Radfahrerin von LKW erfasst

Diskussion über Abbiegeassistenten nach tödlichem Unfall am Brill

Bei einem schweren Unfall an der Brill-Kreuzung in Bremen ist am Mittwoch eine Radfahrerin gestorben. Der Vorfall hat in der Stadt die Debatte über Abbiegeassistenten in Gang gesetzt.
04.04.2018, 20:09
Lesedauer: 4 Min
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Diskussion über Abbiegeassistenten nach tödlichem Unfall am Brill
Von Kristin Hermann
Diskussion über Abbiegeassistenten nach tödlichem Unfall am Brill

Der Lkw-Fahrer und die Radfahrerin waren in gleicher Richtung unterwegs. Der tödliche Unfall ereignete sich beim Abbiegen in die Hutfilterstraße.

Christian Walter

In der Bremer Innenstadt hat sich am frühen Mittwochmorgen ein tragischer Verkehrsunfall ereignet. Ein LKW-Fahrer kollidierte beim Rechtsabbiegen mit einer Radfahrerin. Die 24-Jährige starb noch am Unfallort. Der Vorfall hat in der Stadt die Debatte über Abbiegeassistenten für Lkw-Fahrer und über die Brill-Kreuzung als Unfallschwerpunkt erneut in Gang gesetzt.

Die Radfahrerin und der 34 Jahre alte Lkw-Fahrer waren nach Angaben der Polizei in gleicher Fahrtrichtung auf der Bürgermeister-Smidt-Straße unterwegs, als es zur Kollision kam. Dabei wollte der 34-jährige Fahrer in die Hutfilterstraße (Obernstraße) einbiegen.

Die Brill-Kreuzung in grafischer Darstellung, mit Kennzeichnung des Unfallortes.

Die Brill-Kreuzung in grafischer Darstellung, mit Kennzeichnung des Unfallortes.

Foto: WK

Infolgedessen kam es im Bereich der Bürgermeister-Smidt-Straße zwischen Martinistraße und Am Wall stadteinwärts zu Verkehrsbeeinträchtigungen. Der Fahrer kam in ein umliegendes Krankenhaus, der Lkw wurde beschlagnahmt. Zur Schuldfrage wollte die Polizei am Mittwoch keine Aussagen treffen. Die Ermittlungen zu Unfallursachen dauern noch an. Unter anderem wird geprüft, ob der sogenannte tote Winkel dazu geführt hat. Experten halten diese Option für wahrscheinlich. Gemeint ist damit der Bereich, der trotz Spiegel oder Kameras für den Fahrer nicht einsehbar ist. Konstruktionsbedingt sind diese Flächen bei Bussen und Lkw besonders groß.

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Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) zeigte sich am Mittwoch überrascht von dem Unfall. "Das ist eine Stelle, an der Radfahrer nicht mit einem Fahrzeug rechnen. Dort konzentriert man sich eher darauf, nicht in die Straßenbahnschienen zu geraten", sagt der Verkehrsreferent des Clubs, Albrecht Genzel. Normalerweise ist die Einkaufsstraße für Autofahrer verboten, eine Ausnahme stellt der Lieferverkehr am frühen Morgen dar. Diese Art von Abbiegeunfällen kommt in Deutschland jedoch immer wieder vor. Laut ADFC gab es 2017 deutschlandweit 383 tödliche Unfälle mit Radfahrern – 38 davon in Abbiegesituationen wie Mittwoch am Brill.

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Der ADFC fordert deshalb, sogenannte Abbiegeassistenten verpflichtend für Lkw zu machen. Mithilfe von Sensoren erfassen solche Systeme Fußgänger und Radfahrer, die sich unmittelbar vor oder neben dem Fahrzeug befinden. Im Ernstfall wird der Fahrer durch ein akustisches Signal gewarnt und idealerweise würde bei Nichtreaktion der Lkw automatisch gebremst.

Das Thema beschäftigt aktuell auch die Politik. Die Bundesländer Berlin und Bremen setzen sich für verpflichtende Abbiegeassistenten für Lastwagen ein, um so die Unfallgefahr für Radfahrer und Fußgänger zu verringern. In einem von Berlin formulierten und von Bremen unterstützten Bundesratsantrag fordern die Stadtstaaten die Bundesregierung auf, sich noch intensiver als bisher auf EU-Ebene für entsprechende Vorschriften einzusetzen. Der Antrag soll voraussichtlich am 27. April in den Bundesrat eingebracht werden.

