Beatrice Dernbach im Interview

„Wissenschaftler müssen mehr Haltung zeigen“

Seit Jahren forscht die Professorin Beatrice Dernbach zu Wissenschaftskommunikation. Im Interview erklärt sie, wie Wissen in die Welt gelangen muss und warum nicht jeder Forscher ein guter Redner sein muss.
22.02.2019, 06:15
Lesedauer: 7 Min
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„Wissenschaftler müssen mehr Haltung zeigen“

Beatrice Dernbach (54) ist Professorin an der Technischen Hochschule Nürnberg und forscht seit vielen Jahren zum Thema Wissenschaftskommunikation. 2012 erschien ihr Buch "Vom Elfenbeinturm ins Rampenlicht".

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Frau Dernbach, Sie beobachten seit vielen Jahren, wie Forschung und Medien zusammenarbeiten. Kennen Sie Antje Boetius?

Beatrice Dernbach: Ich kenne sie noch nicht persönlich, aber sie ist mir aufgefallen. Übrigens ohne, dass ich wusste, dass sie die Nachfolgerin von Karin Lochte, Antje Boetius’ Vorgängerin am Awi, ist, mit der ich mich für mein Buch unterhalten habe. Ich habe sie im Fernsehen gesehen, in einem Bericht in der „Tagesschau“, danach in der „NDR Talk Show“, kürzlich in einem großen Interview in der „Zeit“. Sie präsentiert sich sehr gut.

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Inwiefern?

Sie ist eine unglaublich charmante, eloquente Frau und eine sehr kompetente Wissenschaftlerin, die in der Lage ist, pointiert Position zu beziehen. Ihre fachliche Expertise ist nicht zu übersehen, gleichzeitig kann sie die Inhalte sehr gut präsentieren. Das kommt gut rüber.

Woran liegt es, dass es immer noch eher die Ausnahme ist, dass Wissenschaftler die Öffentlichkeit suchen?

Ist das so?

So kommt es mir vor. Klar, es gibt eine Reihe von Wissenschaftlern, die häufiger in den Medien präsent sind. Aber es scheint, als gäbe es zu jedem Thema zwei, drei Experten, die immer wieder zu Wort kommen.

Das stimmt – aber das hat auch mit denen zu tun, die diese Forscher als Gesprächspartner anfragen. Ich kenne das aus meiner eigenen Tätigkeit als Journalistin: Man hat seine Lieblinge. Das sind diejenigen, von denen man weiß, dass sie ihr Thema gut vermitteln können, dass man sie wiedergeben kann, ohne selbst erst ewig nach verständlichen Formulierungen zu suchen. Da ist es mir lieber, ich frage gleich den einen, den ich schon kenne und von dem ich weiß, dass er kurz und knackig antworten und gut erklären kann.

Sollten Journalisten weniger bequem sein?

Ja, ich finde, sie sollten auch mal nach neuen spannenden Stimmen suchen, aktiv Ausschau halten nach denen, die etwas zu sagen haben. Ich finde übrigens auch nicht, dass jeder Forscher sich öffentlich präsentieren können oder wollen muss. Nicht jeder Wissenschaftler ist ein guter Redner. Viele haben eine ungeheure Expertise, können sich und ihr Thema aber nicht vermitteln. Es ist völlig in Ordnung, wenn ein Forscher sich auf seinen Hauptberuf konzentriert. Und der besteht darin, Fragen zu stellen und zu forschen. Viele Wissenschaftler sind ohnehin überlastet, weil sie das Geld heranschaffen müssen, damit sie ihre Forschung finanzieren können, damit sie also das machen können, wofür sie ihren wissenschaftlichen Auftrag haben.

Es ist also was dran am Klischee des Wissenschaftlers, der brillant ist, aber lieber ungestört im Labor oder zwischen Bücherbergen vor sich hin forscht?

Klar, den gibt es. Und den darf es auch geben. Es gibt den Eigenbrötler, den Tüftler, den Verweigerer, denjenigen, der sich nicht über seine eigentlichen Aufgaben hinaus engagiert. Aber so ist es ja in jedem Beruf. Die Menschen sind verschieden. Ich wünsche mir da mehr Gelassenheit. Freuen wir uns über die, die gut kommunizieren können – und hören wir ihnen zu.

