Mehr Feinstaub als die letzten Jahre Extreme Belastung an Silvester im Bremen

In Bremen haben Luftmessstationen an Silvester extreme Feinstaubbelastungen gemessen – höher als in den vergangenen Jahren. Das bedeutet aber nicht, dass mehr geböllert wurde. Grund ist eine andere Ursache.
04.01.2020, 06:00
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Extreme Belastung an Silvester im Bremen
Von Jean-Pierre Fellmer

Silvesterfeuerwerk macht Dreck. Aber nicht nur den sichtbaren, der später von den Straßen gekehrt wird. Sondern auch Dreck, der für das menschliche Auge unsichtbar ist. Die Rede ist von Feinstaub.

In der Silvesternacht von Dienstag auf Mittwoch war die Feinstaubkonzentration in der Luft besonders hoch: 1684 Mikrogramm Feinstaub (PM10) pro Kubikmeter (µg/m³) waren es in der ersten Stunde im neuen Jahr, in der zweiten noch 1075. Das hat die Luftmessstation am Staatsarchiv in Bremen-Mitte nahe der Wallanlagen aufgezeichnet. Die Messstationen in Bremen-Ost und in Oslebshausen zeigten etwas niedrigere Werte, die Station in Bremen-Nord vergleichbare. PM10 („particulate matter“) sind Teilchen, die einen Durchmesser von weniger als zehn Mikrometer (µm) haben. Zur Einordnung: Ein feines Sandkorn hat einen Durchmesser von 90 µm, ein menschliches Haar von 50 bis 70 µm.

Belastung 70 mal höher als sonst

Wie viel Feinstaub das ist, zeigt der Vergleich mit einer gewöhnlichen Nacht: In der ersten Stunde des Dezembers 2019, also am 1. Dezember von Mitternacht bis 1 Uhr, betrug der Wert an der Station 22 µg/m³. Die Belastung am Staatsarchiv ist also kurzzeitig mehr als 70 Mal so hoch wie sonst gewesen. Der Wert sank allerdings in den folgenden Stunden schnell wieder ab, um sechs Uhr morgens unterschritt er wieder die 100er-µg/m³-Marke. Durch die sehr hohe Belastung in den frühen Stunden des neuen Jahres und die mäßige im Verlauf des Tages liegt der Tagesmittelwert an der Station in Bremen-Mitte bei 183 µg/m³. Zum Vergleich: Im Dezember lag der Wert üblicherweise zwischen acht und 14 µg/m³.

Feinstaub ist gesundheitsschädlich. Die Teilchen dringen in den Körper ein, je nach Größe sogar bis in den Blutkreislauf. Sie können Entzündungen, Asthma, Allergien, Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen verursachen. Die Teilchen entstehen vor allem durch menschliches Handeln, etwa bei Verbrennungen in Kraftwerken, Öfen, Motoren, aber zum Beispiel auch beim Umschlag von Gütern wie Sand oder in der Landwirtschaft durch chemische Reaktionen in der Luft von Emissionen aus der Tierhaltung. Eine gesundheitliche Gefährdung besteht laut Umweltbundesamt ebenso bei kurzfristiger wie langfristiger Belastung. Für Feinstaub gibt es wie für andere Schadstoffe Grenzwerte. Dieser liegt in der Europäischen Union für PM10 bei 50 µg/m³ im Tagesmittelwert. Dieser Wert darf nicht mehr als 35 Mal im Jahr überschritten werden. Die Grenze für den Jahresmittelwert liegt bei 40 µg/m³. Für kleinere Partikel (PM2,5) liegt der Grenzwert bei 25 µg/m³ für das Jahresmittel. Weltgesundheitsorganisation empfiehlt allerdings niedrigere Werte: Für PM2,5 10 µg/m³ im Jahres- und 25 µg/m³ im Tagesmittel und für PM10 20 µg/m³ im Jahresmittelwert. Laut Umweltbundesamt (UBA) gebe es jedoch keinen Schwellenwert, bei dessen Unterschreitung keine gesundheitlichen Schäden zu erwarten seien.

