Henning Scherf beim WESER-Strand

Ein Politiker zum Knuddeln

Der 79-jährige ehemalige Bremer Bürgermeister machte beim Interview im Café Sand seinem Ruf als bürgernaher und sympathischer Politiker alle Ehre.
02.06.2018, 10:12
Lesedauer: 5 Min
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Ein Politiker zum Knuddeln
Von Nico Schnurr

Als er das Leben an sich vorbeiziehen sieht, steuert Henning Scherf gerade aufs Eis zu. Ein Sturm schubst das Schiff über die tosende See vor Grönlands Ostküste. Die Segel sind eingezogen, das Ruder festgezurrt. Kein Hafen in Sicht, nur Weiß. Er ist jetzt der Natur ausgeliefert. Oben peitscht der Orkan übers Deck, unten kauert Scherf in seiner Koje. Während er da so liegt, fünf Stunden, vielleicht länger, malt er sich aus, was wohl passieren wird. Oh Gott, glaubt er, noch einen Augenblick, dann schlitzt ein Eisberg die Schiffshaut auf. Und dann? „Gluckgluckgluck, ertrunken.“ Denkt Scherf, und als er das denkt, läuft ein Film. Nicht wirklich natürlich, nur vor seinem inneren Auge. Sein Leben im Zeitraffer. Blick zurück auf eine Bremer Geschichte.

Freitagabend, kurz nach 22.30 Uhr. Es ist spät geworden, auf der Weser spiegeln sich die Lichter des Café Sand, als Henning Scherf, Bürgermeister a. D., vom Orkan erzählt, seiner Todesangst und dem Zeitrafferfilm dazu. Der Film, damals in der Koje vor Grönlands Küste, beginnt wie das Gespräch mit Moderator Axel Brüggemann beim WESER-Strand, der Talkreihe des ­WESER-KURIER: im Krieg. Scherf, 1938 geboren, erinnert sich noch klar daran, wie das war, im Ausnahmezustand aufzuwachsen. Zweimal muss die Familie ihr Zuhause verlassen, „ausgebombt“, sagt Scherf. Und trotzdem: „Ich habe den Krieg nicht als Albtraum erlebt. Offenbar müssen Kinder die Kraft haben, das Böse zu verdrängen, einfach wegzuschieben.“ Dann die Nachkriegszeit, Neustadt, das kaputte Bremen. „Die Trümmer waren unser schönster Spielplatz. Wir turnten in den Ruinen rum.“

Sprung in die Pubertät. Scherf übernimmt die Gesprächsführung nun im klassischen Scherf-Plauderton. Frage an den Moderator: „Wurden Sie von Ihrem Vater aufgeklärt?“ Bevor Brüggemann antworten kann, schippert Scherf gedanklich schon auf der Ochtum. EinSommernachmittag auf einem Paddelboot, darin hocken Henning Scherf und sein frommer Vater. Ewig gurken die beiden über den Fluss, viel Schweigen, der Vater druckst verdächtig rum, bis sein Sohn irgendwann genervt fragt: „Vater, willst du mich aufklären? Ich bin aufgeklärt.“ – „Gott sei Dank.“ Ende der Bootsfahrt.

"Ein junger linker Vogel“

Logisch, die eigentliche Aufklärung wartet ohnehin in Frankfurt. Kritische Theorie, Adorno, Horkheimer, „meine Götter“, sagt Scherf. Das Abitur hat er, „ein junger linker Vogel“ (Scherf über Scherf), gerade hinter sich, Schulsprecher, Bestnoten, Stipendium, das alles nach einer durchwachsenen Mittelstufenzeit. Scherf will nun hin zu den Säulenheiligen, ein Studium im Frankfurt. Er darf nach Freiburg, später nach Berlin.

Scherf ist Mitte 20, als er in die SPD eintritt. Der angehende Jurist möchte Anwalt der „einfachen Leute“ werden. Während seines Studiums hat er als Kettenschmied gearbeitet, die Handwerksmeister „mit dem Riesenherz“, die er aus den Semesterferien kennt, hofft er, in der SPD zu treffen. Hauptsache, er kommt denen, für die er sich einsetzen will, nicht vor wie ein „bildungsbürgerlicher Spross“, denkt Scherf damals. „Ich wollte diesen Leuten nahe sein“, sagt er heute. Vorbilder findet er in Wilhelm Kaisen („der große Versöhner“) und Hans Koschnick („der schlaue Hans“), doch Scherf, der linke Christ, der Kriegsdienstverweigerer, reibt sich an seiner Partei.

Ja zur Bundeswehr, ja zum Nato-Doppelbeschluss? Ist er hier wirklich richtig? „Ich habe die Zähne zusammengebissen und gedacht: Scheibenkleister, jetzt bist du bei Leuten, die eigentlich etwas anderes machen, als du willst.“ In dieser Zeit, erzählt Scherf, habe er viel verstanden, etwa: „Man kann sich nicht etwas basteln, wo man am Ende alleine bleibt. Man muss kompromissfähig sein.“ Einst ein linker Flügelmann und Kaffeepflücker in Nicaragua, will Scherf nun BremerBürgermeister werden. Er sucht den Konsens und findet eine Große Koalition.

