Berufstätige Mutter Dauernd unter Druck: Alleinerziehend in Bremen

Maraike Meyer ist Mutter einer fünfjährigen Tochter. Sie ist alleinerziehend und berufstätig. Das bedeutet: Sie ist permanent eingespannt. Der Zeitplan ist straff. Die Freizeit gering.
15.07.2018, 18:30
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Dauernd unter Druck: Alleinerziehend in Bremen
Von Silke Hellwig

Die Phasen, in denen Maraike Meyer sich hinsetzen kann oder gar zur Ruhe kommt, kann man ungelogen an einer Hand abzählen. Ihr Tag ist von Pflichten bestimmt, jede Viertelstunde ist verplant. Der Wecker klingelt um 6 Uhr; manchmal – wenn viel zu tun ist – früher. Die erste Stunde des Tages hat Maraike Meyer für sich, freie Zeit ist das nicht, sie ist von morgendlichen Routinen und Hausarbeiten bestimmt.

Um acht Uhr muss Sophie im Kindergarten sein, damit ihre Mutter rechtzeitig die Bahn erwischt und um 8.30 Uhr an ihrem Arbeitsplatz eintrifft. Erst am Abend wird sie wieder Zeit für sich haben, wenn Sophie eingeschlafen ist. Maraike Meyer lebt seit zwei Jahren allein mit ihrer Tochter. Der Vater wohnt ganz in der Nähe, Sophie sieht ihn regelmäßig.

Die Trennung fiel allen Beteiligten schwer, Mutter und Vater waren seit dem Teenageralter ein Paar. "So stressig wie es ist, alleinerziehend zu sein, habe ich es mir nicht vorgestellt", sagt Maraike Meyer. "Man muss vieles alleine entscheiden, man ist für alles verantwortlich, und man fühlt sich teilweise sehr allein und isoliert."

Ungünstige Arbeitszeiten

Der größte Teil ihrer sozialen Kontakte bestehe aus anderen Müttern. "Man hat einfach keine Zeit und Kraft, um sich einen Freundeskreis aufzubauen." Ihre Eltern helfen ihr, wo es geht, "aber sie haben auch ihr Leben". Sophie ist gerade fünf Jahre alt geworden. Sie zieht sich allein an, wäscht sich, putzt sich die Zähne. Verspielte Trödelei ist nicht drin, das lässt der Zeitplan nicht zu.

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Mit dem Laufrad und dem Stofftier "Schweini" geht es zum Kindergarten. Er liegt um die Ecke, Maraike Meyer muss nicht viel ihrer kostbaren Zeit für den Weg aufwenden. Sophie und ihre Mutter sind die Ersten im Kindergarten, wie so oft. Maraike Meyer schaut oft auf ihre Armbanduhr. Wenn die Erzieherinnen mal etwas später kommen, sitzt sie schon wie auf heißen Kohlen.

Sie muss pünktlich im Geschäft sein. Maraike Meyer ist gelernte Einzelhandelsfachfrau. Sie arbeitet 27 Stunden in der Woche in einem Bekleidungsgeschäft. Ihr Arbeitgeber komme ihr entgegen, um sie zu halten. Allerdings muss sie regelmäßig samstags bis zum Nachmittag arbeiten. Dafür hat sie an einem anderen Werktag frei. Ideal ist das nicht, sagt sie. Zwei arbeitsfreie Tage am Stück seien selten.

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Nach der Arbeit strebt die 36-Jährige direkt zur Straßenbahn und holt Sophie vom Kindergarten ab, von dort geht es zum Einkaufen. Sophie ist es gewohnt, dass ihr nicht jeder Wunsch erfüllt werden kann. "Ich muss rechnen", sagt ihr ihre Mutter. Ein kleines Eis ist drin, das Überraschungsei nicht. Die Mutter bleibt hart, sie muss hart bleiben. Sophie fügt sich schnell, sie kennt das schon. "Sie ist sehr genügsam", sagt ihre Mutter.

