Immer wieder neue Regeln

Corona-Pandemie setzt Lehrkräfte unter Dauerstress

Zuletzt haben sich die Corona-Regeln für Bremens Schulen oft geändert – viele Lehrer verzweifeln an den ständigen Umstellungen. Das sei belastend, die Bildung leide darunter, sagt die Gewerkschaft GEW.
06.02.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Corona-Pandemie setzt Lehrkräfte unter Dauerstress
Von Sara Sundermann
Corona-Pandemie setzt Lehrkräfte unter Dauerstress

Alltag an der Schule: Halbgruppen in der Klasse, dazu kommen Notbetreuung und Distanzunterricht.

Hauke-Christian Dittrich

Viele Lehrkräfte, die bisher in der Corona-Pandemie gut durchgehalten haben, sind jetzt am Ende ihrer Kräfte angelangt. Zu diesem Schluss kommt die Bildungsgewerkschaft GEW Bremen. „Die Schulen fahren im Grunde auf der Felge“, sagt GEW-Landessprecher Jan Ströh.

Bremens Bildungssenatorin navigiere ständig am äußersten Rand der Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts (RKI). Für die Schulen seien in der Folge zuletzt fast im Wochentakt Kurskorrekturen notwendig gewesen. Die ständigen Veränderungen für den Unterrichtsmodus seien enorm anstrengend, die Bildungsqualität leide darunter, so Ströh. Der Personalrat Schulen und der Bremer Grundschulverband sehen die Lage ähnlich.

Wie belastend ist die Arbeit an Schulen in der Pandemie? Neben der Ansteckungsgefahr in Klassenräumen wurden in den vergangenen Monaten immer wieder Belastungen durch Zusatz-Aufgaben und neue Regeln thematisiert. Jeder vierte Pädagoge sei burnout-gefährdet, zu diesem Ergebnis kam eine Studie der Krankenkasse DAK, für die im Oktober mehr als 2300 Lehrer in Nordrhein-Westfalen befragt wurden. Der Studie zufolge machen sich 65 Prozent der Schulbeschäftigten Sorgen um ihre Gesundheit. Zudem arbeiteten sie im Schnitt pro Woche fast einen Arbeitstag zusätzlich.

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Corona-Regeln für Schulen führt zu Organisationschaos

Nun macht die GEW erneut auf Belastungen aufmerksam. Bremens Schulen hätten seit Beginn der Pandemie mindestens fünf verschiedene Phasen durchgemacht, in denen jeweils ein anderer Modus für den Unterricht galt, sagt Ströh: „Man kommt organisatorisch nicht mehr hinterher, inhaltliches Arbeiten mit den Kindern fällt hintenrüber.“ Die Bildungsqualität leide, „weil wir gefühlt jede zweite Woche eine andere Lage in den Schulen haben und die Kinder ständig neu auf wieder andere Gruppen aufteilen müssen.“

Derzeit sollen die Schulen im Wechselmodus unterrichten. Dabei soll jeweils ein Teil jeder Klasse in der Schule und ein zweiter Teil zu Hause lernen. Dadurch sollen die Gruppen schrumpfen und die Infektionsgefahr sinken.

Allerdings haben es die Lehrkräfte in der Praxis mit mehr als zwei Schülergruppen zu tun. Sie müssen für jede Klasse drei oder vier Gruppen im Blick behalten und sollen diese gleichwertig unterrichten. Da ist Gruppe A, die gerade vor Ort im Klassenraum ist, und Gruppe B, die zu Hause ist. Hinzu kommt Gruppe C, die immer zu Hause ist – schließlich können Eltern ihre Kinder derzeit auch ganz zu Hause zu lassen. Darüber hinaus sollen Schulen für alle Familien, die dies brauchen und wünschen, eine Notbetreuung anbieten – so entsteht eine Gruppe D.

