Antje Boetius im Porträt

Die Eisbrecherin

Antje Boetius ist vielbeschäftigt: Leiterin des Bremerhavener Alfred-Wegener-Instituts, nebenbei Anwältin der Meere. Woher nimmt sie ihre Energie? Unterwegs mit einer Frau, die für die Natur in die Offensive geht.
22.02.2019, 22:30
Lesedauer: 12 Min
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Die Eisbrecherin
Von Katharina Frohne
Die Eisbrecherin

Antje Boetius auf dem Meereis in der Arktis, im Hintergrund das Forschungsschiff „Polarstern“. Fast 50 Expeditionen hat die 51-Jährige begleitet.

Alfred-Wegener-Institut / Esther Horvath

Die Welt am Meeresboden ist eine Welt ohne Licht. Mehr als 10.000 Meter sind die Ozeane an einigen Stellen tief, dunkel wird es schon sehr viel früher. Höchstens 200 Meter dringen die Strahlen der Sonne ins Wasser, danach beginnt die Tiefsee. Wer mit dem U-Boot hinabsinkt, sinkt in die Dunkelheit. Totale Schwärze, kilometerweit. Der Druck auf die Außenwände des Bootes ist gewaltig. Ein Mensch würde ungeschützt nur den Bruchteil einer Sekunde überleben, sein Körper würde von den Wassermassen zerquetscht, die Hohlräume in seinem Körper, sein Magen, seine Lunge, würden kollabieren.

Antje Boetius weiß das. Trotzdem zählen die Augenblicke, in denen das letzte bisschen Licht verschwindet, in denen die Finsternis das Boot umschließt, zu den schönsten Erfahrungen ihres Lebens. Seit 30 Jahren erforscht die Biologin die Tiefsee, viele Male war sie Tausende Meter unter dem Meeresspiegel, an Orten, an denen vor ihr kein Mensch gewesen ist.

Ein fremder Planet

Sie sagt: „Die Tiefsee ist wie ein fremder Planet.“ Mehr als zwei Drittel der Erdoberfläche sind von Wasser bedeckt, weniger als ein Prozent ist erforscht. Noch vor 150 Jahren gingen Wissenschaftler davon aus, dass die Tiefsee völlig unbewohnt ist. Ohne Licht kein Leben, so dachten sie. Inzwischen ist klar: Dieser so lebensfeindlich scheinende Ort bietet Millionen von Arten ein Zuhause. Wie viele genau es sind, weiß niemand. „In der Tiefsee“, sagt Boetius, „waren weniger Menschen als im All.“

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Sie mag diesen Vergleich. Weltall und Ozean, geheimnisvolle Welten, die eine weit weg, die andere ganz nah dran, „im Bauch der Erde“. Einmal, erzählt sie, habe sie sich mit dem kanadischen Astronauten Chris Hadfield über seine Arbeit unterhalten, darüber, wie es sich anfühle, die Erde aus riesiger Entfernung zu sehen, diesen kleinen blauen Ball, ungeschützt und zerbrechlich. Ähnlich sei es, ganz unten zu sein. Wer ins All fliege, zoome raus. Als Tiefseeforscherin zoome sie rein. Beides verändere radikal die Perspektive. „Wer den Kopf unter Wasser steckt, betritt einen Kosmos, der ganz ohne den Menschen funktioniert. Man bekommt einen Wahnsinnsrespekt vor der Natur.“

Dann zum Beispiel, wenn glitzernde Unterwasserwesen im Scheinwerferlicht des U-Boots auftauchen. Während an Land nur wenige Tiere leuchten, gibt es in der Tiefsee Bakterien, Fische und Quallen, die per Leuchtsignal kommunizieren. „Wenn man das Licht im Boot ausmacht, sieht man ein Feuerwerk in der Dunkelheit“, sagt Boetius. Sie liebt dieses „Ankommen unter Wasser“. Diese Momente, sagt sie, gehörten ganz ihr.

