Diskriminierung im Alltag

„Ich habe das Gefühl, ich muss mich anders verhalten, um akzeptiert und nicht verurteilt zu werden.“

Ali Naki Tutar ist Deutscher, er kommt aus Köln. Und doch hat er das Gefühl, sich anders verhalten zu müssen, um akzeptiert zu werden. Dahinter steckt nach Expertenansicht ein grundsätzliches Problem.
30.08.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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„Ich habe das Gefühl, ich muss mich anders verhalten, um akzeptiert und nicht verurteilt zu werden.“
Von Kim Torster

Ali Naki Tutar sitzt in einem Café und denkt nach. Was Rassismus für ihn bedeute? Jedenfalls viel mehr als nur ein Wort, eine Geste oder ein Blick. „Das ist nichts Abgeschlossenes, nichts Situatives“, sagt er. Rassismus sei zum Beispiel, dass er sich permanent anders fühle.

Tutar ist Deutscher mit kurdischen Wurzeln. Seit einigen Jahren lebt er in Bremen, aufgewachsen ist Tutar im Rheinland – das hört man ihm auch an, wenn er spricht. Aber Tutar ist dunkler als seine Mitmenschen. Seine Haut, seine Haare, seine Augen. Deshalb halten ihn viele nicht für Deutsch – und lassen ihn das auch spüren. „Wo kommst du her?“, fragen sie ihn und begnügen sich nicht damit, wenn er „Köln“ sagt, erzählt er. Obwohl das ja stimmt.

Ist das eigentlich schon Rassismus? Ja, sagt Margrit Kaufmann. Sie forscht und lehrt Kulturwissenschaft und Ethnologie an der Universität Bremen. „Beim Rassismus werden einzelne Menschen zu 'Anderen' gemacht“, sagt sie. Gleichzeitig wird mit diesen „Anderen“ häufig etwas Negatives verbunden. Diese Denkweise stamme noch aus der Kolonialisierung. Damals hat man Menschen – vor allem vom afrikanischen Kontinent – ausgebeutet und versklavt. Als moralisch-ethische Rechtfertigung erfand man eine Rassentheorie, nach der Menschen mit dunkler Hautfarbe weißen Menschen unterlegen seien. In der Zeit der Aufklärung wurde diese Pseudowissenschaft weiterverbreitet – und existiere bis heute. „Wir stehen noch immer in der Tradition der Aufklärung“, sagt Kaufmann. „Dieses Denken existiert immer noch, weil es unsere Privilegien und unsere Machtposition als weiße Menschen sichert.“ Jedes Mal, wenn nicht-weiße Menschen also irgendwie ausgegrenzt werden, ist das eine Form von Rassismus.

Weniger Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt

Im Alltag kann das für Betroffene verschiedene Ausmaße annehmen. Tutar sagt, er spüre, dass er weniger Möglichkeiten habe – zum Beispiel auf dem Arbeitsmarkt. Das bestätigen auch Studien. Wie die Antidiskriminierungsstelle des Bundes berichtet, sind zum Beispiel die Chancen, zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden, für Menschen mit einem ausländisch klingenden Namen bis zu 24 Prozent geringer. Und auch die Wohnungssuche sei erschwert: Einer repräsentativen Umfrage der Antidiskriminierungsstelle zufolge machten rund 15 Prozent aller Befragten, die in den vergangenen zehn Jahren auf Wohnungssuche waren, dabei Diskriminierungserfahrungen aus rassistischen Gründen, wegen der Zugehörigkeit zu einer ethnischen Gruppe oder der Herkunft aus einem anderen Land.

Direkte Benachteiligungen wie diese sind für Tutar nur die Spitze des Eisbergs. Es gehe nicht um einzelne Situationen, alltägliche Diskriminierung sei etwas Begleitendes, sagt er. „Das ist ein Prozess, der auch die Wahrnehmung von Betroffenen ändert.“ Immer das Gefühl zu haben, irgendwie nicht dazuzugehören, mache etwas mit dem Selbstbewusstsein. Das beobachte er auch bei anderen Bipoc (Bipoc steht für Black, Indigenous und People of Color – umfasst also alle nicht-weißen Menschen).

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Dazu gehöre auch das Verleugnen und Verstecken der eigenen Wurzeln. „Das fängt schon in der Schule oder im Kindergarten an“, sagt Tutar. Wenn seine Eltern kurdische Musik gehört haben, sei ihm das früher peinlich gewesen. Heute weiß er, dass es sein Umfeld war, das ihm vermittelt habe, sich für seine ethnische Herkunft zu schämen. Was aber geblieben sei, ist ein gesellschaftlicher Druck, der immer auf ihm laste, sagt Tutar. „Ich habe das Gefühl, ich muss mich anders verhalten, um akzeptiert und nicht verurteilt zu werden.“

Erfahrungen wie diese und strukturelle Diskriminierung müssten zwar unterschieden werden, würden am Ende aber zusammengehören, sagt Sheila Mysorekar. Sie ist Journalistin und Vorsitzende der Neuen deutschen Medienmacher – ein bundesweiter unabhängiger Verein von Journalisten mit und ohne Migrationsgeschichte, der sich für mehr Vielfalt in den Medien einsetzt. „Als von Rassismus betroffener Mensch passieren einem jeden Tag unangenehme Kleinigkeiten. Das nennen wir Mikroaggressionen. Jede für sich genommen ist nicht so schlimm, aber in der Masse ist das wahnsinnig anstrengend, weil es permanent zeigt: Du gehörst nicht dazu“, sagt sie. Letztendlich manifestiere sich das auch in den Zahlen. „Menschen aus Einwandererfamilien sind in bestimmten Berufen und Branchen, die auch mit Machtpositionen einhergehen, immer noch zu selten vertreten – wie beispielsweise im Bundestag.“

Verankerte Bilder widerrufen

Aber wie geht man diese Probleme an? Mysorekar ist sich sicher, dass es einen Struktur- und Denkwandel geben kann. Dass verankerte Bilder in einer Gesellschaft widerrufen werden könnten, hätte schon die feministische Bewegung gezeigt. Das könne aber nur gelingen, wenn Menschen bereit wären, sich mit den Bildern in ihren Köpfen auseinanderzusetzen und – noch wichtiger – diese dann auch zu hinterfragen.

Vor allem Menschen, die in Erziehungsberufen – in Kindergärten oder Schulen – arbeiten, sollten ihrer Meinung nach entsprechend geschult werden. „Ich weiß, dass die meisten gar nichts Böses wollen, aber sich über viele Dinge nicht im Klaren sind – zum Beispiel, wenn Eltern aus Einwandererfamilien unbewusst entwertet werden, wenn man den Kindern sagt: 'Es ist schlecht, dass ihr zu Hause nur Türkisch sprecht.' Man könnte das auch positiv formulieren und sagen: 'Toll, dass du so viele Sprachen kannst!'“, sagt Mysorekar. Denn was in der Schul- und Kindergartenzeit an Selbstvertrauen kaputt gemacht werde, sei später nur schwer wieder aufzuholen.

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