"Das war entsetzlich"

„Das hat mir keiner zugetraut“, erinnert sich Scherf. „Henning, jetzt du bist du erwachsen“, soll Loki Schmidt daraufhin zu ihm gesagt haben. Mehr Lob geht nicht, denkt Scherf damals, schließlich beleidigte Helmut Schmidt ihn vorher noch als „Pietcong“. „Man muss sich in der Politik eindickes Fell zulegen“, sagt Scherf und erzählt von Medienkampagnen gegen ihn. „Wenn ich alles persönlich genommen hätte, wäre ich in der Psychiatrie gelandet.“

Der „Kapitalistenfresser“, wie ihn die „Süddeutsche Zeitung“ mal nannte, wird zum Übervater der Bremer Koalition und auch zum Freund der Unternehmer. Scherf umarmt die CDU, wie er ja überhaupt alle in Bremen umarmen möchte. „Die Menschen wollen berührt werden“, das ist so einer dieser Scherf-Sätze. Er sagt ihn auch an diesem Abend im Café Sand und schiebt hinterher, dass seine Frau ihn manchmal daran erinnert, bitteschön nicht übergriffig zu werden bei der vielen Umarmerei.

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Henning Scherf kommt aus einer Zeit, in der die SPD noch wie selbstverständlich über 40 Prozent der Wählerstimmen in Bremen holte. Jetzt steht die Partei in Umfragen gerade noch so über 20 Prozent. Es gab schon mal bessere Zeiten für seine SPD, oder? Klar, sagt Scherf, erinnert aber lieber an die Zeiten, in denen es noch schlechter lief für die Sozialdemokraten, unter Otto von Bismarck etwa, unter den Nazis. „Wir waren Verfolgte über Jahrzehnte.“ Also, im Großen und Ganzen betrachtet, alles halb so wild bei der SPD? Zumindest über das Jahr von Ex-Kanzlerkandidat Martin Schulz, diese „beispiellose Serie von Fehlern“, ist auch Scherf nicht glücklich. „Ich konnte die Nachrichten gar nicht mehr ertragen. Ich habe ihn nur noch bedauert am Schluss“, sagt er. „Wie er an seinen eigenen Ansprüchen gescheitert ist, das war entsetzlich.“

Zwei Meter Eigensinn als Programm

Vielleicht, sagt Scherf, müsste die SPD öfter mal über den Atlantik schauen, zu Justin Trudeau. Kanadas Premierminister, weltoffen, für Minderheiten, Bildung und Wirtschaft eintretend, das ist doch einer, der zeigt, wie es gehen kann, findet Scherf. „Andrea Nahles ist nun wirklich keine Trudeau, da fällt mir der Vergleich sehr schwer“, fährt Moderator Brüggemann dazwischen. Scherf: „Sie sind ein Macho, oder?“

Ein typischer Bürgermeister, falls es so etwas überhaupt gibt, war Scherf nie, zwei Meter Eigensinn als Programm, die Geschichten sind bekannt: mit dem Rad zum Rathaus, heißes Wasser das einzige Getränk, zuhause in einer Wohngemeinschaft. Vor 30 Jahren ist er in das Haus in der Rembertistraße gezogen, zusammen mit seiner Frau und Freunden. Die Kinder sind gerade aus dem Haus, da denkt er sich: „Das kann doch nicht alles gewesen sein.“ Damals, sagt Scherf, ist er noch nicht alt, keine 50, aber er sucht nach einem Ort zum Altwerden. Er lässt einen Fahrstuhl ins Gemeinschaftshaus bauen, keine Schwellen, große Türen, damit man mit einem Rollator durchkommt. Scherf ist gewissermaßen zum Botschafter eines anderen Altwerdens geworden. Einen Bestseller hat er zum Thema geschrieben, zu seinem 80. Geburtstag soll die 20. Auflage erscheinen. Scherf geht es darum, „dass das Altern seinen Schrecken verliert. Dass man sagt: Da passiert doch noch etwas, da habe ich Lust drauf“.

Als er in der Koje liegt, damals vor Grönlands Küste, draußen der Sturm, rauscht Scherf vieles durch den Kopf, nicht aber sein Beruf. „Die Politik ist dann nicht der Tröster, trösten tut einen etwas anderes.“ Der Gedanke an die Frau etwa, Familie, Freunde. Bis der Sturm da draußen sich legt. „Wenn man sein Wohl nur an den politischen Erfolg knüpft, dann kann das fürchterlich finster zugehen“, sagt Henning Scherf. Er sagt das mit der ganzen Gewissheit eines 79-Jährigen, der es anders gemacht hat.

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