Diese Notbetreuung wird von den Schulen laut dem Bremer Grundschulverband auch je nach ihren personellen Möglichkeiten unterschiedlich umgesetzt – in manchen Schulen liefen die notbetreuten Kinder immer in den normalen Klassen mit. In anderen würden sie in einem separaten Raum getrennt beaufsichtigt und sollten dort ihre Aufgaben fürs Distanzlernen selbstständig lösen, sagt Ströh.

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GEW-Sprecher warnt vor hoher Belastung für Lehrer

Der GEW-Sprecher betont: Es sei angesichts der parallelen Arbeit mit den vielen verschiedenen Gruppen sehr schwer, überhaupt einen gemeinsamen Wissensstand bei allen Kindern aufzubauen. „Das ist dermaßen anstrengend im Kopf, immer diese ganzen Bälle in der Luft zu halten, während sich die Regeln ständig verändern“, sagt Ströh. Es gebe eine „Dauer-Mehrbelastung“ in einem Beruf, von dem man schon vor der Pandemie gewusst habe, dass in Bremen nur 20 Prozent der Lehrkräfte gesund in die Rente gingen. „Viele Kolleginnen, die seit März voll im Einsatz waren, gehen jetzt in die Knie. Das betrifft auch gestandene Lehrkräfte, die bisher immer alles hinbekommen haben.“

Viele Beschäftigte seien am Ende ihrer Kräfte, sagt auch Frauke Brandt vom Landesvorstand des Grundschulverbands. Ein Großteil arbeite schon lange deutlich mehr Stunden als vor der Pandemie. „Jetzt langsam schlägt die Erschöpfung durch, bei vielen kippt die Stimmung, nach den ganzen jüngsten Änderungen kommt viel Unzufriedenheit durch“, sagt Brandt, die Leiterin einer Grundschule in Huchting ist. Belastend sei vor allem die fehlende Kontinuität. Die vielen Modus-Wechsel führten zu sehr viel organisatorischer Arbeit, gerade für Schulleitungen. „Kaum hat man ein System umgesetzt, und es läuft, kommt wieder was anderes, das macht einen mürbe.“

Für die Lehrkräfte sei es schwierig, stets die vielen verschiedenen Schülergruppen gut zu unterrichten, betont Angelika Hanauer vom Personalrat Schulen. Daneben sollten die Pädagogen die Technik für digitales Lernen am Laufen halten und sich weiter in neue Anwendungen einarbeiten. „Das Anstrengendste ist die Erwartungshaltung, dass alles gleichzeitig passieren muss“, sagt sie. „Die Überstunden der Lehrkräfte müssen enorm sein“ – sie würden aber nicht dokumentiert. „Es gibt ein großes Maß an Mehrarbeit, das stillschweigend erwartet wird.“

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Zur Sache

Wechselunterricht ohne Präsenzpflicht

Derzeit gilt für Bremens Schulen der Halbgruppen-Modus. Das heißt, jede Klasse wird geteilt und die beiden Gruppen abwechselnd zu Hause und in der Schule unterrichtet. Lange haben Personalrat und GEW ebenso wie einige Schulleitungen dieses Halbgruppen-Modell gefordert. Mit seinen letzten Beschlüssen setzt Bremen für die Schulen durchgehend auf diesen Modus, auch für Grundschulen. Das auf den ersten Blick relativ klare Modell stellt in der Praxis aber momentan offenbar vor viele Schulen vor Probleme. Der Grund aus Sicht von GEW, Personalvertretung und Grundschulverband: Es gibt zwar Halbgruppen-Unterricht, doch zugleich ist derzeit die Präsenzpflicht ausgesetzt – anders als vor den Sommerferien, wo es schon einmal in Halbgruppen mit Präsenzpflicht gearbeitet wurde.

Die drei Vertretungen der Beschäftigten an den Schulen fordern vor allem eines: Sie wünschen sich Stabilität, keine erneuten Änderungen im Betriebsmodus. Sie möchten den Unterricht in Halbgruppen beibehalten, am liebsten durchgängig bis zu den Osterferien. Und sobald sinkende Inzidenzwerte dies zuließen, lautet ihre Forderung, die Präsenzpflicht wieder einzuführen.

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