Momente, die ihr gehören

Momente, die ganz ihr gehören, hat die 51-Jährige immer seltener. Seit November 2017 leitet sie das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (Awi) in Bremerhaven. Außenstellen in Potsdam, auf Helgoland und Sylt, insgesamt 1250 Mitarbeiter. Zusätzlich ist Boetius Professorin für Geomikrobiologie an der Universität Bremen und Leiterin einer Forschungsgruppe für Tiefseeökologie und -technologie am Max-Planck-In­sti­tut für Marine Mikrobiologie.

Schreibtisch statt Forschungsschiff, Büroalltag statt Weltreise. Könnte man meinen. Tatsächlich ist Boetius ständig unterwegs. Allein im vergangenen Jahr hielt sie Vorträge in New York, Hongkong, São Paulo, Tromsø und Wien. Mehrmals im Monat fährt sie nach Berlin, um an Sitzungen der Helmholtz-Gemeinschaft teilzunehmen, der sie als Vizepräsidentin vorsteht. Nebenbei sitzt sie in Talkshows, spricht vor Schulklassen und Industrievorständen, berichtet in Quizsendungen für Kinder von ihren Begegnungen mit Kraken und Tintenfischen.

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Boetius ist gefragt. Wenn sie wollte, sagt sie, könnte sie jeden Tag irgendwo auf der Welt von ihrer Arbeit erzählen. Alle wollen sie sprechen hören, über die Faszination der Tiefsee, vor allem aber über die Gefahren des Klimawandels für das Meer. Ihr Terminkalender ist so voll, dass es manchmal Wochen dauert, bis sie eine halbe Stunde Zeit findet. Aber sie findet sie, irgendwie. Sie sagt: „Ich habe das Gefühl, dass ich momentan alles geben muss.“

Boetius weiß: Sie kann etwas, das nur wenige können. Sie kann von Orten berichten, an denen der gedankenlose Umgang der Menschen mit der Erde längst Spuren hinterlassen hat. An denen der Klimawandel nicht abstrakte Angst ist, sondern Realität. 49 Expeditionen hat Boetius begleitet: auf den Atlantik, den Indischen Ozean, den Pazifik. Und in die Polarmeere. Als sie 1993 zum ersten Mal in die Arktis fuhr, habe es Tage gedauert, um wenige Meter voranzukommen; fast vier Meter dick seien die Eisplatten gewesen, in die der Eisbrecher seinen Weg rammen musste. 2012 ist sie die gleiche Strecke noch einmal gefahren. „Wir sind durch das Eis geglitten wie durch Butter.“ Boetius hat gesehen, wie das Eis dünner wird, sie hat Coladosen und Plastiktüten am Meeresgrund gefunden. „Das sind Orte, an die niemals ein Mensch kommt“, sagt Boetius. „Sein Müll ist trotzdem da.“

Erzählungen von ihren Reisen

Boetius erzählt von ihren Reisen, weil sie glaubt, dass die Menschen verstehen müssen, damit sie handeln. Damit ihnen bewusst wird, wie viel auf dem Spiel steht. „In den nächsten Monaten und Jahren stehen viele Weichenstellungen an“, sagt sie. Deshalb will sie laut sein. Ob sie ihr altes Leben vermisst? Das der Entdeckerin, draußen auf hoher See? Manchmal, sagt Boetius, aber das sei okay. „Ich kämpfe jetzt an einer anderen Front.“

Finnland im September 2018. Boetius steht in dunkelblauem Trenchcoat und schwarzen Pumps im Foyer eines Glasbaus auf dem Nokia-Campus in Espoo, 15 Autominuten von Helsinki entfernt. Sie ist eine von sechs Gästen, die Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier auf Delegationsreise nach Finnland eingeladen hat. Drei Tage straffes Programm, Staatsbankett in Helsinki, Besuche in finnischen Firmen und der Universität Oulu im Norden. Und hier, in Espoo, wo den Mitreisenden ein Schulprojekt für finnische Sechstklässler vorgestellt werden soll.

Im September 2018 hat ­Katharina Frohne, Repor­terin des WESER-­KURIER,die Meeres­biologin Antje ­Boetius nach Finnland begleitet. Boetius war von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier auf Delegationsreise eingeladen worden.

