Trockenheit hält an – und damit die von Bäumen ausgehende Gefahr. „Wir sind aus der Nummer noch nicht raus“, sagt Bürgerparkdirektor Tim Großmann.

Auch Sönke Hofmann, Geschäftsführer des Naturschutzbundes Nabu in Bremen, hat beim Schullandheim Dreptefarm in Wulsbüttel Erfahrungen mit dem Phänomen gemacht: „Ich saß auf der Veranda, als es in einiger Entfernung heftig und hell knackte. Das wiederholte sich zwei-, dreimal, dann krachte ein oberschenkeldicker Kiefernast aus der Krone runter“, erzählt der gelernte Förster.

„Wenn man bei Laubholz etwas hört, ist das der finale Knacker“

„Das ist der Unterschied: Nadelholz warnt, aber das Fatale ist, dass zu 99 Prozent Laubbäume betroffen sind. Und wenn man bei Laubholz etwas hört, ist das schon der finale Knacker.“

Stadtweit, hat Kerstin Doty nach dem Vorfall in Vegesack festgestellt, habe es nur einige wenige Fälle von sogenanntem Grünastabwurf gegeben. Die Sprecherin des Umweltbetriebs Bremen ging sogar davon aus, dass das Problem in den vergangenen zwei bis drei Monaten gar nicht aufgefallen sei.

Vorbeugen könne man kaum, obwohl der Umweltbetrieb regelmäßig Bäume kontrolliere. Von der Wurzel über die Krone bis hin zum Blattaustrieb. Es werde auf zerstörerische Pilze wie auf andere Auffälligkeiten und mögliche Anzeichen von Erkrankungen geachtet.

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All das vermag nichts gegen die Tücken des Grünabbruchs, wie Tim Großmann das Phänomen nennt: „Die Äste brechen unvermittelt ab, das ist nicht durch Kontrollen vorhersehbar.“ Nicht einmal das geballte Expertentum, das die Arbeitsgemeinschaft der Sachverständigen für Baumstatik Ende September dieses Jahres bei ihrer internationalen Tagung im Bürgerpark aufbieten konnte, hätte da geholfen.

Die seit einem halben Jahr anhaltende Trockenheit, davon ist Großmann überzeugt, sei eine der Ursachen für Astabbrüche, auch im Bürgerpark und im Stadtpark. „Dabei ist wissenschaftlich noch nicht ganz geklärt, wie das vor sich geht. Jedenfalls ist das ein Phänomen, das wir sehr fürchten, weil wir wehrlos dagegen sind. Man kann durch gute Arbeit keinen Einfluss darauf nehmen.“

Dies sei zwar vielleicht nicht der heißeste, aber vermutlich der trockenste Sommer seit Langem gewesen. Statt seit Juli oder August, was normal sei, seien seit Mai Temperaturen von 30 und mehr Grad Celsius gemessen worden. „Es hätte schlimmer werden können, die Bedingungen waren danach“, sagt Großmann, „aber wir sind relativ glimpflich davon gekommen.“

„Teilweise fallen Äste runter,die komplett belaubt sind“

Nabu-Chef Hofmann ergänzt: „Seit April muss die Natur mit der Hälfte der Niederschläge auskommen. Teilweise fallen Äste runter, die komplett belaubt sind. Das Laub welkt auch nicht, gerade bei den Eichen.“

Am Schweizerhaus im Bürgerpark sei derzeit gut zu beobachten, dass Eichen Zweige abwerfen, sagt der Bürgerparkdirektor. „Die Abbruchstellen sind ganz glatt, wie ein Gelenk – kerngesundes Holz. Das hat den gleichen Hintergrund wie das Abwerfen der Blätter: Es geht darum, die Verdunstungsfläche zu verringern.“

Von den rund 15 000 Bäumen im Zuständigkeitsbereich des Parkdirektors sind nach dessen Schätzung in diesem Jahr 15 bis 20 Äste abgebrochen und hinuntergestürzt, „also nicht dramatisch viel“.

Plötzlicher Knall

Vor allem sei wichtig, dass sich alle Fälle „im Bestand“ ereignet hätten und dass nichts auf die Wege gefallen sei. Großmann hat es im Juli selbst auf einer Wiese des Bürgerparks erlebt: Am frühen Nachmittag, zur heißesten Zeit des Tages, habe es plötzlich einen Knall gegeben, und ein Buchenast, „ein Riesending“, sei heruntergepoltert.

Betroffen, sagt Großmann, seien insbesondere Buchen, Kastanien und auch Eichen. „Eichen haben faserigeres Holz. Was bricht, bleibt oft erst mal hängen. Buchen- und Kastanienäste brechen gleich komplett ab und kommen auch runter.“

Was herunterkam, hatte „in der Regel einen Durchmesser von zehn bis 20 Zentimeter und war zwischen vier und sechs Meter lang“, sagt Großmann. „Potenziell ist das tödlich.“ Und noch immer halte die Trockenheit an – bis sich die Bäume wieder mit Wasser vollgesaugt hätten, werde wohl Weihnachten sein.

Vorerst, und umso mehr, wenn irgendwann Herbststürme aufziehen, gelte das Gebot, auf den Wegen zu bleiben – und bei starkem Wind Bürgerpark und Stadtwald gar nicht zu betreten. „Es stehen überall Schilder, und wir bitten immer wieder, sich daran zu halten“, sagt der Parkdirektor. „Aber viele Leute sind sehr beratungsresistent.“

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