Interview zum Lernen zu Hause

„Homeschooling ist nicht das Leitbild“

Wie wird Schule in den kommenden Monaten aussehen, wie wird es mit dem Lernen von zu Hause weiter gehen? Der Leiter des Zentrums für Medien spricht im Interview über digitales Lernen und Unterricht auf Distanz.
23.05.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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„Homeschooling ist nicht das Leitbild“
Von Lisa-Maria Röhling
„Homeschooling ist nicht das Leitbild“

Auch wenn die Schulen wieder öffnen, müssen viele Kinder immer noch viel Lernstoff zu Hause nachholen. Das ist in Bremen mit dem Portal "itslearning" möglich.

Jean-Matthieu Gautier

Das Portal „itslearning“ hatte vor einigen Wochen ziemliche Startschwierigkeiten, als plötzlich Schülerinnen und Schüler weltweit damit von zu Hause lernen mussten. Hat sich das inzwischen gelegt?

Rainer Ballnus: Direkt nach den Schulschließungen haben sich die Nutzerzahlen für das Portal verfünffacht, das hat am Anfang zu Performance-Problemen geführt, die aber nach 14 Tagen weitestgehend behoben waren. Es gibt nur noch ganz wenige kurzfristige Ausfälle bei einzelnen Tools von „itslearning“, das ist aber in den letzten Wochen drei Mal vorgekommen. Und wenn das passiert, ist das extrem schnell behoben. Im Großen und Ganzen läuft es erstaunlich gut, dafür dass weltweit die Nutzerzahlen explodiert sind.

Bremer Medienfachtag - Dr. Rainer Ballnus

Rainer Ballnus ist der Leiter des Zentrums für Medien am Bremer Landesinstitut für Schule.

Foto: Frank Thomas Koch
Wie haben sich die Zahlen entwickelt?

Selbst in den Osterferien gab es deutlich mehr Zugriffe als in Normalzeiten, sowohl bei Lehrkräften als den Schülerinnen und Schülern. Inzwischen hat sich diese Zahl im Vergleich zur Zeit vor Corona verzehnfacht.

„itslearning“ wurde eigentlich als Hilfswerkzeug für normalen Unterricht entworfen. Wird das Programm nun weiterentwickelt, um es auf das Lernen zu Hause auszurichten?

Das Ziel hat niemand, Homeschooling ist nicht das pädagogische Leitbild. Die Schulen werden wieder geöffnet, nach den Sommerferien werden wir hoffentlich wieder im normalen Unterrichtsbetrieb sein. Lernen ist ein sozialer Prozess, „itslearning“ war immer so gedacht, dass es das Präsenzlernen unterstützen und nicht ersetzen soll. Aber natürlich wird das Programm immer weiterentwickelt, auch in enger Kooperation mit den Nutzern.

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Wie sieht das konkret aus?

Alle Lernmanagementsysteme werden natürlich dahingehend verbessert, diese extreme Situation des Homeschoolings zu unterstützen. So prüfen wir in Bremen beispielsweise gerade eng mit der Landesbeauftragten für den Datenschutz, ob und wie das Microsoft-Programm „Teams“ in „itslearning“ integriert werden könnte. Eine kurze Videobotschaft an die ganze Klasse kann extrem wirksam sein, denn es braucht das Feedback der Lehrkräfte in bestimmten Situationen.

Das wird insofern wichtig sein, weil trotz der allmählichen Öffnung der Schulen immer noch viel Lernen von zu Hause stattfinden wird. Wo können sich Schülerinnen und Schüler Hilfe holen?

Es gibt auf „Its learning“ einige Videos für Schülerinnen und Schüler, die ein paar Handgriffe für die gängigsten Probleme zeigen, aber leider sind auch unsere Kapazitäten für solche Hilfestellungen begrenzt. Es gibt allerdings einige Initiativen aus der Schülerschaft: Ein Schüler des Kippenberg-Gymnasiums hat Videos mit Tricks und Kniffen zu vielen Fragen rund um das Programm gedreht – das kommt unglaublich gut an. Aber ich sage noch einmal: Die Idee, wir können längerfristig Distanzlernen machen, das kann einfach nicht das Ziel sein. Das widerspricht dem, was wir unter Lernen verstehen. Guter Unterricht ist Beziehungsarbeit, nicht Tools und Apps, es geht darum, Kinder und Jugendlich bei ihrem Lernprozess zu begleiten.

Damit ist ja der Druck auf die Lehrkräfte aktuell besonders hoch. Gibt es für sie Möglichkeiten, sich weiterzubilden?

