Corona-Krise

Bremer Kaufleute fürchten zweiten Lockdown

Die Corona-Krise hat den Handel, die Gastronomie und das Hotelgewerbe besonders schwer getroffen. Jetzt gibt es eine leichte Erholung, gleichzeitig aber auch die Angst vor einem zweiten Lockdown.
12.08.2020, 05:00
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Von Nico Schnurr und Jürgen Hinrichs
Bremer Kaufleute fürchten zweiten Lockdown

Viele Händler kämpften noch mit den Folgen des ersten Lockdowns.

Daniel Reinhardt /dpa

Die Bremer Wirtschaft beobachtet die steigenden Corona-Infektionszahlen mit Sorge. Ein zweiter Lockdown im Herbst müsse unbedingt vermieden werden. Ansonsten drohe Bremen eine beispiellose Insolvenzwelle. Zuletzt hatte sich die Lage im Bremer Einzelhandel und Gastgewerbe etwas entspannt. Die Umsätze liegen zwar weiterhin zum Teil deutlich unter den Zahlen aus dem Vorjahr, aber die Touristen kehren zurück in die Stadt, und die Kunden kaufen wieder mehr ein als noch vor einigen Monaten. Doch eine zweite Infektionswelle, so die Befürchtung, würde den leichten Aufwärtstrend abrupt beenden. „Gerade läuft ein großer Versuch: Die Schulen öffnen wieder, Urlauber kommen aus den Risikogebieten zurück“, sagt Karsten Nowak, Einzelhandelsexperte der Bremer Handelskammer, „die Sorgen sind da, denn ein zweiter Lockdown wäre eine Katastrophe.“

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) nannte den Anstieg der Neuinfektionen auf zuletzt regelmäßig um 1000 Fälle pro Tag in Deutschland alarmierend. „Wir müssen einen zweiten Lockdown mit aller Macht verhindern“, sagte Altmaier, „deshalb brauchen wir zielgenauere Maßnahmen und Korrekturen statt flächendeckender Rundumschläge.“

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Ähnlich wie im Rest der Republik befinde sich in Bremen etwa ein Drittel aller Händler, die nicht im Lebensmittelgeschäft tätig sind, in einer bedrohlichen Lage, so Handelskammer-Experte Nowak. Viele kämpften noch mit den Folgen des ersten Lockdowns. „Sie würden ein erneutes Herunterfahren der Wirtschaft nicht überleben“, sagt Nowak, „dann würden uns ganze Branchen wegbrechen.“ Eine zweite Infektionswelle müsse unbedingt verhindert werden. Viele Arbeitnehmer blieben ansonsten länger im Homeoffice, die Kurzarbeit ginge weiter, noch mehr Menschen wären von Arbeitslosigkeit bedroht. „Das alles drückt die Stimmung und das Kaufverhalten“, sagt Nowak, „die Leute hätten ganz andere Sorgen, als shoppen zu gehen.“

Kunden bummeln weniger und kaufen gezielter ein

In den vergangenen Wochen habe sich der Bremer Einzelhandel etwas erholen können, sagt Jan König, Geschäftsführer beim Handelsverband Nordwest. Zwar würden die Bremer nach wie vor weniger bummeln und gezielter einkaufen als vorher, doch sie kämen inzwischen besser damit zurecht, beim Shoppen eine Maske zu tragen. „Es ist ein Gewöhnungseffekt zu spüren“, sagt König. Auch Handelskammer-Experte Nowak betont: „Zuletzt ist das Einkaufen wieder etwas alltäglicher geworden.“

Im Bremer Viertel sei die Kundenfrequenz im Juli nur sieben Prozent geringer gewesen als im gleichen Monat im Jahr zuvor, sagt Norbert Caesar, Einzelhändler und Vorstandsmitglied der Interessengemeinschaft „Das Viertel“. Der Ladenmeile gehe es „gar nicht so schlecht“, man sei bislang auch dank der Solidarität der Kunden „relativ gut durch die Krise gekommen“, so Caesar. Auch er warnt vor den möglichen Folgen steigender Infektionszahlen: „Man muss denen, die sich nicht an die Abstandsregeln und Maskenpflicht halten, klarmachen: Euer Verhalten schadet der Gesellschaft, haltet euch an die Vorschriften, wenn ihr in fünf Jahren noch einen Einzelhandel in Bremen haben wollt.“​

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Die Gastronomen und Hoteliers in Bremen sind weiterhin mit großem Abstand von ihren früheren Umsätzen entfernt. Abgemildert wird das Tief in Lokalen mit Außenplätzen durch das anhaltend gute Wetter. „Die Wahrheit werden wir erst im Herbst und Winter sehen“, sagt Uwe Lammers vom Getränkegroßhändler Beckröge. Viele Gaststätten seien nach wie vor geschlossen, Clubs, Bars und Diskotheken sowieso – „das Geschäft fehlt uns natürlich“. Lammers kann nicht verstehen, dass angesichts der weiterhin bestehenden Corona-Auflagen für die Gastronomie ernsthaft in Erwägung gezogen wurde, die Fußballstadien wieder für Fans zu öffnen. „Wir müssen da durch, alle, und ohne Privilegien für wenige.“ Sollten die Regeln wieder verschärft werden, hin zu einem zweiten Lockdown, sieht er für viele Kneipen und Restaurants keine Chance mehr: „Das wäre der Todesstoß.“

Auslastung in Hotels bleibt gering

Roland Koch, der mit seinem Unternehmen Gastro Consulting in Bremen unter anderem das El Mundo, den Chilli Club und die beiden Paulaner‘s betreibt, hat den Vorteil, draußen servieren zu können. „Dadurch kommen wir zurecht und erreichen teilweise sogar das Vorjahresergebnis“, sagt Koch. Insgesamt lägen die Umsätze zurzeit bei rund 75 Prozent des normalen Niveaus. „Damit können wir überleben, es ist aber nichts für die Zukunft.“ Koch beobachtet bei seinen Gästen, dass sie selbst dann lieber draußen sitzen, wenn das Wetter nicht optimal ist. Die nächsten beiden Quartale würden deshalb eine schwierige Zeit, zumal die Vermieter sich oft querstellten, wenn es um die Reduzierung der Pachten gehe.

Bei den Hotels in Bremen sei die Auslastung immer noch sehr gering, berichtet Detlef Pauls vom Deutschen Hotel- und Gaststättenverband. Pauls führt selber zwei Hotels, in einem seien die Betten zu einem Drittel gefüllt, im anderen deutlich weniger. Auch für den September gebe es nur eine vergleichsweise geringe Zahl von Buchungen. „Die Tagungen laufen auch noch nicht richtig an“, so Pauls. Er nennt als Beispiel eine mehrtägige Veranstaltung, die ihm in der Vergangenheit jedes Mal 140 Übernachtungsgäste gebracht habe. „Jetzt sind es 20, die sich per Videokonferenz mit den anderen Teilnehmern zusammenschalten.“ Ein Lichtblick ist, dass Hotels, die geschlossen waren, jetzt wieder in Betrieb gehen. Die Bremer Atlantic-Gruppe wird in wenigen Tagen ihr Haus am Universum wieder öffnen, zwei Wochen später folgt das Hotel an der Galopprennbahn.

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