Ein Jahr Pandemie Wie Corona nach Bremen kam

Am 29. Februar 2020 erreicht Corona das Land Bremen: Das Gesundheitsamt meldet die erste Patientin, die mit dem Virus infiziert ist. Wie alles anfängt – und wie es danach weiter geht.
28.02.2021, 05:00
Lesedauer: 6 Min
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Wie Corona nach Bremen kam
Von Sabine Doll

Als Sylvia Offenhäuser mit dem Fahrrad zu Bremens erster Corona-Patientin fährt, regnet es in Strömen. Was sie weiß, als sie durchnässt im Klinikum Mitte ankommt: Die Bremerin ist aus Iran mit dem Flugzeug in Frankfurt am Main gelandet und mit dem Auto nach Bremen weitergereist. Die Frau hat leichte Symptome, die zu Corona passen. Zunächst gilt sie als Verdachtsfall. Ein Test bestätigt die Infektion mit dem neuartigen Virus, das die Bezeichnung Sars-CoV-2 bekommt. Auf der Fahrt vom Gesundheitsamt in die Klinik gehen der Leiterin des Referats für Infektionsepidemiologie viele Gedanken durch den Kopf: „Ich war aufgeregt, besorgt, sehr gespannt.“ Bis zu diesem 29. Februar gibt es in Bremen einige Verdachtsfälle, die sich als negativ herausgestellt haben. „Es war aber nur noch eine Frage von Tagen, wann Corona auch bei uns ankommt“, sagt die Ärztin im Rückblick.

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Zur selben Zeit ist Judith Gal im Klinikum Mitte „genauso aufgeregt“, wie sie heute sagt. Seit Mitte Februar, als die ersten Verdachtsfälle eingeliefert wurden, hat sich die Klinik auf Corona-Patienten vorbereitet. „Welche Dimension das annehmen würde und wie lange uns die Pandemie beschäftigen sollte, haben wir damals nicht im Ansatz geahnt“, sagt die Chefärztin der Zentralen Notaufnahme, die seit damals das Ausbruchsmanagement in Bremens größtem Krankenhaus koordiniert. Als die erste Corona-Patientin auf der Isolierstation liegt, gibt es eine Mini-Task-Force, festgelegte Abläufe und ein Hygienekonzept für den Umgang mit Infizierten. „Wir wussten von Berichten aus China, dass es leichte Verläufe bis sehr schweren Erkrankungen mit tödlichem Ausgang geben kann, und dass das Virus sehr ansteckend ist.“

Detektivarbeit im Gesundheitsamt

Sylvia Offenhäuser betritt das Patientenzimmer auf der Isolierstation in voller Schutzmontur. Anzug, Maske, Brille, Visier, Handschuhe. Die Mitarbeiter auf der Station haben ihr Tee und andere Dinge für die Patientin mitgegeben. „Die Stimmung war schon ein wenig angespannt, es gab ja noch nicht so viel Erfahrung mit Corona“, sagt die Infektionsexpertin. „Der Frau ging es gut, sie hatte nur leichte Symptome. Und sie war genauso aufgeregt wie ich, weil sie die erste Corona-Patientin in Bremen war.“

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Sie fragt die Patientin nach ihren Symptomen, wo sie sich aufgehalten hat, mit wem und wie vielen Menschen sie in einem bestimmten Zeitraum Kontakt hatte. „Ich habe meinen Auftrag erledigt, den Tee übergeben – und ermittelt.“ Die Fragen, die Sylvia Offenhäuser stellt, sind auch heute noch eines der wichtigsten Instrumente, um Infektionsketten zu durchbrechen und eine Ausbreitung des Virus einzudämmen. Heute gibt es dafür mehr als 200 sogenannte Containment-Scouts beim Gesundheitsamt, die Infizierte und Kontaktpersonen für eine Nachverfolgung ermitteln und befragen.

„Zu Beginn haben wir das alles noch selbst erledigt, mit einem Kernteam von etwas mehr als 20 Fachleuten aus dem Gesundheitsamt“, sagt die Ärztin. „Das ist wie Detektivarbeit. Fragen, ermitteln, Informationen zusammentragen, Kontaktpersonen aufsuchen, Abstriche machen, Quarantäne anordnen. Damals haben wir alle noch täglich angerufen.“ Die Ergebnisse der Detektivarbeit füllen nach und nach ganze Plakatwände im Gesundheitsamt. Immer mehr Namen und Daten von Infizierten und Kontaktpersonen kommen zusammen. Corona-Stammbäume. Die Mitarbeiter des Gesundheitsamts können verfolgen, wie sich das Virus in Freundeskreisen, Familien, unter Arbeitskollegen und in den Stadtteilen vorarbeitet.

