Alleinerziehend "Das Problem ist die unzureichende Unterstützung"

Matthias Franz ist Professor für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Düsseldorf. Im Interview beschreibt er die Gesundheitsrisiken, denen Alleinerziehende und ihre Kinder ausgesetzt sind.
15.07.2018, 18:35
Lesedauer: 3 Min
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Von Silke Hellwig

Herr Franz, Alleinerziehende sind nicht nur großen Armuts-, sondern auch großen Gesundheitsrisiken ausgesetzt. Welche Krankheiten treten besonders häufig auf?

Matthias Franz: Alleinerziehend zu sein, ist in Deutschland mit das größte Armutsrisiko. Armut, sowohl an Geld als auch an Beziehungen, begünstigt Krankheit. Das ist in vielen Studien nachgewiesen. Allgemein kann man sagen, dass sehr viele Krankheiten bei Alleinerziehenden häufiger vorkommen. Besonders auffällig ist das bei depressiven und psychosomatischen Erkrankungen, Burn-out-Zuständen, chronischen Schmerzen, aber auch Abhängigkeitserkrankungen.

Alleinerziehende rauchen deutlich häufiger und trinken mehr Alkohol, um ihren stressigen, hochverdichteten Alltag vermeintlich besser bewältigen und durchstehen zu können. Oft wird unterschätzt, dass Alleinerziehende nicht nur finanzielle und organisatorische Sorgen plagen, sondern auch emotionale Konflikte auf ihnen lasten. Viele Alleinerziehende fühlen sich sozial isoliert, sie haben Zukunftsängste, Selbstzweifel und Schuldgefühle. Außerdem leiden sie unter der Trennung und ihren Folgen. Sie sind enttäuscht oder wütend, besonders hochstrittige Trennungen sind eine große Belastung für alle Beteiligten.

Auch die Kinder können erkranken ...

Das ist richtig. Kinder brauchen emotional präsente und Sicherheit vermittelnde Eltern, um sich zu selbstbewussten und emotional kompetenten Erwachsenen zu entwickeln. Sind Eltern auf Dauer gestresst, unsicher, zerstritten oder depressiv, geraten viele Kinder in einen psychischen Ausnahmezustand. Wenn er länger anhält, hinterlässt er Spuren in der Seele. So gut wie jede Form der Verhaltensauffälligkeit – von Lernschwierigkeiten und Konzentrationsstörungen bis zu Entwicklungsverzögerungen – wird bei Kindern aus Trennungsfamilien zwei- bis dreimal häufiger diagnostiziert. Das Risiko, psychisch krank zu werden oder Abhängigkeitserkrankungen zu entwickeln, ist bei ihnen zwei- bis vierfach erhöht. Auch Langzeitfolgen sind belegt.

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Also: Was tun?

Das Problem sind nicht die Alleinerziehenden, sondern ist die unzureichende Unterstützung. Alleinerziehen heißt noch viel zu oft, allein gelassen zu sein. Gesellschaft und die Politik lösen ihre Bringschuld für diese hochbelastete Gruppe nicht ausreichend ein. Alleinerziehende brauchen besondere Hilfe, nicht nur finanziell, sondern auch emotional. Dafür haben wir an der Uni Düsseldorf das wir2-Elterntraining entwickelt und erfolgreich evaluiert.

Es ist darauf zugeschnitten, Müttern und Vätern aus ihrer Depression zu helfen und ihre Feinfühligkeit zu stärken. So können sie die Signale, die ihre Kinder ihnen senden, wieder besser wahrnehmen. Ein weiteres Ziel ist die Trennung des Paarkonfliktes von der Elternverantwortung. Auch wenn das ehemalige Liebespaar sich trennt, beide bleiben lebenslang Eltern, wir2 hilft ihnen, sich in dieser Verantwortung gegenseitig zu akzeptieren und zu schätzen. Das dritte Ziel unseres Trainings ist die Stärkung der sozialen Fähigkeiten, von Stressbewältigung bis Erziehungskompetenz.

Sie reden von gesellschaftlicher Bringschuld. Was sind wir Alleinerziehenden schuldig?

In erster Linie geht es um Verständnis, Wertschätzung und Respekt. Es ist gerade auch im Hinblick auf die Kinder unethisch, Alleinerziehenden die Trennungsschuld zuzuweisen und sie deshalb mit ihrer Situation alleine zu lassen. Niemand gründet eine Familie mit diesem Ziel, und auch in der Entwicklungsgeschichte des Menschen ist es eigentlich nicht vorgesehen, dass eine Mutter mit ihrem Säugling oder Kleinkind allein bleibt.

Es mag heutzutage politisch unkorrekt sein, aber die Natur ist bis in die Gehirnentwicklung bei Mutter und Kind darauf eingerichtet, dass sich die Mutter emotional intensiv auf ihren Säugling konzentrieren kann. Sie muss sich dazu vom Alltag auch einmal zurückziehen dürfen. Auch die Mutter eines kleinen Kindes muss deshalb gewissermaßen bemuttert werden. Da die Großfamilie das nicht mehr leistet wie früher, muss es die Gesellschaft leisten, durch Geld, staatliche Zuwendung und ersatzfamiliäre Unterstützung. Wenn diese Bringschuld ausgerechnet bei Alleinerziehenden nicht ausreichend erbracht wird, ist das nicht nur ein Skandal, sondern langfristig auch teuer, weil viele Alleinerziehende und Kinder krank werden.

Sie hoffen auf das Präventionsgesetz. Warum?

Im neuen Präventionsgesetz werden Alleinerziehende ausdrücklich als Zielgruppe für psychosoziale Prävention genannt. Auch Krankenkassen werden und müssen Geld in die Hand nehmen, auf Alleinerziehende zugehen, um sie massiv mit nachweislich wirksamen Programmen zu unterstützen. In Kassel gibt es seit wenigen Wochen ein bundesweit vorbildliches Modellprojekt, das genau das tut und für das sich der Magistrat Kassel, der Verband der Ersatzkassen Hessen und die Walter-Blüchert-Stiftung mit wir2 für die Alleinerziehenden zusammengetan haben.

Das Gespräch führte Silke Hellwig.

Info

Zur Person

Matthias Franz ist Professor für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Düsseldorf. Er hat das Elterntraining wir2 (www.wir2-bindungstrainig.de) für Alleinerziehende entwickelt.

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