Witterung beeinflusst Feinstaubwerte

Dieses Silvester hat es laut UBA bundesweit deutlich mehr Stationen mit überschrittenen Grenzwerten gegeben als im vergangenen Jahr: 180 Luftmessstationen zeigten demnach einen Tagesmittelwert über 50 µg/m³, der höchste Wert betrug 347 µg/m³. Im vergangenen Jahr waren es 46 Stationen mit einer Überschreitung und einem Spitzenwert von 125 µg/m³. Stefan Feigenspan, Abteilung Beurteilung der Luftqualität beim UBA, weist jedoch darauf hin, dass es sich um vorläufige, ungeprüfte Daten handele. Außerdem werde die Feinstaubbelastung von der Witterung beeinflusst: Ist es kälter, wird stärker geheizt, wodurch die Belastung steige. Zudem spielten die Windverhältnisse eine wichtige Rolle. „Zwischenjährliche Schwankungen in der Luftbelastung werden in erster Linie durch diese unterschiedlichen Witterungsbedingungen verursacht“, sagt Feigenspan. Es lässt sich anhand der Feinstaubbelastung nicht herleiten, ob dieses Silvester mehr oder weniger geböllert und geknallt wurde.

Durch die Wetterlage hat der Feinstaub den Nebel verstärkt, was die Sicht stark eingeschränkt hatte. Größere Unfälle wie die Massenkarambolage auf der A 1 bei Wildeshausen habe es in Bremen in Zusammenhang mit dem nächtlichen Nebel nicht gegeben, sagt eine Sprecherin der Polizei Bremen. Ob es im Bremer Stadtgebiet wegen der schlechten Sicht vermehrt zu Unfällen gekommen ist, konnte sie allerdings nicht sagen, da es dafür eine Datenauswertung der Einsätze benötige.

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Bereits Ende Oktober forderte die Umwelthilfe, Feuerwerk im Innenstadtbereich von 98 Kommunen, darunter auch Bremen, zu verbieten. Vier von fünf Teilnehmern einer Umfrage des WESER-KURIER halten das für eine gute Idee. 843 Bremer wurden befragt. Umweltsenatorin Maike Schaefer (Grüne) habe sich in der Vergangenheit gegen ein generelles Böllerverbot ausgesprochen, sagt ihr Pressesprecher Jens Tittmann. Sie sei allerdings dafür, mehr Böllerverbotszonen zu schaffen beziehungsweise diese auszuweiten – beispielsweise aus Gründen des Tierschutzes rund um Tierheime. Natürlich sei Feinstaub durch Silvesterfeuerwerk auch eine Umweltbelastung, allerdings ließe sich ein Böllerverbot aufgrund des Immissionsschutzes nicht legitimieren, sagt Tittmann. Schließlich seien per Gesetz 35 Überschreitungen der Tagesmittelwerte erlaubt, sagt Tittmann. „Ob man sich grundsätzlich von Böllern verabschiedet ist daher eine Frage, die in der Bremischen Bürgerschaft oder im Bundestag besprochen werden muss.“ Außerdem sei die Feinstaubbelastung dieses Jahr vor allem durch die Wetterlage deutlich höher als in den vergangen Jahren gewesen.

Obwohl an Silvester extrem viel Feinstaub durch Feuerwerk erzeugt wurde, beträgt dieser Anteil dem Umweltbundesamt zufolge nur zwei Prozent der jährlich freigesetzten Feinstaubmenge. Im Jahresmittel für 2019 lag der Wert für PM10 an der Messstation Bremen-Mitte bei 15 µg/m³. 2014 betrug er noch 20 µg/m³.

Wie man auch ganz ohne Silvesterfeuerwerk den Himmel erstrahlen lassen kann, zeigte eine aufwendige Drohnen-Choreografie in Shanghai:

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Zur Sache

Ergebnisse des WK-Sensors

Ende Juli hat der WESER-KURIER an dem Projekt Luftdaten.info teilgenommen und selbst einen Feinstaubsensor gebaut. Dieser hängt seit dem Sommer an der Fassade des Pressehauses an der Martinistraße. Der Sensor misst in wenigen Minuten Abstand den Feinstaubwert für PM2,5 und errechnet auf dieser Grundlage den Wert für PM10. In der Silvesternacht hat der Sensor in der ersten Stunde Werte von mehr als 1000 µg/m³ gemessen. Der Tagesmittelwert beträgt 216 µg/m³. Aufgrund eines anderen Messverfahrens ist der Sensor weniger genau als die offiziellen Messstationen.

Weitere Informationen

Die Werte der offiziellen Messstationen können im Internet unter https://luftmessnetz.bremen.de abgerufen werden. Daten zur Luftqualität in Echtzeit gibt es unter luftdaten.info. Wie Sie selbst einen Feinstaubsensor bauen können, erklären wir unter www.weser-kurier.de/sensor.

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