Interview zu Homeschooling „Eine große Chance für Schüler“

Eltern sollten nicht erwarten, dass ihr Kind im Homeschooling jeden Tag sechs Stunden lang lernt, sagt Didaktik-Professorin Anne Levin von der Uni Bremen.
24.01.2021, 05:00
Lesedauer: 2 Min
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„Eine große Chance für Schüler“
Von Sara Sundermann

Was empfehlen Sie Eltern, die jetzt Kinder im Homeschooling zu Hause haben?

Anne Levin: Es ist schwer, allgemeine Tipps zu geben, weil die Voraussetzungen der Familien so unterschiedlich sind. Was gut ist, hängt stark vom Alter, dem Zugang zu Geräten und dem Schul-Angebot fürs Distanzlernen ab. Es gibt keine goldene Regel für alle. Aber Eltern können schon etwas tun: Sie können über ihre eigene Rolle nachdenken.

Was kann aus diesem Nachdenken folgen?

Wer auch sonst über den Schulstoff mit seinem Kind viel im Austausch ist, kann das jetzt auch weiter tun. Wenn Eltern, die sich sonst wenig damit befassen, was ihr Kind in der Schule macht, jetzt plötzlich Tipps und Hilfen geben wollen, wird das eher problematisch sein, das kann auch für Irritationen sorgen. Manche Kinder sagen dann: „Wieso interessierst du dich jetzt plötzlich dafür?“

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Ist es sinnvoll, wenn Eltern für ihre Kinder einen Tagesplan mit Zeiten aufstellen?

Das würde ich nicht empfehlen. Die große Chance für Schüler ist ja, in der jetzigen Situation ein bisschen selbstbestimmter zu lernen. Ältere Schüler kann man fragen: Wie willst Du Dir Deinen Tag einteilen? Auch Grundschüler kann man da schon heranführen. Wenn man gleich wieder ein Korsett anlegt, ist die Chance vertan, sich selbst zu regulieren und selbstbestimmt zu lernen.

Sie raten dazu, bei Unklarheiten offensiv bei den Lehrern nachzufragen ...

Bei jüngeren Kindern ist oft die Hemmschwelle groß nachzufragen. Ältere Schüler wollen oft nicht, dass die Eltern sich einbringen, aber man kann sie dazu ermutigen, selbst nachzufragen. Lehrer müssen dafür sorgen, dass transparent ist, wie sich Schüler Hilfe holen können. Es ist die Bringschuld der Lehrkräfte, dass sie als Ansprechpartner für Probleme zur Verfügung stehen.

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Haben einige Eltern falsche Erwartungen?

Manche Eltern haben die Vorstellung, Homeschooling bedeutet, dass ihr Kind von acht bis 13 Uhr am Schreibtisch sitzt, manche fordern mehr Aufgaben von den Lehrern, damit das Kind auch sechs Stunden beschäftigt ist. Aber das kann nicht das Ziel sein. Auch in der Schule gibt es Phasen, in denen Organisatorisches besprochen wird, wo sich Kinder auch mal langweilen, weil sie schneller fertig sind. Es kann durchaus sein, dass manche Kinder vier Stunden an einem Arbeitspaket für einen Tag sitzen und andere das in ein oder zwei Stunden erledigen.

Das Gespräch führte Sara Sundermann.

Info

Zur Person

Anne Levin (55) hat Psychologie studiert und an Hochschulen in Hamburg, Potsdam und Berlin gearbeitet, bis sie 2010 als Didaktik-Professorin an die Bremer Uni kam.

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