Als Corona Bremen am 29. Februar erreicht, meldet Italien 1000 Infektionen und 29 Todesfälle von Covid-Erkrankten. In Norditalien, in der Lombardei, sind ganze Gemeinden abgeriegelt, um die Ausbreitung des Virus aufzuhalten. Bei einem Flug einer Icelandair-Maschine am 29. Februar aus München treten bei einer Reisegruppe 15 Covid-Fälle auf, wie damals die Nachrichtenagenturen berichten. Alle waren im österreichischen Touristenort Ischgl Skifahren. Das Coronavirus hat den Sprung über die Ländergrenzen längst geschafft.

Vor allem Italien wird früh zu einem Zentrum der Pandemie in Europa, die Zahl der Infizierten steigt dort täglich, zwischen dem 20. Februar und Ende März sterben mehr als 13.000 Covid-19-Erkrankte in Italien. Das Robert-Koch-Institut meldet am 29. Februar knapp 70 Infektionsfälle in Deutschland – inklusive der Bremer Patientin. Auch in Niedersachsen wird an diesem Tag der erste bestätigte Corona-Fall gemeldet.

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Judith Gal hat die Task-Force am Klinikum Mitte aufgebaut. „Es war sehr klar, dass wir auch eine zentrale Abstrichstelle brauchen, weil es immer mehr Verdachtsfälle gab. Die mussten wir von der regulären Notaufnahme trennen“, sagt die Ärztin. Die Notaufnahmen in den Kliniken sind damals noch überfüllt, das wird sich recht schnell im Verlauf der Pandemie ändern. Viele Menschen meiden Arztpraxen und Kliniken, weil sie Angst haben, sich mit dem Coronavirus anzustecken. Für das medizinische Personal und Pflegekräfte wird ein noch strengeres Hygienekonzept entwickelt. „Dazu gehörten Strukturen, wie mit potenziell infizierten Patienten umgegangen wird, damit sich die Mitarbeiter nicht anstecken“, sagt Judith Gal. Am 9. März eröffnet die Abstrichstelle. „Ab dem dritten Tag kam ein Fax nach dem anderen mit positiven Befunden aus den Laboren. Innerhalb weniger Tage standen die Leute Schlange.“ Später wird die Abstrichstelle als Corona-Ambulanz in die Messehallen 5 und 6 auf der Bürgerweide verlegt. Am Anfang sind es vorwiegend Urlauber, die aus Skiorten zurückkehren und mit dem Verdacht auf eine Infektion abgestrichen werden.

Judith Gal verfolgt die Ausbreitung des Virus in den Nachrichten. „Das erste Mal, als uns allen mulmig wurde, war, als wir die Bilder aus den Kliniken in Italien gesehen haben.“ Täglich steigt vor allem im Norden des Landes die Zahl der Infektionsfälle und der Toten. Die Kliniken dort werden regelrecht überrollt. Mitte März machen italienische Krankenschwestern und Pfleger in einem Video-Appell auf die dramatische Lage aufmerksam und bitten um Hilfe. Es fehlt an Personal, an Beatmungsgeräten und Schutzausrüstung.

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Lehren aus der Pandemie

So dramatisch wie in Italien wird sich die Lage in Deutschland nicht entwickeln. Aber: Masken, Kittel und andere Schutzausrüstung für Ärzte und Pflegekräfte in Kliniken, Arztpraxen und Pflegeeinrichtungen werden knapper, auch in Bremen. Nachschub, um Reserven aufzufüllen, lässt lange auf sich warten. Was die Chefärztin bis heute entsetzt: „Es ist absolut nicht nachvollziehbar, dass solche Dinge dann auch noch ewig im Zoll hängen blieben. Das hat mich wirklich verzweifeln lassen. Jede Therapie hat auch Risiken für den, der sie macht“, sagt Judith Gal. „Wenn das medizinische Personal ausfällt, kollabiert das System.“

Judith Gal und Sylvia Offenhäuser, die Ärztin im Klinikum Mitte und die Infektionsepidemiologin im Gesundheitsamt, ziehen jede für sich Lehren und Erfahrungen aus einem Jahr Corona-Pandemie. „Was mir nach zwölf Monaten Sorgen macht ist, dass die Krankheit immer noch so unberechenbar ist“, sagt Judith Gal. „Das betrifft die akute Phase, aber auch das, was danach kommen kann.“ Was beide beschäftigt: die Ausbreitung von Virusvarianten. „Als die ersten Mutationen nachgewiesen wurden, habe ich die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und gedacht: Oh nein, bitte nicht noch mal eine Extrarunde im Riesenrad“, sagt Sylvia Offenhäuser. „Die Sorge ist, wie sich die Mutationen ausbreiten. Dass wir wie im Herbst von hinten auf die Welle schauen müssen, dass zu viele Lockerungen gleichzeitig kommen.“

Bremens erste Corona-Patientin kann wenige Tage nach dem 29. Februar in die häusliche Quarantäne entlassen werden. Es ist bei leichten Symptomen geblieben. Die Detektivarbeit im Gesundheitsamt ergibt: Von ihr sind keine weiteren Infektionen ausgegangen.

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