Im September 2018 hat ­Katharina Frohne, Repor­terin des WESER-­KURIER,die Meeres­biologin Antje ­Boetius nach Finnland begleitet. Boetius war von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier auf Delegationsreise eingeladen worden.

Foto: Christian Irrgang

Einen Monat später, Mitte Oktober, wird Steinmeier Boetius die wichtigste Umweltauszeichnung Europas überreichen: den mit 500.000 Euro dotierten Deutschen Umweltpreis. In seiner Festrede wird er sagen: „Sie besitzen die wunderbare Gabe, Ihre Forschung so zu erklären, dass Laien sie verstehen können.“ Und: „Sie lassen keinen Zweifel daran, wie weit der Klimawandel schon vorangeschritten ist.“

Die Einladung zur Finnlandreise sei kurzfristig gekommen, sagt Boetius. Drei Wochen Vorlauf, das sind in ihrer Zeitrechnung fünf Minuten. Sich die drei Tage freizuschaufeln, war unmöglich, also arbeitet sie von unterwegs. Als sie jetzt, um zwölf Uhr mittags, auf dem Nokia-Campus steht, ist sie seit acht Stunden auf den Beinen. Mehr als 50 E-Mails bekommt sie pro Stunde, dazu Anrufe, Sprachnachrichten, SMS. Damit nichts liegen bleibt, arbeitet bis spät in die Nacht an ihrem Laptop im Hotelzimmer.

Jugendlichkeit und Volldasein

Man könnte meinen, dass Boetius müde aussieht. Dass sie nur halb da ist, in Gedanken in Bremerhaven oder Berlin, dass sie ständig auf ihr Smartphone schielt. Stattdessen wirkt Boetius hellwach. Als die Leiterin des Bildungsprojekts erklärt, warum sie heute hier sind, dass die Zwölfjährigen in einer von großen finnischen Firmen gesponserten Miniaturstadt einen Tag Erwachsene spielen sollen, Steuernummern, Bankkonten und Vorstellungsgespräche inklusive, hört Boetius aufmerksam zu, ist voll da.

Wer Boetius kennenlernt, wer sich mit ihr unterhält, über funkelnde Tiefseefische oder das finnische Wetter, bemerkt dieses Volldasein als Allererstes. Boetius – offenes blondes Haar, breites Lächeln, sportliche Figur – strahlt eine Jugendlichkeit aus, die nur auf den ersten Blick etwas mit ihrem Äußeren zu tun hat. Es ist die Jugendlichkeit eines Menschen, der neugierig geblieben ist auf die Welt um sich herum.

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Über sich selbst sagt sie: „Mein Antrieb ist dieses Alleswissenwollen.“ Schon als Kind konnte sie nicht genug bekommen von den Geschichten ihres Großvaters, eines Seefahrers und Walfängers. Sie las Piratengeschichten und Jules Vernes „20.000 Meilen unter dem Meer“, sah im Fernsehen die Dokumentarfilme des Meeresforscher-Ehepaars Hans und Lotte Hass. „Ich wusste schon damals: Wenn ich groß bin, will ich raus aufs Meer.“ Nur wie? „Pirat kam ja nicht so richtig infrage“, sagt Boetius. Also Plan B: Meeresforscherin.

Mit 19 zog sie aus ihrer Heimat Darmstadt nach Hamburg, studierte Biologie. Für ihre Doktorarbeit forschte sie am Alfred-Wegener-Institut, 1986 promovierte sie an der Universität Bremen. Thema: Mikrobielle Stoffumsätze in der Tiefsee der Arktis. Der wissenschaftliche Durchbruch gelang ihr im Jahr 2000: Boetius konnte die Existenz methanfressender Mikroorganismen nachweisen, Einzeller im Meeresschlamm, die Faulgase am Aufsteigen in die Atmosphäre hindern. „Methan wirkt 22 Mal stärker als CO₂“, sagt Boetius. „Wenn es diese winzigen Wesen nicht gäbe, wäre die Erde ein anderer Planet. Wir sollten uns also fragen: Sind wir eigentlich gut zu denen?“