Maraike Meyer ist mittlerweile seit bald zehn Stunden auf den Beinen. Sie trägt das Laufrad und "Schweini" einen Teil der Strecke nach Hause. Das Kind hat die Hände nicht frei. In der Straßenbahn konnte Maraike Meyer ein paar Minuten sitzen, mehr bislang nicht. Zu Hause schmiert sie Sophie ein Brot und wendet sich der Hausarbeit zu. Sophie feiert am nächsten Tag mit ihren kleinen Freunden im Gemeinschaftsgarten hinter dem Mehrparteienhaus eine Geburtstagsparty. Dafür sind Vorbereitungen zu treffen.

"Wir müssen aufs Geld achten"

Sophie ist ein niedliches, ein fröhliches, ein aufgewecktes Kind. Die Fünfjährige ist zierlich für ihr Alter, ihre Energie reicht jedoch für zwei. Mittagsschlaf macht der Wirbelwind schon lange nicht mehr. Die Mutter muss Schritt halten. Sie möchte Sophie am Nachmittag zur Verfügung stehen, mit ihr auf den Spielplatz gehen, malen oder basteln.

"Ich will mein Kind nicht vor den Fernseher setzen, um mal eine Auszeit für mich zu haben." Das geschehe höchstens in Notfällen, wenn das Nervenkostüm besonders dünn sein, "wenn ich denke, dass ich emotional gleich zusammenbreche". Während ihre Mutter die Hausarbeit erledigt, die Einkäufe einräumt, das Abendessen vorbereitet oder abwäscht, sitzt Sophie am Küchentisch oder spielt in ihrem Zimmer mit der Polizeistation, die sie gerade zum Geburtstag bekommen hat.

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"Dafür habe ich zwei Monate lang gespart", sagt die Mutter. "Uns fehlt es an nichts, aber wir müssen aufs Geld achten. Anderen geht es viel schlechter." Die finanzielle Situation sorgt für zusätzlichen Druck. Maraike Meyer ist eine sogenannte Aufstockerin. Sie bezieht Wohngeld und einen Kindergeldzuschlag. Anfang des Jahres musste sie wochenlang auf einen Bescheid der Wohngeldstelle warten und wusste weder ein noch aus.

Hohe Ansprüche an sich selbst

"Ich hatte existenzielle Ängste", aus denen nur das Darlehen einer Verwandten half. Ohne Arbeit würde sie sich finanziell kaum schlechter stellen. Ihre Stelle sei ihr jedoch wichtig. "Das hat auch was mit Stolz zu tun. Ich will arbeiten. Ich habe eine Vorbildfunktion, mir ist es wichtig, Sophie zu zeigen, dass man für das Geld, das man hat, auch etwas tun muss."

Maraike Meyers Ansprüche an sich selbst sind hoch, vielleicht zu hoch, sie könne einfach nicht aus ihrer Haut. "Man will immer alles schaffen, man will genau so sein wie andere Mütter, die verheiratet sind und nicht berufstätig." Manchmal stoße sie an ihre Grenzen. "Irgendwann erreicht man einen Punkt, da kann man nicht mehr." Deshalb will sie sich eine andere Stelle suchen, vormittags, mit einem freien Wochenende "zum Runterfahren". Momentan habe sie jedoch nicht die Kraft, sich auch noch darum zu kümmern.

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Gegen 18 Uhr gibt es Abendessen am kleinen Tisch in der Küche. Dann schauen Mutter und Tochter meist gemeinsam eine halbe Stunde Kinderprogramm. Anschließend bekommt Sophie noch ein paar Seiten aus dem Pferdebuch vorgelesen, dann geht es ab ins Bett.

"Es kostet viel Kraft, aber ich bin trotzdem gerne Mutter. Kinder zeigen einem so oft auf ihre Weise ihre Dankbarkeit. Man merkt immer wieder, wofür man das alles auf sich nimmt." Maraike Meyer hat jetzt noch eine halbe Stunde für sich. Manchmal höre sie noch ein wenig Musik, lese ein paar Seiten oder nehme ein Bad. Mehr ist nicht drin. In acht Stunden klingelt der Wecker.

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