Communicator-Preis

Antje Boetius, Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts, wurde im vergangenen Jahr mit dem Communicator-Preis geehrt, der wichtigsten Auszeichnung für Wissenschafts­vermittlung.

Foto: Rainer Unkel
Wissenschaft ist das Gegenteil von netter Abendunterhaltung – könnte man meinen. Veranstaltungen wie Science Slams, auf denen Wissenschaftler in 15-minütigen, auch für Laien verständlichen Vorträgen von ihrer Forschung erzählen, zeigen: Stimmt gar nicht. Die in ganz Deutschland stattfindenden Veranstaltungen der Tübinger Reihe „Science Notes“ etwa sind meist ausverkauft. Ist es gut, dass Wissenschaft unterhaltsamer wird?

Die Berührungsängste werden geringer. Nicht nur durch Science Slams, auch durch Social-­Media-Kanäle wie Facebook und Twitter. Übrigens auch beim Publikum. Das hängt sicherlich auch mit der Akademisierung zusammen: Immer mehr Menschen haben selbst studiert und wissen, wie der wissenschaftliche Betrieb läuft, interessieren sich für wissenschaftliche Fragestellungen.

Aber auch die Forscher werden offener für neue Formate der Wissensvermittlung?

Ja, da hat sich viel getan in den vergangenen zehn Jahren. Für mein Buch habe ich viele Wissenschaftler interviewt, die schon viele Jahre dabei sind. Die haben mir erzählt, dass sie früher von ihren Kollegen schräg angeschaut wurden, wenn sie im Fernsehen aufgetreten sind. Für Science Slams hätte damals wohl das Gleiche gegolten; auch das ist ja eine nicht-wissenschaftliche Bühne. Das hat sich inzwischen aber gelegt.

Warum war es so, dass Forscher von Kollegen kritisiert wurden, wenn sie sich beispielsweise in einer Talkshow äußern? Geht es da um Neid?

Bei einigen sicherlich. Da tut sich jemand hervor und bekommt Aufmerksamkeit, die einem selbst auch ganz recht wäre. Dem gehe es ja gar nicht darum, Wissen zu vermitteln, sondern selbst im Mittelpunkt zu stehen, so in der Art. Und dann gibt es den Vorwurf, die Themen würden zu sehr vereinfacht, um sie auch für Laien verständlich zu machen.

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Das wäre der Ganz-oder-gar-nicht-Ansatz. Aber ist es nicht besser, etwas zumindest annähernd zu verstehen, als nie davon gehört zu haben?

Ich sehe das so: Alles ist komplex, ganz egal, um welches Thema es geht. Wer ein Thema für andere aufbereitet, egal, ob Wissenschaftler oder Journalist, muss reduzieren, um es verständlich zu machen. Und natürlich besteht dann immer das Risiko, dass so weit reduziert wird, dass das Thema nicht vollständig dargestellt wird. Das ist die Schwierigkeit. Für Forscher, die sich etwa gegenüber einer Zeitung äußern, ist es deshalb wichtig zu wissen, wie die Medien funktionieren. Er muss sich fragen: Wie rede ich mit einem Journalisten? Wie muss ich meine Kernbotschaft formulieren, damit sie möglichst unverändert aufgenommen wird? Der eine Wissenschaftler hat dafür eine Art Naturtalent, andere müssen es üben.

Woran liegt es neben Science Slams und ähnlichen Formaten, dass es in Wissenschaftskreisen heute nicht mehr verpönt ist, die Öffentlichkeit zu suchen?

Das hat sicherlich auch damit zu tun, dass vor allem die jüngeren Wissenschaftler selbst in den sozialen Medien aktiv sind und dort eben auch über ihre Arbeit sprechen. Sie wollen nicht nur in ihrem Labor verschwinden. Sie wollen ihre Disziplin vorantreiben und haben Spaß daran, ihr Wissen zu vermitteln.

Wissenschaftliche Reputation, also der Status eines Forschers im Wissenschaftskosmos, wird oft anhand der Zahl veröffentlichter Fachartikel beurteilt. Müsste es nicht stärker honoriert werden, wenn Wissenschaftler die Gesellschaft über ihre Arbeit informieren?

