Projekt von Wissenschaftlern und BSAG Bremer "Klimabahn" macht auf Erderwärmung aufmerksam

Sie trägt die blauen und roten Streifen der "Warming Stripes": Mit der neuen Klima-Straßenbahn wollen Wissenschaftler und die BSAG das Thema Erderwärmung im Bewusstsein der Bremerinnen und Bremer verankern.
02.11.2021, 19:19
Lesedauer: 3 Min
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Bremer
Von Nina Willborn

"Wir müssen reden." Was in Beziehungen ankündigt, dass etwas ziemlich schief läuft, ist auch die Botschaft von rund 30 Bremer Wissenschaftlern, die dem internationalen Netzwerk "Scientists for Future" (S4F) angehören. Auf unterschiedlichen wissenschaftlichen Feldern beschäftigen sie sich mit den Auswirkungen des Klimawandels. Und sie wollen über dieses Thema informieren, mit den Bremerinnen und Bremern in Gespräch kommen. Deshalb schicken sie zusammen mit der Bremer Straßenbahn AG (BSAG) die sogenannte Klimabahn auf die Gleise.

Die Bahn im Design der blau-roten "Warming Stripes" des Klimaforschers Ed Hawkins wird in den kommenden zwei Jahren im normalen Liniendienst eingesetzt. Wer in der Klimabahn sitzt, kann sich über Flyer, Aufkleber oder Beiträge im Fahrgastfernsehen über unterschiedliche Aspekte und Folgen der Erderwärmung informieren. Außerdem sind regelmäßige Veranstaltungen in der Bahn geplant wie Vorträge oder Diskussionen. Zum Start gibt es von Freitag, 5. November, bis Sonntag, 7. November, pro Tag jeweils vier einstündige Sonderfahrten, während denen Ozeanografen, Physiker, Soziologen und auch Fachärzte Vorträge zu verschiedenen Themen rund um den Klimawandel halten.

"Wir haben die Expertise und Ansätze für Lösungen. Und wir würden gerne mit den Menschen reden. Deshalb haben wir uns überlegt, womit wir in allen Stadtteilen präsent sein können", erklärte der Hydrogeologe Nils Moosdorf den Hintergrund der Aktion, die mit einem Fundraising, bei dem rund 16.000 Euro zusammenkamen, gestartet war. "Wir wollen das komplexe Thema Klimawandel herunterbrechen. Die Idee ist, dass jeder nachvollziehen kann, worum es geht."

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Für ihn und seine Kollegen ist damit zweierlei gemeint: Zum einen geht es um das Verständnis der komplexen Zusammenhänge an sich: Also: Warum es beispielsweise Auswirkungen auf das Klima in der norddeutschen Tiefebene haben kann, wenn am Amazonas Regenwald abgeholzt wird oder was der Hintergrund der Verpflichtung des Pariser Abkommens von 2015 ist, die Steigerung der weltweiten Durchschnittstemperatur auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. Zum anderen wollen sie dazu beitragen, dass die Menschen Sinn und Ziele der Maßnahmen verstehen, über die derzeit diskutiert und über die entschieden wird – auf globaler Ebene wie aktuell bei der Weltklimakonferenz in Glasgow genauso wie auf lokaler in Bremen, zum Beispiel beim Thema der Verkehrswende.

Der Klimawandel betreffe jeden in Bremen, sagte auch Verkehrsstaatsrat Ronny Meyer (Grüne). "80 Prozent unserer Landesfläche liegen unterhalb des Meeresspiegels." Derzeit komme man bei der Erhöhung der Deiche kaum hinterher, den sich immer schneller ändernden Empfehlungen der Experten zu folgen – was "horrende Millionenbeträge" nach sich ziehe. "Und das, was wir zurzeit an Lieferengpässen sehen, ist ein leichter Vorgeschmack auf das, was passiert, wenn auf Landstriche irgendwann nichts mehr produziert werden kann."

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"Das Problem ist nicht, dass wir nicht wissen, was wir tun müssen", sagte der S4F-Vertreter Moosdorf. Klimaschutzmaßnahmen seien aber in den vergangenen 50 Jahren nicht ausreichend umgesetzt worden. "Und nun sind einschneidende nötig, um zu verhindern, dass wir ungebremst in eine Klimakatastrophe rasen." Eine davon ist der Umbau der Industrie weg von der Nutzung fossiler Brennstoffe wie Kohle hin zu der von weniger klimaschädlichen wie Wasserstoff, eine andere die Digitalisierung, wie der Kieler Klimaforscher Mojib Latif auf einem Kurzvortrag bei der Vorstellung der Bahn erklärte. "Es herrscht noch viel Angst vor dem Wandel", sagte er, "aber wir müssen Klimaschutz als Chance, als Innovationsmotor begreifen, der viele neue Jobs schaffen wird."

Aus Sicht von BSAG-Vorstand Matthias Zimmermann ist der öffentliche Verkehr "prädestiniert für das Thema Klimaschutz". Bei der BSAG sei man von der Idee der Wissenschaftler, eine Bahn als Ort, an dem viele unterschiedliche Menschen zusammenkommen, deshalb schnell überzeugt gewesen. "Grundsätzlich geht es um ein attraktives Verkehrsangebot", sagte er. Dazu gehörten Angebote für "die letzte Meile", also zum Beispiel ein Leihrad-System genauso wie ein so eng getakteter Busverkehr, dass die Nutzer ohne Fahrplan auskommen - den die BSAG derzeit aber noch nicht realisieren könne.

Zur Sache

Blaue und rote Streifen

Jeder Streifen ein Jahr von 1850 bis 2018, von Blau zu Rot: Die "Warming Stripes" des britischen Klimawissenschaftlers Ed Hawkins machen den Temperaturanstieg in den vergangenen Jahrhunderten sichtbar. Jeder farbige Strich symbolisiert dabei die Abweichung vom Durchschnittswert, dabei steht dunkelblau für "sehr kühl" und dunkelrot für "sehr heiß". Das Motiv ist seit seiner Veröffentlichung 2018 weltweit zu einem häufig genutzten Symbol geworden.

Mehr Informationen zur Klimabahn gibt es im Internet: de.scientists4future.org/die-klimabahn. Die Sonderfahrten mit den Vorträgen sind kostenlos, Anmeldungen aber nötig unter der Adresse scientists4future-bremen.ticket.io.

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