EU sichert sich Vorkaufsrechte

Erste Pläne für Covid-19-Impfungen

Schon jetzt gibt es Überlegungen, wie ein möglicher Impfstoff so verteilt werden kann, dass er effektiv Risikosgruppen und Gesamtgesellschaft schützt. Die Beschaffung ist eine europäische Aufgabe.
11.09.2020, 05:00
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Erste Pläne für Covid-19-Impfungen
Von Timo Thalmann

Das Bundesgesundheitsministerium hat der Ständigen Impfkommission (Stiko) des Robert Koch-Instituts den Auftrag erteilt, Prioritäten für die Verteilung eines möglichen Covid-19-Impfstoffes festzulegen. Zu entscheiden ist, welche Gruppen bevorzugt geimpft werden, um möglichst schnell einen effektiven Schutz der Gesamtbevölkerung zu erreichen. Das ist notwendig, weil nach Einschätzung der Experten nicht von Anfang an genügend Impfstoff bereitstehen wird. Mit einem Mittel soll frühestens Anfang 2021 zu rechnen sein.

Neben einer ersten Stellungnahme der Stiko zu diesen Themen haben auch andere Forschungsnetzwerke Überlegungen zu einer Impfstrategie vorgestellt. Das wichtigste Ziel: möglichst viele schwere Erkrankungen und Todesfälle verhindern. Im Fokus stehen daher die Bevölkerungsgruppen mit den höchsten Risiken. Wer das genau ist, hängt laut Stiko von zahlreichen Faktoren ab. Dazu zählen etwa alters- oder berufsspezifische Infektionsrisiken und Informationen über die Wirksamkeit des Impfstoffes. Am RKI wird auf dieser Grundlage aktuell an einer mathematischen Modellierung des Infektionsrisikos gearbeitet. Ein weiterer Aspekt einer Covid-19-Impfstrategie ist laut Stiko die Funktionsfähigkeit des medizinischen und pflegerischen Versorgungssystems.

Vorrang für Leute aus dem Gesundheitswesen und Schlüsselkräften

Konkreter wurde zuvor die Deutsche Gesellschaft für Public Health (DGPH). Das ist ein Zusammenschluss von mehr als 25 wissenschaftlichen Institutionen, Organisationen und Fachgesellschaften, die sich mit der öffentlichen Gesundheitsvorsorge befassen. Sie räumen in einem Positionspapier Beschäftigten im Gesundheitswesen und Schlüsselkräften in Polizei, öffentlicher Verwaltung, Feuerwehren, öffentlichen Verkehrsmitteln sowie in weiteren systemrelevanten Bereichen bis hin zum Supermarktpersonal den Vorrang bei einer Impfung ein.

Laut Ansgar Gerhardus, Vorsitzender der DGPH und Professor am Institut für Public Health und Pflegeforschung der Universität Bremen, sind Erfahrungen aus der Corona-Pandemie des Frühjahrs in das Papier eingegangen. „Das Supermarktpersonal wurde bislang eher weniger als systemrelevant bewertet.“ Gerhardus rückt zudem die Gruppe sozial aktiver, zumeist junger Menschen in den Fokus. Statistisch betrachtet ist das Risiko gering, dass sie schwer erkranken. Als Überträger spielen sie aber eine besondere Rolle. „Auch für diese Gruppe sollte eine bevorzugte Impfung in Erwägung gezogen werden.“ Zugleich erfordere das eine gute Kommunikationsstrategie der Gesundheitsbehörden. Es dürfe nicht so wirken, als werde eine Gruppe für ihr Verhalten in der Pandemie – Stichwort Corona-Party – mit einer Impfung „belohnt“.

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Unabhängig von noch fehlenden amtlichen Vorgaben, welcher Personenkreis bevorzugt zu impfen sei, fordert die Stiko die zuständigen Stellen bereits auf, die logistischen Vorbereitungen in Angriff zu nehmen. Dazu gehört auch die Entwicklung der Informationskonzepte. Das Bremer Gesundheitsressort steht nach eigener Einschätzung noch ganz am Anfang und verweist auf die laufenden Absprachen zwischen Bund und Ländern durch wöchentliche Video- und Telefonkonferenzen. „Erst wenn Personenkreis und Impfstoff feststehen, können wir zum Beispiel Materialien für die Impfung bestellen oder festlegen, wo geimpft wird“, sagt Kersten Artus, Sprecherin des Gesundheitsressorts. Bremen steht damit nicht allein. Auch in Hamburg verweist ein Sprecher der Gesundheitsbehörde laut einem Bericht im „Hamburger Abendblatt“ auf einen „ersten Austausch der Gesundheitsminister der Länder“.

EU erwirbt Vorverkaufsrechte

Die Beschaffung eines Impfstoffes für Deutschland ist eine Aufgabe der EU-Kommission. Nationale Einkäufe soll es nicht geben. Die gebündelte Nachfrage aus 27 Ländern soll verhindern, dass die USA oder China durch große Mengen bei den Verkäufern bevorzugt werden. Die EU erwirbt dabei Vorkaufsrechte für eine bestimmte Zahl von Impfstoffdosen zu verbindlich festgelegten Preisen. Im Gegenzug wird ein Teil der Vorlaufkosten der Hersteller finanziert. „Kein Mitgliedstaat verfügt allein über die notwendigen Kapazitäten, um Investitionen in die Entwicklung und Herstellung einer ausreichenden Menge von Impfstoffen abzusichern“, heißt es in einer Mitteilung der Kommission. Die Bezugsrechte für die ersten Impfstofflieferungen sollen nach der Einwohnerzahl verteilt werden. Deutschland stellt 18,6 Prozent der EU-Bevölkerung, wäre also mit knapp einem Fünftel dabei.

Aktuell hat die EU bereits Verträge über rund 700 Millionen Impfdosen mit den Unternehmen AstraZeneca und der Mainzer Biontech abgeschlossen. Gespräche mit weiteren Herstellern laufen. Biontech hat angekündigt, im Idealfall schon im Oktober die Zulassung für seinen Impfstoff zu beantragen.

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