Nach den Corona-Lockerungen Wie der Bremer Einzelhandel den Neustart erlebt

Der erste Monat ist rum. Wie haben die Geschäfte in der Bremer Innenstadt die Zeit mit Corona erlebt? Neben Zurückhaltung gibt es Lichtblicke: Die Frequenz steigt wieder an.
19.05.2020, 05:22
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Wie der Bremer Einzelhandel den Neustart erlebt
Von Lisa Schröder

Ein Montag im Mai. Die Sonne ruht sich hinter den Wolken aus, eine leichte Brise weht. Und durch die Sögestraße schlendern wieder Menschen – nicht selbstverständlich. Seit einem Monat sind die Geschäfte nun geöffnet. „Tatsächlich ist langsam aber sicher mehr Nachfrage zu spüren“, sagt Carolin Reuther, Geschäftsführerin der City-Initiative, bei einem Spaziergang durch die Innenstadt.

Gerade in der Sögestraße gab es bei der Passantenfrequenz zum Auftakt einen Einbruch. Seit rund zwei Wochen sei die Tendenz aber steigend – in allen Lagen in der City. Je nach Geschäftsmodell und Segment sei die Stimmung im Handel dabei unterschiedlich. „Grundsätzlich waren alle positiv eingestellt, dass es wieder losgeht“, sagt Reuther. Doch für den ein oder anderen müsse das Geschäft zulegen. Die Umsätze hätten sich teils mehr als halbiert: „Das geht natürlich auf Dauer nicht.“

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Nur auf den ersten Blick sieht die Einkaufsmeile wie gewohnt aus. Der zweite Blick nimmt die Masken und vielen Hinweise der Geschäfte wahr. Kunden von Mister Spex stehen sogar zunächst vor verschlossenen Türen. Eine Vorsichtsmaßnahme: In diesen Zeiten sollen immer nur drei Kunden das Brillengeschäft betreten. Für die Mitarbeiter ist wichtig, den Überblick zu behalten: Jede Brille werde nach der Anprobe desinfiziert, sagt der Manager des Standorts Steffen Kieras: „Wir können dann zu jedem Zeitpunkt mit gutem Gewissen sagen: Hier war alles clean.“

Selbst wenn es anstrengender ist: Kieras ist froh, dass wieder geöffnet ist und nimmt die Regeln stoisch hin. Die Stadt sei leerer, doch Mister Spex könne sich nicht beklagen. Die Kunden hätten sogar mehr Geduld als sonst: „Wir haben uns jetzt an unseren neuen Alltag sehr gut gewöhnt.“ Nur eins stört beim Brillenkauf natürlich. „Die Maske ist das größte 'Problem'“, sagt Kieras. Für einen kurzen Moment, wenn der Abstand da sei, erlaube man deshalb, die Maske von der Nase zu ziehen.

Ansonsten lässt sich eine Brille auch digital anziehen: auf der Homepage. Denn Mister Spex ist ein besonderer Fall. Das Unternehmen fing mit dem Onlinehandel an und baute erst danach Standorte auf – ein Vorteil. Besonders nach Sonnenbrillen und Kontaktlinsen sei die Nachfrage online groß gewesen, sagt Mirko Caspar, Geschäftsführer von Mister Spex. Gerade mit Letzterem hätten sich die Kunden regelrecht eingedeckt. Allerdings seien die Einbußen durch den Ausfall der Geschäfte schmerzhaft gewesen.

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Stefan Brockmann, im Vorstand der City-Initiative (CI), hat mit dem Möbelladen Boconcept selbst ein Geschäft in der Innenstadt. „Klagen gehört immer ein bisschen dazu, aber wir sind nicht ganz unzufrieden“, sagt der Unternehmer. „Die Leute waren jetzt viel zuhause. Insofern gab es ein bisschen mehr Bedarf nach Möbeln.“ Doch die Situation insgesamt bleibe sehr schwierig. „Das lustvolle Shoppen, das fehlt eben noch.“ Im Moment gebe es noch Hemmnisse beim Einkaufsbummel.

