Amuse Gueule

Dieses Restaurant sprüht nur so vor Kreativität

Mit interessanten, pfiffigen, andersartigen Ideen überzeugt die kleine, aber anspruchsvolle Karte den Gast im Restaurant Alto.
03.05.2018, 12:53
Lesedauer: 3 Min
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Dieses Restaurant sprüht nur so vor Kreativität
Von Marcel Auermann

Manch einem Gast mag die Einrichtung zu dunkel, zu drückend, ja vielleicht auch zu depressiv sein. Wir fanden sie von Anfang an edel, modern, fein. Sie passt zu einem Restaurant in einem der besten Hotels der Stadt. Das Alto präsentierte sich mit seinen schwarzen, robusten Holztischen, den bequemen Stühlen und dem Kissen, an dem sich die Gäste auf den Bänken anlehnen können, von Anfang an ganz heimelig. Die Räumlichkeiten sind großzügig bemessen und dennoch entsteht kein hallenartiges Flair. Kleine Nischen führen dazu, dass sich keiner beobachtet oder belauscht fühlt. Die Beleuchtung in warmem Gelb bis Orange trug dazu bei, dass sich eine Gemütlichkeit einstellte, die man nur selten erfährt und oft nur zu Hause (auf der Couch) verspürt. Dazu kam die galante und zugleich herzliche Art des Services, und zwar bei allen Kellnerinnen, denn wir wurden an einem Abend von drei verschiedenen bedient. Eine genauso witzig und genau wie die andere. Kurz: Die Ausstrahlung des Lokals spiegelte sich in der Leistung wider. Hier war nichts einfach nur schöner Schein.

Jede Position ist besonders

Die Speisekarte ist eine Seite groß, dazu kommt momentan ein Zusatz mit Spargelgerichten. Das ist nicht viel, aber jede Position ist besonders. Darauf kommt es an. Uns hatte es der Nordseekrabben-Cocktail (14 Euro) angetan, der zur Abwechslung neben einem überraschend erfrischenden Limonen-Espuma und einem pfiffigen Pumpernickel-Crumble in dem robusten wie schicken Steingutteller lag. Dazu gesellten sich noch einige kleine Häufchen Rührei, das herrlich schaumig geschlagen war. Die Kleckse des Rote-Beete-Salats gaben noch eine andere, fein säuerliche Geschmacksrichtung in die Vorspeise. Ich konnte schon beim ersten Blick auf die Karte meine Augen nicht mehr von der dreifach geklärten Rinderbrühe (11 Euro) lassen, weil ich herzhafte Essenzen liebe – und genau das goss die Kellnerin aus einer Karaffe in meinen tiefen Teller, in dem geröstete Waldpilze und Ochsenbacken-Ravioli lagen, die auf der Zunge wie kleine Pralinen aufplatzten und das butterweiche Fleisch beinahe herausfloss. Grandios!

Filet in Spitzenqualität

Mein Ahi-Tuna-Filet (32 Euro) bestach durch seine Spitzenqualität, was es auch haben musste, weil die kleinen, zarten Stücke nur wenige Sekunden von jeder Seite in der Pfanne lagen, innen also noch roh waren. Jawohl, so muss Thunfisch sein. Einziger Kritikpunkt: Die feurige Hülle hatte es an manchen Stellen zu sehr in sich, dass die Geschmacksnerven fast betäubt waren und der vollmundige Eigengeschmack kaum mehr wahrnehmbar war. Der Koch sollte die Tunke um einige Scoville, also Schärfegrade, reduzieren. Denn zusammen mit dem Wasabi-Erbsenpüree und dem Limonen-Koriander-Pesto wirkte schon genügend auf mich ein. Meine Begleitung schwärmte indes ohne Unterlass von ihrem panierten Kalbsschnitzel (24 Euro) mit der pfiffigen Panade und dem eleganten Gurken-Joghurt-Salat. Von den Bratkartoffeln mit Speck stibitzte ich mir immer wieder welche, weil ich sie schon lange nicht mehr so gut und so auf den Punkt gewürzt erhalten habe. Mit seinem Aroma von Kirschen und Pflaumen begleitete der Rotwein von Markus Schneider aus der Pfalz (0,2 Liter für 10 Euro) unsere Gerichte und besaß genügend Kraft, um nicht unterzugehen, auch nicht im Kampf gegen die Schärfe.

Ins Verzücken geriet ich, als ich die Dessertkarte erhielt: Neun verschiedene Käsesorten vollendeten das Angebot. Gerne hätte ich da noch von dem ein oder anderen genascht. Aber nach so viel Herzhaftem sollte es einfach etwas Süßes zum Schluss sein. Das Popcorn-Eis zum Rhabarbercrumble (7 Euro) ließ mich nicht mehr los. Und es war die richtige Entscheidung. Mit krossen Popcornkrümeln glitt es cremig über die Zunge. Eine interessante Kreation. Köstlich. Der Rhabarbercrumble aß sich sehr angenehm, aber ihm fehlte der letzte Pfiff. Entweder knackigere Crumble, also Streusel, oder eine fruchtigere, ruhig auch säuerlichere Rhabarbernote. Hin und weg zeigte ich mich vom Kokos-Zitronengras-Crème-Brûlée (8 Euro) meiner Begleitung, die diesem einen seifigen Geschmack nachsagte. Ich liebte dieses fast schon blumige Aroma.

Fazit
Mit interessanten, pfiffigen, andersartigen Ideen überzeugt die kleine, aber anspruchsvolle Karte den Gast im Restaurant Alto. Dazu findet der Service den richtigen Ton, der nicht zu steif ist und auch mal ein Witzchen erlaubt.


Restaurant Alto, Bredenstraße 2, 28195 Bremen, Öffnungszeiten: Montag bis Sonnabend von 12 bis 15 Uhr und Montag bis Sonntag von 18 bis 22 Uhr, barrierefrei, Internet: www.restaurant-alto.de

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