Zuflucht für Seefahrer Die Seemannsmission in Bremerhaven – ein Ruhepol in der Fremde

Eine Heimat bieten, wenn das eigene Zuhause ganz weit weg ist: Das hat sich die Bremerhavener Seemannsmission zur Aufgabe gemacht. Hier treffen sich Seefahrer aus der ganzen Welt.
09.02.2018, 05:30
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Die Seemannsmission in Bremerhaven – ein Ruhepol in der Fremde
Von Kristin Hermann

Der Mann sieht müde aus. Er verschnauft kurz, bevor es gleich wieder an Deck geht. Die wenige Freizeit, die Sureri Kusnan bis zur nächsten Abfahrt bleibt, nutzt er, um sich auszuruhen. Offiziell arbeitet der nautische Offizier acht Stunden täglich an Bord – in Wahrheit sind es häufig mehr, wird ein Mitarbeiter der Seemannsmission später bestätigen.

40 Jahre macht der 60-Jährige das schon so. Acht Monate ist er auf See, vier Monate bei seiner Familie in Indonesien. Wenn er auf dem Schiff ist, spricht er einmal im Monat mit ihnen. Von der Leidenschaft für den Beruf ist nicht viel übrig geblieben. Ein oder zwei Jahre noch, dann soll damit Schluss sein. Doch an Ruhestand ist noch nicht zu denken.

Ein mit Deutschland vergleichbares Rentensystem gibt es in Indonesien nicht. Deshalb muss Kusnan sich schon jetzt Gedanken um die nächste Verdienstmöglichkeit machen. Wahrscheinlich wird er in seiner Heimat Lebensmittel verkaufen. „Ich bin das Familienoberhaupt. Von mir wird erwartet, dass ich alle versorge“, sagt er. Seine Frau, die Kinder und sogar die Enkelkinder setzen auf ihn.

Geschichten wie diese hören Abed Jaber und seine Kollegen von der Deutschen Seemannsmission Bremerhaven immer wieder bei ihren Bordbesuchen. Jeden Tag machen sich mehrere haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter auf zum Containerhafen, um die dort liegenden Schiffe und ihre Besatzungen zu besuchen. Die Probleme, die die Seeleute bewegen, sind häufig ähnlich. Es geht um Heimweh, um Streitigkeiten an Bord, um Existenzängste.

Nicht immer öffnet sich die Besatzung den Ehrenamtlichen. Manche von ihnen haben Angst, dass der Kapitän oder die Kollegen etwas davon mitbekommen, andere machen ihre Sorgen lieber mit sich selbst aus. Oft sind es deshalb die kleinen Dinge, mit denen die Seemannsmission der Crew das Leben auf dem Schiff erleichtert. Sie bringen internationale Zeitungen an Bord und das Allerwichtigste: Telefonkarten, mit denen die Seeleute ihre Familien in der Heimat erreichen können.

Abed Jaber wird an diesem Tag zwei Schiffe besuchen. Ihm sind die etwas kleineren Frachtschiffe lieber als die dicken Pötte. „Weil die Besatzung häufig mehr unter Stress steht und die Schiffe kürzere Liegezeiten im Hafen haben“, sagt er. Sechs bis acht Stunden machen diese Schiffe in der Regel im Containerhafen halt, löschen ihre Ladung, bevor es von vorne losgeht. Die Schiffe werden seit einigen Jahren immer größer, die Anzahl der Crew stagniert. „Wenn man sich in dem relativ kleinen Team nicht versteht, dann können das harte Monate werden“, sagt Dirk Obermann, der das Seemannsheim leitet, in denen diejenigen übernachten, die ihre Arbeit in Bremerhaven beginnen oder beenden. Zeit für einen Landgang bleibt den meisten nicht. Die Mitarbeiter der Seemannsmission sind während dieser Zeit oft der einzige menschliche Kontakt zur Außenwelt.

Die Arbeit der Bremerhavener kommt an. 2015 ist die Seemannsmission von dem Internationalen Netzwerk der Hilfsorganisationen für Seeleute (ISWAN) zur weltweit besten Einrichtung für Seefahrer gekürt worden. Allein im vergangenen Jahr haben die Mitarbeiter 1300 Schiffe besucht und dabei mit knapp 9500 Menschen gesprochen. Anders als die Bremer Seemannsmission sind die Bremerhavener in den vergangenen Jahren gewachsen. Zusammen mit den Freiwilligen sind etwa 50 Menschen für die Organisation tätig. Der Ursprungsgedanke der Missionierung spielt keine Rolle mehr. „Ob ein Seemann Muslim, Christ oder Buddhist ist, zählt für uns nicht“, so Obermann.

