Familien auf Hilfe angewiesen / Bauamt prüft Sperrung des Gebäudes

Elf Wochen ohne Wasser

Aumund. Seit elf Wochen leben rund 25 Männer, Frauen und Kinder in einem Mehrfamilienhaus in Aumund ohne Wasser. Nachdem die SWB den Hahn abgeklemmt hat, spitzt sich die Situation in dem Haus weiter zu.
03.07.2014, 15:00
Lesedauer: 3 Min
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Elf Wochen ohne Wasser
Von Patricia Brandt

Seit elf Wochen leben rund 25 Männer, Frauen und Kinder in einem Mehrfamilienhaus in Aumund ohne Wasser. Nachdem die SWB den Hahn abgeklemmt hat, spitzt sich die Situation in dem Haus weiter zu. Es soll bereits Reibereien um gespendetes Wasser geben. Unterdessen prüft das Bauamt, ob es die Nutzung des Gebäudes untersagt. Erste Familien sollen umgesiedelt werden.

250 Liter Leitungswasser in Kanistern bringt der CDU-Politiker und Schönebecker Feuerwehrchef Detlef Scharf seit vier Wochen täglich in die Georg-Gleistein-Straße. Frauen und Kinder im Hinterhof winken. „Danke“ rufen zwei Frauen. Viel mehr Deutsch sprechen sie nicht. Ihre Männer und Söhne tragen die Kanister ins Haus. Um die Frage, wer wie viel Wasser bekommt, käme es immer häufiger zu Streit unter den Mietern, hat Scharf beobachtet. Er sagt: „Die Nerven liegen langsam blank.“

Seitdem die SWB vor knapp drei Monaten den Wasseranschluss abgestellt hat, weil der Vermieter dem Unternehmen Geld schuldet (wir berichteten), sind die Bewohner auf fremde Hilfe angewiesen. Nachbarn hatten über Wochen mit Leitungswasser gefüllte Sprudelflaschen über den Zaun gereicht und ihre Waschmaschinen zur Verfügung gestellt. „Man kann die Leute nicht leiden lassen, weil die nichts dafür können“, begründet Peter Winkel (70). Sein Nachbar Wolfgang Kanze ergänzt: „Wenn wir denen nicht helfen würden, die würden im Dreck ersticken.“

Doch so langsam, das wird im Gespräch deutlich, geht auch den Helfern die Luft aus. Manchmal kämen die Familien noch abends nach 22 Uhr, um ihre gewaschene Wäsche abzuholen, berichtet Winkel. An die 30 000 Liter will er mittlerweile gespendet haben. Langsam sorgt er sich um seine eigene Abrechnung. Die Nachbarn sind dazu über gegangen, einen Obolus fürs Duschen und Wäsche waschen zu verlangen – aber einige Mieter nähmen es mit der Bezahlung nicht so genau. Winkel zuckt die Achseln und räumt die nächste Maschine Wäsche einer bulgarischen Familie aus: „Die Kinder tun mir leid.“

„Das muss jetzt alles ein Ende haben“, fordert indes Detlef Scharf. Der Kommunalpolitiker bringt nicht nur Wasser und holt die Mieter sonntags zum Duschen in der Feuerwache ab. Scharf versucht neuerdings auch, zwischen Mietern und Energieversorger zu vermitteln. Die SWB hatte bekanntlich den Mietern angeboten, die Abschlagszahlungen des Vermieters selbst zu übernehmen. Unternehmenssprecherin Angela Dittmer gestern dazu: „Jetzt ist es an den Mietern, sich einig zu werden.“ Doch von einer Einigung sind die Familien laut Scharf weit entfernt. Ein für diese Woche geplantes Zusammentreffen kam wegen der Reibereien nicht zustande. Viele Familien, vermutet Scharf, könnten sich die Abschlagszahlung ohnehin nicht leisten.

Grüne schlagen Härtefonds vor

Der Vermieter gibt sich unterdessen betroffen. Er werde jetzt das Gespräch mit der SWB suchen: „Die Leute müssen Wasser bekommen. Das ist sonst unmenschlich“, sagt der Bremer Architekt. Mit ihrem jüngsten Bescheid habe die SWB 37 000 Euro von ihm gefordert. Die Summe käme ihm unverhältnismäßig hoch vor. Der Vermieter räumt ein, zum Teil nicht zu wissen, wie viele Leute in den Wohnungen leben. Außerdem beklagt er hohe Mietrückstände. Zur Not wolle er das Haus aufgeben: „Dann soll es versteigert werden. Ich bin am Ende meiner finanziellen Kraft.“

Der Vermieter hat nach eigenen Angaben inzwischen die Miete erhöht und die Mieter zu Nachzahlungen aufgefordert. „Ich soll 1700 Euro nachzahlen“, berichtet Mieter Günter Görn. 13,60 Euro pro Quadratmeter zahlt der Hartz-IV-Empfänger für sein Zimmer. Warm. Dusche und Toilette muss er sich mit anderen teilen.

Der Zustand des Hauses hat mittlerweile die Baubehörde auf den Plan gerufen. Das Bauamt Bremen-Nord prüft, ob es das Gebäude sperren lässt. Grund dafür seien massive Brandschutzmängel, erläutert Bauamtschef Maximilian Donaubauer. Offenbar ist Eile geboten: „Es ist kurzfristig mit einer Entscheidung zu rechnen“, so Donaubauer. Er sagt auch, was im Falle einer Sperrung mit den Bewohnern passiert: „Die betroffenen Mieter werden von den zuständigen Stellen des Sozialressorts betreut und nach Möglichkeit anderweitig untergebracht.“

Die Wassersperre in Aumund ist kein Einzelfall. Die Anzahl der Stromsperren ist laut Pressemitteilung der Grünen weiter gestiegen: in der Stadt Bremen von 3100 im Jahr 2012 auf 3747 im Jahr 2013. Um die Versorgung von unverschuldet in Not geratenen privaten Energie- und Wasserkunden sicherzustellen, regt die Bürgerschaftsfraktion einen Härtefonds von Energieversorger und Stadt nach dem Vorbild Hannovers an.

„Strom und Wasser gehören zur Grundversorgung. Es ist unmenschlich, wenn Familien mit kleinen Kindern der Wasserhahn abgedreht oder der Strom gesperrt wird“, betont Susanne Wendland von der Fraktion.Zuvor hatten die Linken ein Verbot von Energiesperren gefordert.

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