Restaurantbesprechung Essen, wo früher Pferde untergebracht waren

Im Vincent’s in Oberneuland gibt es zu angenehmen Preisen eine gute Leistung und das teils sogar im edlen Gewand.
06.06.2018, 18:33
Lesedauer: 3 Min
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Essen, wo früher Pferde untergebracht waren
Von Marcel Auermann

Das mintgrüne Haus konnten wir gar nicht verfehlen, weil wir direkt darauf zufuhren. Es wirkte wie eine stattliche, edle Villa. Die großen Fenster gaben den Blick auf einen warm und indirekt beleuchteten Raum frei. Große, bunte Bilder dominierten im Innern. Die pastellfarbene Einrichtung glich einer Mischung aus Landhaus-Stil und schickem Wohnzimmer.

Der große Plastikgaul mit seiner Lampe auf dem Kopf mitten im Vincent’s zog sofort unsere Aufmerksamkeit auf sich – ein Hinweis auf die frühere Funktion des Hauses. Im heutigen Gastraum war eine Pferdewechselstation untergebracht. Grundsätzlich prägte ein Stil zwischen fein und nicht zu überkandidelt den Abend. Einerseits legte der Service das Besteck mit weißen Handschuhen auf die blütenweiße Tischdecke.

Andererseits gab es Papierservietten. Einerseits präsentierte die Küche das Essen fein drapiert auf elegantem, weißem Porzellan. Andererseits lagen die Preise in einer humanen Spanne von rund 16 bis knapp 30 Euro für das Hauptgericht. Mein viergängiges Menü gab es sogar für wunderbar kalkulierte 39,90 Euro.

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Um es deutlich zu sagen: Das Vincent’s kann sich der Gast auch mal zwischendurch leisten und wird von der Leistung nicht enttäuscht. Auch der leichte Sommerrosé vom Schloss Mühlenhof in Rheinhessen geht mit seinen 5,90 Euro für das 0,2-Liter-Glas in Ordnung. Recht flott stellte uns die Kellnerin einen Brotkorb mit einer Käsecreme im Weckglas auf den Tisch.

Nur kurze Zeit später kamen die gebratene Jakobsmuschel und das Lachsfilet (13,90 Euro) meiner Begleitung. Der leicht kross angebratene Fisch lag auf einem schmackhaften sautierten Spitzkohl, der eine schöne Süße durch einen süßen Senf besaß. Mein Menü startete mit zwei Riesengarnelen auf einem Salat von grünem Spargel, unter den der Koch sehr aromatische Cocktailtomaten hob.

Kaum fertig, stolzierte der Service auch schon mit meiner zweiten Vorspeise an: dem Pfifferlingcremesüppchen mit Schmand und Croûtons. Die Suppe war sehr stückig und hätte aufgrund des Namensversprechens etwas weniger geleeartig, sondern mehr cremig, schaumig sein dürfen. Der Schmand, das Kräuternest und die Croûtons gaben aber eine pfiffige Würze.

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Es ging also zack, zack, zack. Innerhalb nicht einmal einer Stunde hatten wir beide Vorspeisen gegessen, und schon stand die Hauptspeise vor uns. Hier sollte die Küche weniger Dampf machen und den Gästen mehr Zeit zum Genießen lassen. Das Vincent’s darf sich nicht selbst in die Nähe von Schnellabfertigung bringen. Das hat das Restaurant nicht verdient.

Dafür ist es zu kommod im ehemaligen Alten Krug in Oberneuland. Da sollte der Gast nicht den Eindruck erhalten, dass man ihn möglichst schnell wieder loshaben möchte – zumal ja alle Kellnerinnen und Kellner total sympathisch mit den Gästen umgehen und sie umsorgen und liebevoll nachhaken, ob es schmeckt und sie noch etwas für einen tun können.

Nun aber stand unsere Hauptspeise auf dem Tisch. Meine Begleitung entschied sich für „Vincent’s Medaillons“ (22,60 Euro). Dahinter verbargen sich saftige Fleischstücke: ein Rumpsteak, ein Schweinefilet und eine Hähnchenbrust. Für diesen Preis ließ sich dazu gar nichts sagen. Kurzum: eine üppige Portion. Die dazu gelieferten Rahmchampignons hätten allerdings etwas peppiger sein dürfen.

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Möglicherweise zogen die Pilze zu viel Wasser, sodass die Beilage lasch war. Wohingegen die Bratkartoffeln einwandfrei schmeckten und ich mich eher an diesen bediente als an meinen mitgelieferten Röstkartoffeln, die geschmacksarm im Mund wirkten. Die Bratkartoffeln nahmen allerdings das Aroma der mit angerösteten Speckwürfel auf und waren deshalb klasse.

Meine Medaillons vom Angus-Rind waren ein Gedicht. Köstlich gerieten auch die Sauerrahm-Pfifferlinge, von denen ich meiner Begleitung als Entschädigung für die stibitzten Bratkartoffeln und die nicht so gelungenen Rahmchampignons gern einige abgab. Weil wir durch die Schlagzahl der ersten Gänge lernten, baten wir den Kellner, mit den Desserts doch zu warten. Nach knapp 30 Minuten setzen wir dann zum Finale an.

Mein Mascarponelüftchen zeigte sich in der Tat von seiner fluffigen Seite. Auf der Schiefertafel lagen daneben Erdbeeren, die schimmerten, als wären sie mit Goldzucker bestreut. Das war imposant anzuschauen. „Schokolade & Co.“ (7,80 Euro) wählte meine Begleitung und erfreute sich an einem lockeren Schokomousse, knackigem Butterkekskrokant, einer Ganache und einer geeisten Schokopraline, von der ich naschen musste.

Fazit: Im Vincent’s gibt es zu angenehmen Preisen eine gute Leistung und das teils sogar im edlen Gewand.


Vincent’s Restaurant, Rockwinkeler Landstraße 100, 28325 Bremen, Telefon: 0421/42 62 35, Öffnungszeiten: Montag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag und Sonntag von 12 bis 23 Uhr, Sonnabend ab 14 Uhr, Dienstag ist Ruhetag, barrierefrei, Internet: www.vincent-s.de

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