Ein guter Freund

Wenn Boetius über das Meer spricht, klingt sie nicht, als würde sie über ihre Arbeit sprechen, sondern über einen guten Freund. Sie sagt: „Wir müssen auf es aufpassen“ und „Wir müssen es beschützen“. Sie erklärt, wie empfindlich es ist, wie sensibel das Ökosystem unter Wasser. Sie klingt fürsorglich, aufrichtig besorgt. Aber auch: restlos fasziniert, immer noch. Da sei die naturwissenschaftliche Seite, die sie interessiere, sagt sie. Die ganz großen Fragen: Woher kommt das Leben auf der Erde? Was bedeutet es für den Menschen, wenn sich die Welt unter Wasser verändert? Aber da sei auch noch eine andere Beziehung zum Meer, „eine romantische“. Bis heute könne sie nicht genug bekommen von seiner Unberechenbarkeit, seiner Rätselhaftigkeit. Wenn sie ans Meer kommt, spricht sie mit ihm, respektvoll, fast ehrfürchtig. Dann sagt sie: „Ich grüße dich, alter Ozean.“

Auf dem Nokia-Campus im finnischen Espoo beendet die Leiterin des Schulprojekts ihren Vortrag und bittet um Fragen. Boetius meldet sich als Erste. Sie will wissen, ob die Betreuer darauf achten, dass die Kinder nicht immer in den typischen Berufen landen. „Wird auch mal ein Mädchen Bürgermeister und ein Junge Erzieher?“

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Boetius fragt das nicht zufällig, natürlich nicht. Als Direktorin des Awi setzt sie sich dafür ein, mehr Frauen zu Führungspositionen zu verhelfen. „Wir haben in den Naturwissenschaften seit zehn Jahren 50 Prozent weibliche Promovendinnen, aber die Frauen kommen oben nicht an“, sagt sie. Woran es hapere? An der Eignung jedenfalls nicht, sagt Boetius. Eher an völlig veralteten Rollenbildern: „In Deutschland denken immer noch zu viele: Familie und Haushalt sind Frauensache.“

Wie unfair es auf dem Arbeitsmarkt zugehe, sei ihr erst spät bewusst geworden, sagt Boetius. Zu Hause in Darmstadt wuchs sie bei ihrer Mutter und ihrer Großmutter auf, „zwei starken Frauen“, wie sie sagt. „Bei uns war immer klar: Es gibt nichts, das ein Mann sich trauen darf, eine Frau aber nicht.“ Seinen eigenen Weg zu gehen, sich frei für einen Beruf und ein Leben zu entscheiden, das sei selbstverständlich gewesen.

Unabhängigkeit und Selbstbewusstsein

Boetius strahlt sie aus, diese Unabhängigkeit. Dieses Selbstbewusstsein, das nichts von Selbsteingenommenheit hat, sondern von einem tiefen Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Sie ist direkt, geradeheraus, aber nicht unhöflich. Eher wie eine, die keine unnötigen Umwege macht. „An Bord sagt man eben, was Sache ist“, sagt sie. Ob es ihre Vorliebe für klare Ansagen, ihre Entschlossenheit ist, die sie eine so steile Karriere hinlegen ließ?

Boetius’ Vita ist die einer Frau, für die es immer bergauf ging. Promotionsstudium am Alfred-Wegener-Institut, danach Gastwissenschaftlerin am Max-Planck-In­sti­tut (MPI) für Marine Mikrobiologie, mit 34 Jahren die erste Professur an der Uni Bremen. 2009 erhielt Boetius den mit bis zu 2,5 Millionen Euro dotierten Leibniz-Preis, die bedeutendste deutsche Wissenschaftsauszeichnung. Das ist eine, die immer nach oben wollte, denkt man unweigerlich. Die sich durchboxen musste, die sich auf ihrem Weg nach oben sicher nicht nur Freunde gemacht hat.