Wir bieten am Landesinstitut für Schule eine Reihe von Fortbildungen zu den technischen Grundlagen rund ums E-Learning und das Lernportal an. Da geht es beispielsweise darum, wie man das Lernen zu Hause mit Videokonferenz- oder Webinartools unterstützen kann. Am Zentrum für Medien haben wir in den vergangenen Wochen die größten Fortbildungen in Sachen „itslearning“ veranstaltet, die es jemals gab: Webinare mit 250 Lehrkräften gleichzeitig, auch in den Osterferien, das war enorm. Am Ende sind die Pädagoginnen und Pädagogen auch selbst gefragt, sich weiterzubilden. Letztlich kann man nicht viel falsch machen, weil dieses neue Feld des Homeschoolings auch ein bisschen Learning-by-doing ist. Da haben die Kolleginnen und Kollegen aber in den letzten Wochen eine enorme Motivation und Eigeninitiative gezeigt: Sie versuchen, den Kindern und Jugendlichen auf allen möglichen Wegen zu helfen, viele machen sich tatsächlich auf und besuchen ihre Schüler zuhause.

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Muss da auch Lernen und Unterricht grundsätzlich überdacht werden?

Wir brauchen keine eigene Didaktik des digitalen Unterrichtens. Die Grundprinzipien, was guter Unterricht ist, sind analog und digital gültig. Ich habe immer ein Problem damit, wenn man so tut, als sei digitaler Unterricht etwas ganz Neues, in dem die bisherigen Prinzipien nicht mehr gelten. Distanzlernen ist auf Seiten der Lehrkräfte mit einem Kontrollverlust verbunden. Strategien könnten darin bestehen, die bisherigen Aufgabenformate weiterzuentwickeln, um die Eigenverantwortung des Schülern zu erhöhen. Dazu gehört auch, bestimmte Zeitfenster und Stundenpläne für die Lösung von Aufgaben vorzugeben, um für einen kontrollierbaren Lernrhythmus zu sorgen.

Bildungssenatorin Claudia Bogedan hat zu Beginn der Krise angekündigt, dass Bundesmittel des Digitalpaktes umgewidmet werden und weniger für technisches Gerät und mehr für die Didaktik eingesetzt werden sollen. Klingt, als sei eine Weiterentwicklung der Didaktik doch ein Thema.

Natürlich ist für uns jetzt wichtig, den Lehrkräften passende digitale Formate für das Distanzlernen zur Verfügung zu stellen. Und dafür sollen auch Mittel des Digitalpaktes genutzt werden. Allerdings ist jetzt gerade auch die Unterstützung von Kindern und Jugendlichen aus sozial benachteiligten Haushalten wichtig, die schlichtweg keinen Zugriff auf die passenden Endgeräte für das Lernen zu Hause haben. Das soll nun ebenfalls mit Mitteln des Bundes geschehen. Zudem müssen auch die Lehrkräfte mit Geräten ausgerüstet werden, da will das Bildungsressort sich um Lösungen bemühen. Es ist wichtig zu bedenken, was so eine Anschaffung mit sich zieht: Notebooks oder Tablets können nicht einfach verteilt werden, sie müssen eingerichtet und gewartet sowie die Lehrkräfte begleitet werden. Das heißt, auch wenn diese Geräte angeschafft sind, steht da noch ein riesiger Berg von unterstützenden Aufgaben dahinter.

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Auch wenn die Ausstattung und die Aufgabenformate stimmen, sind trotzdem einige Dinge nicht so einfach ins Digitale übertragbar. Notengebung, Anwesenheitskontrollen – wie funktioniert das alles im E-Learning?

In den vergangenen Wochen haben die Lehrkräfte im Netz darauf geachtet, dass Schülerinnen und Schüler eine Rückmeldung zu ihrer Arbeit bekommen und auch entsprechend unterstützt werden. Aber das sind Zwischenlösungen, denn natürlich laufen bestimmte Kinder Gefahr, den Anschluss zu verlieren. Gerade in Familien mit mehreren schulpflichtigen Kindern können nicht nur die Hardware-Ressourcen knapp, sondern auch die räumlichen Bedingungen erschwert sein. Vor allem im Hinblick auf das wichtige Thema der Bildungsgerechtigkeit ist es so wichtig, zum Präsenzunterricht zurückzukehren und Lernerfolg nicht einseitig an die Verfügbarkeit digitaler Technik zu knüpfen.

Das passiert ja jetzt. Damit hatten die ersten Lehrkräfte nun schon die Chance, die Auswirkungen der vergangenen Wochen einzuschätzen. Gibt es dazu schon erste Erkenntnisse?

Es wird noch eine Weile dauern, bis die Auswirkungen wirklich klar sind. Dass die Kinder mit umfassenden neuem Stoff oder mit erheblichen Lernfortschritten in die Schule kommen, erwartet aber aktuell niemand.

Das Gespräch führte Lisa-Maria Röhling.

Info

Zur Person

Rainer Ballnus

ist der Leiter des Zentrums für Medien am Bremer Landesinstitut für Schule. Er und sein Team sind unter anderem mit der Umsetzung des Digitalpakts Schule in Bremen betraut.

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