Kommentar

Die Entdeckung der Einsamkeit

Die Politik hat ein neues Thema für sich entdeckt: die wachsende Einsamkeit. Die Frage ist allerdings einmal mehr, wo Eigenverantwortung beginnt und staatliche Daseinsfürsorge endet, meint Silke Hellwig.
09.03.2019, 21:10
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Die Entdeckung der Einsamkeit
Von Silke Hellwig
Die Entdeckung der Einsamkeit

Auch jüngere und sehr junge Menschen klagen laut Untersuchungen in einem nie gekannten Ausmaß unter Vereinsamung.

Frank Leonhardt/ dpa

Bemerkenswerterweise hat das Wort Einsamkeit Eingang in den jüngsten Koalitionsvertrag der Bundesregierung gefunden. Dabei geht es nicht etwa um parlamentarische Isolation oder um einsame politische Entscheidungen („Wir schaffen das“). Es geht vielmehr um die oft unfreiwillige Zurückgezogenheit von jungen und alten Menschen. Bereits in der Regierungsvereinbarung von 2005 (ebenfalls Große Koalition) war das Thema den Unterhändlern von Union und SPD eine Randbemerkung wert: Als mögliche Antwort auf die Vereinzelung älterer Menschen wurde das Mehrgenerationenhäuser angeführt.

In der erst vor einem Jahr beschlossenen Vereinbarung ist der Einsamkeit ein ganzer Absatz gewidmet: „Gesellschaft und Demokratie leben von Gemeinschaft. Familiäre Bindung und ein stabiles Netz mit vielfältigen sozialen Kontakten ­fördern das individuelle Wohlergehen und verhindern Einsamkeit. Angesichts einer zunehmend individualisierten, mobilen und digitalen Gesellschaft werden wir Strategien und Konzepte entwickeln, die Einsamkeit in allen Altersgruppen vorbeugen und Vereinsamung bekämpfen.“

Ein nie gekanntes Ausmaß

Kontaktarmut gilt als neue Volks- und als moderne Zivilisationskrankheit. Wer einsam ist, leidet unter dauerhaftem Stress, heißt es, und erkrankt dadurch häufiger als andere an Demenz oder Krebs, erleidet eher einen Schlaganfall oder Herzinfarkt. Nach einer britischen Studie ist Isolation so gesundheitsschädigend wie der Konsum von 15 Zigaretten täglich. Der Psychiater Manfred Spitzer behauptet sogar, Einsamkeit sei die „Todesursache Nummer Eins“.

Spitzer? Klingelt da was? Richtig, der Psychiater sorgte vor einiger Zeit mit seinem Buch „Digitale Demenz“ bundesweit für Aufsehen und Diskussionen. Von ihm stammen auch Bücher mit verkaufsfördernden Titeln wie „Die Smartphone-Epidemie: Gefahren für Gesundheit, Bildung und Gesellschaft“ sowie „Cyberkrank! Wie das digitalisierte Leben unsere Gesundheit ruiniert“. Es nimmt also kein Wunder, dass er eine Verbindung zwischen den beiden Themen herstellt. Unter Einsamkeit leiden insbesondere, aber nicht nur Senioren, weil ihr Freundeskreis Jahr für Jahr durch Todesfälle schwindet und die Nachkommen in aller Welt verstreut sind. Auch jüngere und sehr junge Menschen klagen laut Untersuchungen in einem nie gekannten Ausmaß unter Vereinsamung. Virtuelle Kontakte ersetzen Gespräche unter vier oder sechs Augen offenbar nicht. Im Gegenteil, die Vernetzung mit Menschen in der Ferne kann die Sehnsucht nach Freunde in der Nähe verstärken.

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Die von Soziologen beobachtete zunehmende Individualisierung der Gesellschaft birgt ebenfalls Vereinsamungsrisiken: Die Bindungsunfähigkeit wächst, ob sie einem Verein, einer Partei, der Kirche, der Nachbarschaft oder Partner gilt. Das mag auch an den hohen Ansprüchen von Einzelgängern liegen: Maßgeschneidertes gibt es eben nur in der Textilbranche. Wer nicht zu Kompromissen bereit ist, muss schon recht stabil sein, um nicht zu verkümmern. Der Mensch bewährt sich nicht sonderlich als frei schwebendes Teilchen zu leben, noch nicht.

Kurz: Das Thema verdient durchaus Aufmerksamkeit. In Großbritannien hatte es Konsequenzen auf höchster Ebene. Tracey Crouch wurde zur sogenannten Einsamkeitsministerin befördert. „Einsamkeit ist die traurige Realität des modernen Lebens“, sagte Premierministerin Theresa May zu Begründung. Vor einem Jahr nahm Crouch die Arbeit auf, von konkreten Ergebnissen, geschweige denn messbaren, ist noch nichts bekannt.

"Auch ein sehr gruseliges Thema"

Die „Zeit“ bleibt skeptisch: Einsamkeit „ist ohnehin kein lustiges Thema, es ist ein trauriges Thema – und vor allem, was den Wunsch nach regierungsamtlichem Eingreifen anlangt, auch ein sehr gruseliges Thema“. Autor Jens Jessen fragt, ob der Staat „jetzt neben Steuerehrlichkeit auch die Geselligkeit der Menschen überprüfen, auf ein behördlich erwünschtes Niveau heben“ müsse. Das ist ein zwar zugespitzter, aber berechtigter Einwand und nicht das einzige Feld, wo die Grenzen mehr und mehr verschwimmen, zwischen staatlichen Pflichten und Eigenverantwortung – nicht nur für sich selbst, sondern auch fürs Gemeinwesen.

Im aktuell gültigen bremischen Koalitionsvertrag sucht man das Thema Einsamkeit übrigens vergebens. Bestenfalls liegt das an den Strukturen. In Großstädten sei die Sorge zu vereinsamen, deutlicher größer als auf dem Land, berichtete die „Wirtschaftswoche“ vor einiger Zeit mit Bezug auf eine Umfrage von Marktforschern. Bremen ist bekanntlich nur ein Dorf mit Straßenbahn.

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