Betroffene erzählen So kämpfen die Geschäfte und Gastronomen im Viertel gegen die Krise

Einzelhändler und Gastronomen im Viertel haben mit den wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise zu kämpfen. Doch es gibt viel Unterstützung.
06.04.2020, 06:02
Lesedauer: 5 Min
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Von Matthias Holthaus

Die Kneipen sind zu, die Küchen bleiben kalt, Konzerte sind abgesagt. „Ohne Unterstützung klappt es nicht“, so heißt es in einer gemeinsamen Presseerklärung der Beiräte Mitte und Östliche Vorstadt. Und auch die geschlossenen Läden und Ateliers stellen für viele Menschen eine enorme Herausforderung dar.

„Für eine Vielzahl von Selbstständigen, Beschäftigten und Mini-Jobbern in Kulturbetrieben, in der Gastronomie und im Einzelhandel ist der ,Shutdown‘ vom 18. März 2020 für einen noch nicht absehbaren Zeitraum eine einschneidende, wenn nicht gar existenzbedrohende Maßnahme“, heißt es in der Mitteilung. Einkünfte brächen weg und es sei nicht absehbar, für welchen Zeitraum mit Ausfällen zu rechnen sein wird. Insbesondere das Viertel sehen die Beiräte in besonderem Ausmaße betroffen.

Standort soll fortbestehen

Für viele Bremer bilde das Quartier einen wichtigen Bestandteil des kulturellen und sozialen Lebens – weit über den Stadtteil hinaus. Und dieser Standort soll sowohl während als auch nach der Corona-Pandemie fortbestehen. Die Beiräte erachten daher umgehende niedrigschwellige Hilfen für die durch die Maßnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus geschädigten Personen für unabdingbar. Außerdem appellieren die Beiräte an die Solidarität im Stadtteil und bitten die Menschen, nachbarschaftliche Hilfe anzubieten und auf alternative Angebote von Betroffenen zurückzugreifen.

„Hierzu können etwa Bringdienste örtlicher Gastronomen genutzt, Bücher oder andere Waren online oder telefonisch bei den örtlichen Händlern bestellt, oder auch aus der Situation entstandene alternative Kulturangebote wahrgenommen werden“, heißt es in der Stellungnahme. Und wenn es die persönliche finanzielle Lage zulasse, dann solle auch der Erwerb von Gutscheinen für zukünftige Leistungen oder der Verzicht auf Rückerstattungen in Erwägung gezogen werden.

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Eine besondere Aktion, um durch die Krise zu kommen, hat sich indes das Rock und Wurst Am Dobben überlegt: „Wir haben fünf Paletten Bier, also 250 Kisten, abfüllen lassen“, erzählt Jörg Fengler, einer der Geschäftsführer von Rock und Wurst. „Das ,Supporterbier‘ liefern wir dann für 30 Euro pro Kiste aus, zusätzlich gibt es einen Gutschein über fünf Euro für Rock und Wurst.“ Freitags werde von 17 bis 21 Uhr auch Essen zum Mitnehmen angeboten, dann sei es auch möglich, das „Supporterbier“ abzuholen; geliefert werde es dann entweder am Freitag oder am Sonnabend.

Ab einer Menge von zwei Kisten werde das bestellte Bier innerhalb von Bremen ins Haus gebracht. Eine Unterstützung ist auch notwendig, erklärt Jörg Fengler – zwar seien die 5000 Euro vom Land Bremen bereits eingetroffen, doch das reiche nicht aus: „Das Arbeitsamt ist wegen der Anträge für Kurzarbeit gerade überfordert, da muss das Geld irgendwo herkommen.“ Zwei Leute seien konkret davon betroffen, „und das muss überbrückt werden. Dafür dient dann auch das Bier.“

Bestellungen online oder per Telefon

Mit dem seit Jahren bestehenden Onlineshop versucht auch die Buchhandlung Sieglin durch die Corona-Zeit zu kommen, kann Seniorchef Tilman Sieglin bestätigen: „Der Shop wird von unseren Stammkunden zunehmend genutzt, es kommen aber auch viele Bestellungen über Mail und Telefon rein rein.“ Im Stadtteil würden die Bestellungen direkt ausgeliefert, ansonsten mit der Post verschickt. „Nichtsdestotrotz ist das aber nur ein Bruchteil und es stellt sich die Frage, wie lange das durchgehalten werden soll“, sagt er.

Die finanziellen Hilfen der Stadt Bremen seien umgehend beantragt worden, jedoch noch nicht eingetroffen. Und: „Weinhändler und Kioske haben geöffnet und da zahlen die Leute mit Bargeld“, wundert er sich und meint: „Da verliere ich den Glauben an die Menschheit. Wir werden dem großen Drachen Amazon geopfert.“ Dennoch kann auch er einen kleinen Lichtblick in der eher dunklen Zeit erkennen: „Die Stammkunden sind rührend. Die Telefonate dauern jetzt auch mal etwas länger, aber das baut auch auf.

