7500 Zuschauer auf der Galopprennbahn Das letzte Rennen in der Vahr

7500 Zuschauer waren gekommen - so viele wie lange nicht mehr. Am Karfreitag endete die mehr als hundertjährige Tradition der Galopprennbahn in Bremen.
30.03.2018, 19:39
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Das letzte Rennen in der Vahr
Von Jürgen Hinrichs

Das Pferd heißt „Adel verpflichtet“, so ein Name, kurios, und da kann man doch mal, was soll‘s, ist ja nicht viel Geld. Zehn Euro auf Sieg. Dann wird das Rennen gestartet, ganz hinten, auf der anderen Seite des Ovals. Die Pferde sprinten im Pulk durch die Kurve, sie fliegen förmlich dem Ziel entgegen, wo die Zuschauer gespannt warten. Noch ist nicht auszumachen, wer gewinnt. Die Füchse unter den Fans haben ein Fernglas in der Hand und können es besser sehen. Gäule im Galopp, einer wird gewinnen, aber dass es dieser ist. Er ist keiner der Favoriten, überhaupt nicht: die Nase vorn hat „Adel ­verpflichtet“.

Zehn Euro, das hat sich gelohnt. Es ist aber noch nicht alles, was Uwe Dietz am Wettschalter gewagt hat. Bei der Dreierwette ist er auch dabei, wieder ein Volltreffer. Wahnsinn, er glaubt es kaum, die Faust nach oben gereckt, pure Freude und ein Riesenspaß. Ahnung von Pferden? „Klar, ich bin voll der Experte“, sagt der 61-Jährige und lacht lauthals.

Ein Scherz. Dietz weiß gar nichts, nichts vom Galopprennsport. Erfolg hat er trotzdem. „Ich stand am Führring, habe mir die Pferde angeschaut und gedacht, das könnte einer sein.“ Als der Fachmann, der über die Lautsprecher am Ring seine Einschätzungen abgibt, genau diesen Kandidaten als zu schwach abkanzelt, ist seine Entscheidung gefallen. Jetzt erst recht, denkt Dietz. Aus den zehn Euro ist am Schalter fast das Neunfache geworden. Bei der Dreierwette hat er sich nur mit zwei Euro getraut. Gesamtgewinn: 190 Euro.

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Dietz, ein Bremer, ist mit seiner ganzen Familie gekommen. „Wir sind vorher nicht jedes Mal da gewesen, heute war das aber keine Frage“, sagt er. An diesem Tag ist Schluss auf der Galopprennbahn in der Vahr, der letzte Renntag, es ist vorbei. Eine mehr als hundertjährige Tradition geht zu Ende. Rund 7500 Besucher, so viele wie seit Jahren nicht mehr, nehmen am Karfreitag Abschied. Viel Wehmut, und nur ein Gesprächsthema: Wie kann das sein? Warum sollen hier nicht mehr die Pferde laufen?

Es gibt Gründe dafür, die Stadt will das Areal bebauen lassen, Bremen braucht dringend Wohnungen. Doch dieses Argument zieht nicht, nicht heute, an so einem Tag, wenn die Sonne scheint und auf der Anlage mit dem weiten Oval, der alten Holztribüne und dem satten Geruch nach Gras und Erde eine Atmosphäre herrscht, die einmalig ist.

Großes Geraune

Gleich im ersten Rennen gibt es eine handfeste Überraschung. Der Top-Favorit wird nur Zweiter. Aufwallungen im Publikum, großes Geraune. Der Ansager am Mikrofon analysiert das Rennen und kommt zu einem klaren Urteil: „Das Pferd ist pomadig geritten worden.“ Deswegen nur Zweiter, eine Blamage. „Nichtausnutzung einer Gewinnchance!“, schimpft jemand auf der Tribüne, als wäre das ein Straftatbestand. „Der Jockey hat die Hände runter genommen.“

Die zwei Herren in der Loge sind da weitaus abgeklärter. Sie schauen sich an einem kleinen Monitor noch einmal den genauen Verlauf an, die Rennen werden aufgezeichnet. „Das Pferd hatte nach hinten raus nicht genügend Speed“, stellen die beiden fest. Dem Reiter könne man keinen Vorwurf machen. Es sind Fachleute, die das sagen. Rainer Homann und Rainer Perleberg kommen aus Hamburg, sie engagieren sich dort für den Galopprennsport und tun das auch in Bremen: „Wir sind Mitglieder im Rennverein.“

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Homann feiert auf der Rennbahn mit der Familie und Freunden seinen 72. Geburtstag. „Später gehen wir in Oyten noch was essen.“ Das Bremer Geläuf kennt er seit seinem ersten Besuch, das war 1972. „Ich liebe die Bahn, eine tolle Atmosphäre.“ Es sei ein Jammer, diese grüne Oase mitten in der Stadt kaputt zu machen. Fürs Bauen hätte man andere Flächen nehmen können. Homann schüttelt den Kopf, er begreift es nicht.