Um Unfälle mit totem Winkel zu vermeiden, rät die Bremer Polizei Autofahrern unter anderem dazu, möglichst schon vor dem Abbiegevorgang auf Radfahrer und Fußgänger zu achten und beim Abbiegevorgang besondere Vorsicht walten zu lassen. Radfahrern rät die Polizei, mit dem abbiegenden Fahrzeugführer Blickkontakt aufzunehmen und sich gegebenenfalls zu verständigen und so gut es geht, auf sich aufmerksam zu machen.

Unfallschwerpunkt Brill

Auch wenn der Unfall am Mittwoch an jedem anderen Ort in der Stadt hätte passieren können, der Bereich an der Brill-Kreuzung zählt seit Jahren zu den Unfallschwerpunkten in der Stadt. Immer wieder kommen sich dort verschiedene Verkehrsteilnehmer in die Quere, weshalb Verbände und Initiativen seit Jahren eine Verbesserung der Wegebeziehungen fordern. Viele Problemfelder laufen dort zusammen: Vier Autospuren in der Bürgermeister-Smidt-Straße und der Martinistraße, wenig Platz für Fußgänger und Radfahrer, sowie diverse beieinander liegende Haltestellen von Bus und Bahn, die Fußgänger häufig noch bei Rot über die Ampeln hetzen lassen.

Angelika Schlansky vom Verein „Fuß“ setzt sich dafür ein, dass der Verkehr in der Stadt insgesamt verlangsamt wird. Besonders für den Innenstadtbereich fordert sie Tempo 30. "Radfahrer und Fußgänger könnten die Geschwindigkeiten so besser einschätzen und auch Autofahrer können schneller reagieren", sagt sie. Außerdem macht sie sich für die Entzerrung der Haltestellen und für Mittelstreifen in der Martinistraße stark. "So müssen Fußgänger nicht gleich vier Spuren gleichzeitig überqueren", sagt sie. Die Reaktivierung des alten Brill-Tunnels, wo die Menschen früher den schnellen Weg zwischen Innenstadt und Stephaniviertel suchten, hält Schlansky für keine Option: "Die sind dunkel, feucht und auch nicht behindertengerecht."

Ähnliche Ansätze verfolgt auch der ADFC. Unter anderem fordert der Club, dass man die Spuren für Autofahrer an der Brill-Kreuzung verringert und Fahrbahnmarkierungen für Radfahrer aufträgt. "Die Radfahrer, die beispielsweise von der Bürgermeister-Smidt-Brücke kommen, würden dadurch geradeaus weitergeleitet und wären für Autofahrer besser sichtbar", sagt Genzel.

In der Verkehrsbehörde sei man sich der Probleme an der Brill-Kreuzung durchaus bewusst, sagt Behördensprecher Jens Tittmann auf Nachfrage. In den kommenden Monaten sollen deshalb an verschiedenen Stellen Querungshilfen angebracht werden. Ansonsten habe man mögliche Umbaumaßnahmen vorerst zurückgestellt, bis die endgültige Innenstadtplanung abgeschlossen sei. Wie berichtet, soll sich dort in den kommenden Monaten und Jahren einiges verändern. Unter anderem geht es dabei um die Neugestaltung des Geländes der Sparkasse.

Immer wieder Schwerverletzte

Bereits in diesem Jahr hat die Polizei an der Brill-Kreuzung sechs Verkehrsunfälle in ihrer Statistik gelistet. Bei einem der Vorfälle wurde eine 18-jährige Fußgängerin schwer verletzt, als sie bei Rot die Fahrbahn überqueren wollte. Ansonsten waren keine Radfahrer und Fußgänger in die Unfälle involviert. Im vergangenen Jahr haben sich im Bereich der Kreuzung insgesamt 53 Verkehrsunfälle ereignet (55 Unfälle in 2016). Dabei wurden 13 Menschen verletzt (16 Menschen in 2016), drei davon laut Polizei schwer (zwei Schwerverletzte in 2016). Zehn dieser Fälle ereigneten sich unter der Beteiligung von Fußgängern (2016 vier Mal mit Fußgängerbeteiligung), zweimal waren Radfahrer involviert (2016 vier Mal mit Radfahrerbeteiligung).

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