Sofern es die Liegezeiten der Schiffe zulassen, haben die Seeleute zudem die Möglichkeit, den Seemannsclub zu nutzen, ein Freizeitheim, in dem sie Sport treiben oder anderen Beschäftigungen nachgehen können, die eine Alternative zum Leben an Bord bieten. Der Besuch auf dem Frachter von Sureri Kusnan fällt an diesem Tag jedoch kurz aus, die Crew ist beschäftigt, der Bedarf zum Reden nicht da. „Und wir drängen uns nicht auf. Es ist ein Angebot. Nicht mehr und nicht weniger“, sagt Jaber und macht sich auf den Weg zum nächsten Schiff.

Auf dem blauen Bus der Einrichtung prangt in Großbuchstaben „Seamen‘s Mission“, damit die Besatzung schon vom Deck aus erkennt, wer da zu Besuch kommt. Kurz hinter der Zugangstreppe zum Schiff trägt sich Jaber in die Besucherliste ein, dann führt ihn der Weg direkt in die Messe, in der die Crew zum Essen zusammenkommt. Auf der „Neuenfelde“ freut man sich über seine Ankunft. Die Stimmung auf dem Schiff ist gut. In dem kleinen Speiseraum ist noch ein Tannenbaum an die Wand genagelt – Weihnachten auf hoher See erfordert eben Kreativität.

Einige Mitglieder benötigen dringend Telefonkarten, um wieder Kontakt zu ihren Familien aufzunehmen – die meisten von ihnen stammen von den Philippinen. Manchmal entsteht darüber auch ein persönliches Gespräch, wie mit Rey Catalan. Jaber nutzt dabei oft seine eigene Geschichte als Türöffner. Etliche Jahre ist der 68-Jährige selbst zur See gefahren, war unter anderem mehr als 25 Jahre als Lotse im Ölhafen von Abu Dhabi tätig. Er weiß, wie es sich anfühlt, über Wochen von der Familie getrennt zu sein, und wie schwer es gleichzeitig werden kann, wenn man vom einen auf den anderen Tag wieder ein Teil von seinem Zuhause werden muss. „Es gibt Leute, die kommen damit nicht zurecht, wieder dauerhaft bei ihren Angehörigen zu sein“, sagt er.

Wird es Rey Catalan gelingen, sich nach dem strikten System an Bord wieder in den Alltag seiner Familie einzufinden? Und was kommt für ihn beruflich nach der Schifffahrt? Diese Fragen gehen ihm durch den Kopf, wenn er acht Monate am Stück unterwegs ist. Ewig will er das nicht machen. Ein Kollege auf einem anderen Frachter nennt die Seefahrt sogar ein Gefängnis auf dem Wasser. Warum Catalan seinen Job als Schmierer überhaupt angenommen hat? Hauptsächlich des Geldes wegen, sagt er. 1000 bis 1500 Dollar im Monat bekommen die meisten von ihnen, meint Dirk Obermann. Immer wieder macht sich der Filipino Gedanken, dass er den Job an Bord verlieren könnte. Catalan hat sich nebenbei schon ein zweites Standbein auf den Philippinen aufgebaut, einen Friseursalon. Ob das Geld reichen wird, um seine Frau und die drei Söhne durchzubringen, weiß er nicht.

Sofern es die Verbindung zulässt, versucht der 46-Jährige mehrmals in der Woche, virtuell Zeit mit den Menschen zu verbringen, die er am meisten vermisst. Zwar freuen sich die Seeleute über den häufigen Kontakt zu den Angehörigen, doch dadurch werden sie auch anders in die Pflicht genommen als früher, sagt Abed Jaber. „Und letztendlich können sie vom Schiff aus doch nichts tun.“ Bei den Besuchen an Bord benötigt man vor allem Feingefühl. Das bestätigt auch Rüdiger Zimnik, der wie Abed Jaber einmal in der Woche an Bord geht und den Seeleuten seinen Dienst anbietet.

Der ehemalige Kapitänleutnant kennt aber auch seine Grenzen. „Wenn ich merke, dass jemand wirklich tiefer gehende psychologische Probleme hat oder arbeitsrechtlich beraten werden muss, vermittele ich ihn an die Gewerkschaft oder unsere Seemannspastoren“, sagt er. Manchmal, wenn jemand der Crewmitglieder einen Arzt benötigt, der Kapitän oder die zuständigen Agenten aber aus finanziellen Gründen bis zum nächsten Hafen warten wollen, dann haben Zimnik und seine Kollegen so ihre Tricks. „Wir können dann dem hafenärztlichen Dienst einen Tipp geben“, sagt er. „Dann kommen die Seeleute doch noch zu ihrer Behandlung.“

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