Rainer Perleberg, Homanns Nachbar in der Loge, ist Vorstandsmitglied im Hamburger Renn-Club. „Ich hätte vielleicht verstanden, die Bahn vor fünf Jahren zu schließen, als es wirklich nicht gut aussah. Heute ist das aber doch ganz anders.“ Perleberg vergleicht die Situation mit dem Galoppsport in seiner Heimatstadt. „Bei uns sind bei den Rennen Senatoren und auch mal der Bürgermeister zu Gast.“

In Bremen sind sie es nicht, auch an diesem besonderen Tag. Niemand zu sehen von den Stadtoberen. Der Rennverein ist verärgert: „Bei allen unterschiedlichen Positionen hätte ich mir von den Politikern mehr Haltung gewünscht“, sagt Vereinssprecher Frank Lenk, „das ist kein respektvoller Umgang mit einer solchen Traditionsveranstaltung, die in der langen Zeit viel für Bremen gebracht hat.“

Zwischen den Rennen bilden sich überall Schlangen. Am Tresen in der Wetthalle gibt es Bier vom Fass, das Weizen ist aus der Flasche. Woanders wird Glühwein getrunken und Kinderpunsch. Die Wurststände sind umlagert, und wer endlich dran ist, bekommt eine Bratwurst, die so blass ist, dass es kein Genuss sein kann, sie zu essen.

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An einem anderen Stand können Andenken erworben werden. Die Reste des Rennvereins: Kalender mit Motiven von der Bahn und den Rennen. Schlüsselanhänger mit Jockey-Figuren. Oder Aschenbecher, massenhaft Aschenbecher. Sie sind dunkelblau, aus Plastik und tragen die Aufschrift „galoppbremen“. Bei 50 Cent das Stück greifen selbst Nichtraucher zu. Eine kleine Erinnerung für zu Hause oder das Büro.

Einmal noch Picknick

Draußen stehen die Aktivisten einer Bürgerinitiative, die sich nicht damit abfinden wollen, dass die Bahn geschlossen wird. Sie sammeln Unterschriften für ein Volksbegehren. Weit über Tausend sind es an diesem Tag, das ist viel. Doch wie wäre wohl die Quote am Wettschalter? Sehr hoch wahrscheinlich, denn so recht glauben mag niemand mehr, dass die Rennbahn noch gerettet werden kann. Aus den Lautsprechern tönt zwar die Hoffnung, weitermachen zu können, der Ansager schmettert das ein ums andere Mal hinaus. Gleichzeitig spricht aber auch der Rennverein von Abschied. Es steht sogar am Siegerpodest: Großer Abschieds-Renntag.

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Schluss also. Oliver und Claudia Blankenhorn sind traurig deswegen, lassen es sich aber nicht nehmen, den Renntag noch einmal in vollen Zügen zu genießen. Sie sind früh gekommen und haben wieder ihren Stammplatz ergattert, einen der Holztische mit Bänken davor, die auf dem Rasen vor dem Geläuf stehen. „Ich bin in der Vahr aufgewachsen“, sagt die Frau, „wir haben an der Ludwig-Roselius-Allee gewohnt.“ Sie weiß noch, als die Stallungen brannten, erinnert sich an den Geruch des Qualms. „Die Rennbahn war mein Spielplatz.“ Dass die Bahn nun bebaut werden soll – „Sozialwohnungen werden das bestimmt nicht“.

Letzter Renntag, und einmal noch Picknick: Käse, Kräcker, Klöpse, jede Menge davon, und dazu ein Glas Weißwein. In Decken eingepackt geht das auch bei Kälte. Auf dem Tisch studiert das Ehepaar die Tippzettel und füllt sie aus. Letzter Renntag, letzte Chance. Nichts auslassen, es kommt nicht wieder.

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