Mit diversen Aufträgen konnte auch Art’n Card noch gut über die Runden kommen: „Den ersten Schock haben wir über den Monatswechsel gut hinbekommen, weil wir noch Aufträge abgearbeitet haben“, erzählt Geschäftsführer Jens Schumacher. Glücklicherweise habe es da einen Überhang gegeben und Langeweile komme ebenfalls nicht auf. „Anträge schreiben ist ja auch nicht das alltägliche Brot. Und ich gehe davon aus, dass die Bremen-Hilfe bald kommt.“ Doch zum Monatswechsel bräuchte er das Geld dann doch: „Für uns beginnt im Sommer die schlechteste Zeit, die machen wir normalerweise dann mit dem Rettungsring, den wir uns angefuttert haben, wett.“ Im Moment verlasse er sich nun auf das Schaufenster im Laden, wo Interessierte Dinge sehen und bestellen können, sowie auf das Schaufenster im Internet: „Das ist aber überhaupt kein Vergleich zum sonstigen Geschäft“, sagt er. „Jeder Euro hilft.“ Wobei er auch meint: „Für diejenigen Kunstschaffenden, die nun nicht auftreten können, ist es noch heikler.“

Formulare für Bundeshilfen fehlen noch

Hartmut Hankel verkauft Schuhe in seinem Laden im Steintor. „Gesundheitlich geht es gut, geschäftlich natürlich schlecht“, sagt er, „es muss ja alles noch weiter bezahlt werden.“ Die Ware für das Frühjahr sei bereits eingetroffen. Schuhe über das Internet zu verkaufen, sieht Hartmut Hankel kritisch: „Die Beratung fehlt dann, außerdem muss der Kunde ja merken, ob die Einlagen passen und ob der Schuh kompatibel ist. Jeder Fuß ist anders gebaut, das geht über das Internet nicht.“ Die Hilfe der Stadt Bremen habe er bereits beantragt, für die Bundeshilfen gebe es momentan noch keine Formulare. „Da müssen wir wohl noch ein paar Tage warten, das ist ja gerade für alle nicht einfach. Da kann man nur abwarten und sehen, wie wir durchhalten.“

Um betroffenen Läden und Betrieben das Ausliefern zu erleichtern, bietet der BUND an seiner Geschäftsstelle Am Dobben 44 ein E-Lastenrad zur kostenlosen Entleihe an. „Wir bieten es bereits Anwohnern an, doch aufgrund der momentan geringen Nachfrage können sich auch Firmen das E-Lastenrad ausleihen“, sagt dazu Lisa Tschink vom BUND. Bedingung hierfür ist lediglich eine Haftpflichtversicherung und eine Möglichkeit, das Rad insbesondere nachts sicher abzustellen. Der BUND möchte damit den Läden, Apotheken und Betrieben nicht nur beim Ausliefern helfen, sondern auch eine Alternative zum ÖPNV bieten – falls Menschen momentan auf Fahrten in Bus und Bahn verzichten möchten. Interessenten für die Radnutzung können sich per E-Mail an info @ bund-bremen.net melden.

Handelskammer fordert zu Online-Bestellungen auf

Die Bremer Handelskammer bietet einen anderen hilfreichen Service an: „ Zeigen Sie Flagge und bestellen Sie telefonisch oder online bei lokalen Anbietern“, fordert die Handelskammer auf ihrer Website auf, und bietet eine interaktive Karte an, die einen bremenweiten Überblick über diverse Angebote des Einzelhandels, der Gastronomie und diverser Dienstleistungsbetriebe gibt. Dort können Interessierte auf die entsprechenden Internetseiten gelangen und Waren und Dienstleistungen bestellen.

Ein Schaufenster der besonderen Art stellt die Interessengemeinschaft Das Viertel (IGV) vor. „Die Tür ist zu, der Shop ist offen“, heißt es auf Plakaten in Schaufenstern der geschlossenen Geschäfte, und diese Plakate verweisen auf das Angebot der IGV, über ihre Seite auf die Websites der diversen lokalen Einzelhändler zu gelangen. Dort kann der Kunde dann Waren aller Art bestellen. Damit möchte die IGV nicht nur die Kundschaft mit wichtigen Artikeln beliefern, sondern auch die Überlebensfähigkeit der Betriebe sichern: „Wir wünschen uns, dass alle die Krise unbeschadet überstehen und wir danach ein genauso lebens- und liebenswertes Viertel haben, wie wir es kennen.“

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Weitere Informationen

Das Angebot der Handelskammer Bremen ist unter https://www.jetzt-kaufen-in-bremen.de/ im Internet zu finden. Die Interessengemeinschaft Das Viertel bietet ihren Service unter https://dasviertel.de/ an.

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