Solche Systeme gibt es schon. Als ich noch Professorin an der Hochschule Bremen war, gab es Bonusleistungen, wenn wir unsere Themen in der Öffentlichkeit vermittelt haben, etwa über Vorträge, Interviews oder Artikel. Diese Art der Anerkennung ist gut und wichtig. Anders als unseren Kollegen von den Natur- und Ingenieurwissenschaften fiel es uns Sozialwissenschaftlern deutlich schwerer, finanzielle Unterstützung von außen für unsere Forschung einzuwerben.

Viele wissenschaftliche Einrichtungen werden mit Steuergeldern gefördert. Muss es da nicht sogar der Anspruch sein, das Wissen an die Gesellschaft zurückzugeben?

Natürlich, und so ist es auch schon lange. Wer beispielsweise einen Förderantrag bei der Europäischen Union oder der Deutschen Forschungsgemeinschaft stellt, muss darlegen können, wie das Ergebnis öffentlich vermittelt werden soll.

Ist gute Wissenschaftskommunikation schwer?

Definitiv. Gleichzeitig würde ich sagen, Wissenschaftler sollten den Respekt davor verlieren, sie auszuüben. Es geht immer darum, eine Geschichte zu erzählen. Der Mensch ist so, er mag Geschichten. Es geht aber nicht darum, diese Geschichte möglichst lang und von vorne bis hinten zu erzählen, sondern darum, das Wichtigste herauszustellen. Was ich sagen will: Auch Wissenschaftler müssen auf den Punkt kommen können. Im Übrigen haben diese Aufgabe inzwischen professionelle Wissenschaftskommunikatoren übernommen. Sie vermitteln zwischen der Wissenschaft beziehungsweise den Wissenschaftlern, den Journalisten und der Öffentlichkeit.

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Sie sagten, manche Forscher seien Natur­talente, was gute Wissenschaftskommunikation betrifft. Ist Antje Boetius so ein Talent?

Auf jeden Fall. Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung übrigens auch. Sie ist auch hochprofessionell und entscheidet ganz klar: Was bringt mich weiter? Wo mache mit? Wo trete ich auf? Und auch sie ist eine sehr gute Erklärerin.

Antje Boetius will etwas verändern, Menschen wachrütteln, indem sie immer wieder von ihrer Arbeit erzählt, in Talkshows, in Schulen, aber auch in der Politikberatung. Finden Sie es gut, wenn Forscher klar Stellung beziehen?

Ich finde, Wissenschaftler müssen sogar mehr Haltung zeigen – nicht nur, was ihre aus der Forschung gewonnenen Überzeugungen betrifft, sondern auch, was ihre Rechte angeht. Der March for Science 2017 hat da eine große Debatte losgetreten. Auf der ganzen Welt sind Hunderttausende Wissenschaftler auf die Straße gegangen, um für den Wert von Forschung und Wissenschaft zu demonstrieren. Und das war richtig. Man kann und darf wissenschaftliche Forschung nicht losgelöst von der Politik sehen. Und ja, wenn Wissenschaftler klar Stellung beziehen, um damit eine Veränderung anzustoßen, ist das toll. Immerhin sind sie die Experten, ihnen hört man zu – zu Recht! Manchmal bin ich allerdings verblüfft, wie wenig dabei rumkommt. Es gibt so viel Expertise in Deutschland und so viele Gremien, die die Regierung wissenschaftlich beraten. Das spiegelt sich aber längt nicht in den Ergebnissen wider. Etwa bei der Autoindustrie oder der Frage nach dem Kohleausstieg. Deshalb ist es umso wichtiger, dass Wissenschaftler sich verbünden und Mitstreiter suchen, nicht nur innerhalb Deutschlands, sondern weltweit.

Das Gespräch führte Katharina Frohne.

Info

Zur Person

Beatrice Dernbach (54) ist Professorin an der Technischen Hochschule Nürnberg und forscht seit vielen Jahren zum Thema Wissenschaftskommunikation. 2012 erschien ihr Buch „Vom Elfenbeinturm ins Rampenlicht“.

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