Von der Politik wünscht Brockmann sich vor allem das „Bekenntnis zur Innenstadt“. Im Moment gebe es viel Verunsicherung und Kaufzurückhaltung bei den Menschen: „Da ist Psychologie erforderlich.“ Es ginge darum, den „Knoten im Kopf zu lösen“, damit die Menschen wieder mehr Lust zum Shoppen hätten. Hachez hat eigentlich Glück gehabt. Seine Spezialitäten konnte der Schokoladenhersteller weiter verkaufen und musste nicht schließen. Allein die Kundschaft fehlte. „Die Stadt war so leer. Das war schon sehr gruselig“, sagt Geschäftsleiterin Basak Azmouz. Deshalb schloss Hachez ebenfalls freiwillig. Selbst heute hat sich längst keine Normalität eingestellt: „Es zieht jetzt wieder langsam an, aber ist noch zurückhaltend.“

Der Laden, der gewöhnlich üppig an Kundschaft gefüllt ist, ist in diesem Moment leer. „Im Mai ist normalerweise Hochbetrieb“, sagt Azmouz. Sonst sei im Geschäft immer viel zu tun. Selbst im Hochsommer deckten sie sich hier bei 30 Grad mit Schokolade ein. Geschäftsleute kauften für ihre Kunden ein, und vor allem Urlauber kämen. Wenn Stadtführungen hier hielten, bildeten sich draußen oft Schlangen. Die Touristen aber bleiben aus. Stammkunden sind nun gefragt. „Dafür sind wird sehr dankbar.“ Doch auch die Bremer kauften bewusster ein: eher Schokoladetafeln statt Pralinen, und Geschenke seien weniger gefragt.

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Stefan Brockmann sieht derweil gerade für den Textileinzelhandel massive Probleme. Seine Möbel ließen sich auch im September noch gut verkaufen – anders als Saisonware. Der Umsatz für die Modebranche lasse sich nicht wieder aufholen. In einem Laden ist von Einbußen von fast 70 Prozent zu hören. Im Geschäft von Tredy in der Obernstraße ist ebenfalls wenig los. „Es ist sehr verhalten.

Wir hoffen das Beste“, sagt eine Mitarbeiterin der Damenmodekette. „Sehen Sie ja: ist leer.“ Mode werde wegen eines Anlasses gekauft: einer Party, eines Konzerts oder Urlaubs. Das fehle. „Es muss jetzt richtig brummen“, sagt die Verkäuferin mit Blick auf die vollen Regale und Kleiderstangen mit Frühjahrsmode. Vor dem Gesicht trägt sie ein durchsichtiges Visier. In der ersten Woche sei die Zurückhaltung besonders groß gewesen: „Da hat man gedacht: Geisterstadt.“

Zurück in der Sögestraße. Salamander hat ebenfalls ein Problem mit der Saisonware, berichtet Ashley Stüwe, Mitarbeiterin im Schuhgeschäft: „Wir hängen mit der Ware komplett hinterher.“ Nun müssten die Schuhe, die in den Wochen der Schließungen hängengeblieben seien, endlich in die Regale. Dabei beobachte sie, dass die Menschen wieder rauswollen. Doch der Bummel wirft nicht immer Geschäft ab: „Gekauft wird nicht gerade viel.“ Nur eins sei auffällig: Kinderschuhe seien gerade stark nachgefragt. Zusätzlich zur Arbeit kommt ein neues Gespräch mit Kunden, die wegen der Maskenpflicht diskutierten: „Das verstehen viele nicht.“

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Die Hamburger Schuhkette Görtz stellt ebenfalls Zurückhaltung bei den Kunden fest. Das Shopping-Erlebnis fehlt, sagt Geschäftsführer Frank Revermann. Die Gastronomie sei eingeschränkt, man müsse diszipliniert sein und eine Maske tragen: „Das ist kein Erlebnis.“ Inzwischen seien alle Geschäfte wieder geöffnet. Leider gebe es nur einen „Flickenteppich an Vorgaben und Regelungen in den verschiedenen Bundesländern“ in Bezug auf die Öffnung und Hygienemaßnahmen. „Das ist für einen Filialisten sehr herausfordernd.“

Carolin Reuther hofft nun auf einen Schub. Seit Montag dürfen Restaurants und Cafés wieder öffnen. „Wir gehen davon aus, dass die Frequenzen in dieser Woche tatsächlich steigen werden“, sagt Reuther, gerade wegen der tollen Lagen der Gastronomie in der Fußgängerzone und an der Schlachte. Schon jetzt sei eine Rückkehr zum Mittagstisch zu beobachten: „Die Leute gehen wieder raus.“ Neben dem Essen erledigten sie dabei Besorgungen – fast wie früher. Jan König vom Handelsverband Nordwest bestätigt Reuther in puncto Gastronomie: „Das ist ein ganz wichtiger Frequenzbringer.“ Unternehmer Stefan Brockmann setzt darauf, dass das Vertrauen der Menschen in den Innenstadtbesuch wieder steigt, die Angst schwindet und eine Gewöhnung eintritt: „Wir setzen stark auf den Effekt, dass wieder alles auf ist.“

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