Gespräch mit Pflegedienstchefin „Regelmäßige Tests schaffen wir nicht“

Andrea Hugo leitet einen ambulanten Bremer Pflegedienst und kritisiert die Rahmenbedingungen der neuen Teststrategie. In der Praxis fehle Zeit und Personal für vorbeugende, anlasslose Corona-Schnelltests.
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„Regelmäßige Tests schaffen wir nicht“
Von Timo Thalmann

Seit Kurzem sind unter anderem in der ambulanten Pflege regelmäßige und vorbeugende Corona-Schnelltests für Personal und Patienten vorgesehen. Wie darf man sich das in der alltäglichen Praxis vorstellen?

Andrea Hugo: Als schwer umsetzbar, denn auch Schnelltests binden Zeit und Personal. Von beidem haben wir in der Pflege schon ganz ohne Pandemie nicht genug. Unser Pflegedienst hat 25 Angestellte, mit denen wir rund 100 Patienten zu Hause versorgen. Wir dürfen jeden Patienten zehn Mal im Monat testen, die Angestellten einmal pro Woche. Wir haben eine vorläufige Genehmigung für bis zu 900 Tests im Monat. Doch das ist nackte Theorie. Ein Schnelltest dauert mit allem Drum und Dran mindestens 20 Minuten. Wenn Sie das hochrechnen, kommen Sie auf über zwölf Arbeitstage im Monat nur für die Tests. Die haben wir nicht, denn das kommt ja einfach auf unsere bisherige Arbeit oben drauf. Außerdem werden uns die Tests nicht ausreichend vergütet.

Das heißt, Sie müssen die Tests selber finanzieren?

Die Kosten für die Testmaterialien werden uns mit sieben Euro je Test erstattet. Da gehen wir aber in Vorleistung und die erste Charge hat uns zehn Euro je Test gekostet. Immerhin konnten wir durch Verhandlungen unserer Fachverbände für die Zukunft den Preis senken. Die Tests an den Patienten werden uns pauschal mit neun Euro vergütet. Das ist nicht kostendeckend, denn die von Gesundheitsminister Jens Spahn geäußerte Vorstellung, das könne man im Rahmen eines Pflegebesuchs quasi miterledigen, ist völlig praxisfern.

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Wieso? Klingt doch erst einmal einleuchtend, wenn Sie sowieso schon da sind...

Die Tests sind eine ärztliche Leistung. Erst durch jüngste Gesetzesänderungen dürfen examinierte Pflegekräfte nach einer Schulung diese Leistung ebenfalls erbringen. In unserem Pflegedienst haben fünf Mitarbeiter diese Fortbildung absolviert, alle mehr oder weniger zusätzlich zur regulären Arbeitszeit. Aber nicht bei jedem Patientenbesuch ist eine dieser examinierten Kräfte vor Ort.

Warum nicht?

Viele Tätigkeiten in der Grundpflege wie waschen, anziehen und so weiter werden durch Hilfskräfte erledigt. Außerdem brächten 20 zusätzliche Minuten bei einem Besuch unseren Plan und den Tagesablauf der Patienten durcheinander. Das heißt für die Tests werden eigene Termine notwendig, an denen die Mitarbeiter zum Patienten fahren. Dafür ist nicht mal eine Anfahrtspauschale vorgesehen, alles soll durch die neun Euro abgedeckt werden. Was ist mit den Arbeitgeberanteilen zur Sozialversicherung, zur Berufsgenossenschaft, die Berufshaftpflichtversicherung? Kliniken können übrigens zwölf Euro abrechnen für den gleichen Test. Das ist auch nicht nachvollziehbar.

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Was bedeutet das für die Praxis?

Regelmäßige Tests schaffen wir nicht, jedenfalls nicht so, wie es vielleicht gedacht war. Wir werden testen, wenn Mitarbeiter Erkältungssymptome haben, wenn unsere Patienten ohne Test aus einem Krankenhaus entlassen werden oder ebenfalls Symptome zeigen. Das ist natürlich schon ein Fortschritt. Bislang standen wir solchen Situationen völlig hilflos gegenüber. Patienten gingen 14 Tage in Isolation. Unsere Mitarbeiter blieben mit den leichtesten Symptomen zwei Wochen zu Hause in Selbstquarantäne, was erhebliche Lücken in der Belegschaft bedeutet. Das geht seit März so und uns langsam an die Substanz.