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Gleichzeitig ist das unwahrscheinlich. Wer Boetius kennenlernt, muss sie sympathisch finden. Angenehm ehrlich, schlagfertig, auf intelligente Art lustig. Als sie später am Nachmittag mit Steinmeier und anderen Delegationsgästen im Konferenzraum des finnischen Eisbrechers „Polaris“ sitzt und die Gesellschaft mit Champagner anstößt, ist sie es, die der Situation die Spannung nimmt. Sie hebt ihr Glas, lacht, hält Small Talk mit ihren Sitznachbarn, als wäre sie mit Freunden unterwegs.

Einer, der mehr über Boetius sagen kann, der sie nicht nur drei Tage beobachtet hat, sondern 25 Jahre, ist Gotthilf Hempel. Der heute 89-Jährige ist einer der Wegbereiter der Meeresforschung in Bremen; 1980 gründete er das Awi, 1991 das Zentrum für Marine Tropenökologie, im Jahr darauf unterstützte er den Aufbau des Bremer MPI für Marine Mikrobiologie. Mit seiner jüngsten Nachfolgerin des Forschungsinstituts hat er nie zusammengearbeitet, ihren Werdegang aber von Beginn an verfolgt. Es sei mutig, ihn nach seiner Meinung über Boetius zu fragen, sagt Hempel. Er sei bekannt für seine spitze Zunge und bestimmt kein friedlicher Mensch, der nur aus Höflichkeit etwas Nettes zu Protokoll gebe. Über Boetius sagt er: „Auf keinen anderen lebenden deutschen Meereswissenschaftler könnte ich eine solche Laudatio halten wie auf sie.“

Steinmeier lobt Kompetenz

Er lobt ihre große Kompetenz, ihre Fähigkeit, über fachliche Grenzen hinweg zu denken. Er erzählt davon, wie ehrgeizig sie ist und wie wenig verbissen. Wie sie auf den von ihr geleiteten Expeditionen, auf denen noch immer mehr Männer als Frauen dabei seien, alles im Griff habe. Besonders gern aber spricht Hempel über Boetius’ Talent zu erzählen. Seine Lieblingserinnerung ist ein Abend in der Bremer Glocke. Boetius war angefragt worden für einen Vortrag über das Sozialleben der Bonobos, einer Schimpansenart, deren Sippen von weiblichen Tieren angeführt werden. Affen – nicht gerade Boetius’ Spezialgebiet. Trotzdem trat sie an. Ihre Präsentation, sagt Hempel, sei „eine große Freude“ gewesen. Informativ, spannend – „und eine Hommage an das Matriarchat“. Der Saal war begeistert, Hempel schwer beeindruckt.

Boetius kann das: nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch Geschichten erzählen. Begeisterung weitergeben. Sie weiß: Wissenschaft, das klingt erst einmal trocken. Kompliziert. Anstrengend. Sie will das ändern, will erklären, Wissen weitergeben, aber nicht langweilen. Menschen erreichen. Das Eis brechen. Eisbrecherin sein.

Im vergangenen Jahr wurde ihr dafür der Communicator-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft verliehen, eine Auszeichnung für Wissenschaftler, die sich besonders für die Vermittlung ihrer Forschungsinhalte einsetzen. Boetius mache sich die Mühe, Komplexes anschaulich darzustellen, ohne zu vereinfachen, befand die Jury. Und: Sie traue sich, Haltung zu zeigen.

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Für die Meere, sagt Boetius, sei die Erderwärmung die Bedrohung Nummer eins. Die höheren Temperaturen würden das Gleichgewicht unter Wasser zerstören. Sie erklärt das am Beispiel der Algen. Werde das Wasser wärmer, würden einige Arten schneller wachsen, andere eingehen. Manche Lebewesen im Meer seien auf spezielle Nahrung angewiesen. Wenn der Speiseplan sich ändere, sei das fatal. „Wenn das Futter plötzlich fehlt, können sie nicht überleben.“

Welche Kettenreaktionen das auslösen könnte, ist unklar. Auch deshalb, sagt Boetius, sei die Forschung so wichtig. Ein Projekt, das wesentliche Antworten liefern könnte, startet im September dieses Jahres: Physiker, Biologen, Chemiker und Atmosphärenforscher des Bremerhavener Instituts und 17 anderer Nationen werden auf dem Forschungsschiff „Polarstern“ ein Jahr durch die Arktis fahren. Ihr Ziel: den bislang kaum erforschten arktischen Winter und dadurch auch den Klimawandel besser zu verstehen. Die Arktis gilt als Frühwarnsystem für Klimaveränderungen. Von allen Erdregionen hat sie sich in den vergangenen Jahrzehnten am stärksten erwärmt.