Welche Möglichkeiten haben Sie überhaupt, krankheitsbedingte Lücken im Personal aufzufangen?

Nur sehr wenige. Geld aus dem Rettungsschirm für die Pflege zum Beispiel für Aushilfen einer Zeitarbeitsfirma erhalten wir nur, wenn der Ausfall tatsächlich direkt durch eine Corona-Infektion des Betroffenen verursacht wird. Einfacher krankheitsbedingter Ausfall oder eine Quarantäne wegen direktem Kontakt zu einem an Covid-19 Erkrankten reicht dafür nicht. Doch ohne diesen Zuschuss ist Zeitarbeit keine wirtschaftliche Option: Schon eine Hilfskraft ist dann mit 30 Euro pro Stunde zu kalkulieren.

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Was ist die Alternative?

Wir müssen sehen, wo wir bleiben und hangeln uns von Woche zu Woche. Im schlimmsten Fall kommen Pandemiepläne zur Anwendung. Dann wird die Pflege auf das Notwendigste reduziert und Patienten aktivieren zuvor benannte Angehörige und Vertrauenspersonen, die einen Teil der Arbeit übernehmen können.

Haben Sie in diesem Jahr mehr Ausfälle im Personal als sonst?

Eindeutig. Das sind die Quarantänen aus Vorsicht, die wir jetzt mit den Schnelltests hoffentlich verringern können. Das sind aber auch die Eltern unter unseren Mitarbeitern, die plötzlich ihre Kinder betreuen müssen, weil die Schulen sie in Quarantäne geschickt haben. Im Frühjahr beim ersten Shutdown gab es immerhin Betreuungsangebote für Eltern in systemrelevanten Berufen. Das gibt es jetzt nicht mehr. Das alles spielt sich auf einem ohnehin leergefegten Arbeitsmarkt ab. Wir könnten ja mehr Patienten mit besserer Qualität versorgen, wenn es mehr Personal gäbe. Der Bedarf ist da. Mein Grundgefühl als Pflegekraft ist mehr und mehr, dass ich mich mit allen Problemen vollkommen allein gelassen fühle.

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Was könnte Ihrer Ansicht nach helfen?

Gut wäre zum Beispiel ein direkter Draht zum Gesundheitsamt, eine Hotline für uns Pflegedienste. Jede Anfrage in Zweifelsfällen dauert Tage. Wir haben mit dem ersten Shutdown ein 25-Seiten-Pamphlet der Behörde mit Vorgaben zur Hygiene erhalten. Aber was ist, wenn ich das nicht einhalten kann? Die Versorgung mit Schutzausrüstung und Desinfektionsmittel ist bis heute ein wöchentliches Pokerspiel. Die Kosten für Handschuhe sind von drei auf 14 Euro pro Packung geklettert. Allein das verursacht uns Mehrkosten von über 1500 Euro jeden Monat, die wir niemandem berechnen können. Wenn ich über diese Schwierigkeiten sprechen will, kommt nur die juristische Ansage, wir hätten einen Sicherstellungsauftrag. Eine Haltung, die mit uns gemeinsam Lösungen finden will, ist nicht erkennbar.

Wir wird es weitergehen?

Ich weiß es nicht. Schon bei einfachen praktischen Fragen ist vieles ungeklärt. Die vorläufige Genehmigung für unsere Schnelltests ist zum Beispiel bis 15. Dezember befristet. Wie es danach aussieht, kann bislang niemand verbindlich beantworten. Der medizinische Dienst der Krankenkasse soll wohl alles prüfen und sich bei uns melden.

Das Gespräch führte Timo Thalmann.

Info

Zur Person

Andrea Hugo (52)

ist examinierte Krankenpflegerin und hat sich 1993 mit einem ambulanten Pflegedienst in Bremen-Nord selbstständig gemacht.

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