"Dramatischer" Verlust

Boetius weiß, wie schlecht es um die Natur steht. Den Verlust von Lebensraum im Meer nennt sie „dramatisch“. Trotzdem ist sie optimistisch. Sie glaubt daran, dass der Mensch aus seinen Fehlern lernen kann. Sie erinnert an das Ozonloch, das sich langsam wieder zu schließen beginnt, nachdem die internationale Staatengemeinschaft das Problem erkannt und gemeinsam gehandelt hat.

Drei Monate später. Bremerhaven im Dezember, wenige Tage vor Weihnachten. Boetius hängt am Telefon. Konferenzschaltung mit dem Direktor des neuen Helmholtz-Zentrums für Funktionelle Marine Diversität in Oldenburg. Boetius lächelt zur Begrüßung, winkt herein, taucht wieder ab. Warten im Büro nebenan, das eher an ein Wohnzimmer erinnert und das sie, wie sie später erzählen wird, selbst eingerichtet hat: großes blaues Sofa, ein Couchtisch aus den alten Planken des Forschungsschiffs „Meteor“, Flachbildfernseher, Espressomaschine, Blick auf den Hafen. Kein Schreibtisch. Sie arbeite lieber mit dem Laptop auf dem Sofa, sagt Boetius. Sie mag das Zimmer, nur der rotzgrüne Teppich passe nicht ganz ins Gestaltungskonzept.

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Boetius telefoniert und telefoniert. Als sie auflegt, ist es so spät, dass sie eigentlich direkt weiter muss: Pressetermin in Bremen, Interview und Covershooting für eine Frauenzeitschrift. Also Planänderung: Das Gespräch wird ins Auto verlegt, Boetius’ Sekretärin ruft einen Fahrer. Untypisch, wird der erzählen, nachdem er Boetius in der Überseestadt abgesetzt hat. Meistens nehme sie die Bahn, nur, wenn es besonders knapp sei, müsse er ran. Boetius rutscht auf den Rücksitz. Schon wieder: keine Spur von Stress, von Ungeduld, weil alles, wie immer, anders kommt als gedacht. Ob er sie manchmal nerve, der enge Zeitplan? Die vielen Presseanfragen? Die elendig langen Tage? Boetius überlegt. Nein, sagt sie.

Vor Kurzem war sie mit ihrer Familie auf Fuerteventura. Fünf Tage Schnorcheln, Strandspaziergänge, gutes Essen. Zwei Tage sei das herrlich gewesen, dann, sagt sie, habe sie die Arbeit vermisst. Freizeit und Beruf zu trennen, liege ihr nicht. „Weil das, was ich mache, mich begeistert und beschäftigt.“ Sie ist es, die sie antreibt: ihre Liebe zum Meer. Boetius weiß: Es braucht sie jetzt.

An diesem Freitag wird Antje Boetius beim WESER-Strand-Talk zu Gast sein.

An diesem Freitag wird Antje Boetius beim WESER-Strand-Talk zu Gast sein.

Foto: wk

Info

Antje Boetius zu Gast beim „WESER-Strand“-Talk

Am Freitag, 1. März, ist Antje Boetius zu Gast beim „WESER-Strand“-Talk. Moderatorin der etwa einstündigen Reihe ist erstmals die ge­bürtige Bremerin Bärbel Schäfer, die durch ihre tägliche Talkshow bei RTL bekannt wurde. Karten gibt es leider nicht mehr, dafür wie immer eine Video­aufzeichnung des Abends unter www.weser-kurier.de/­weserstrand, abrufbar ab Samstag.

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