Der Bremer Flugpionier Georg Wulf Ein Schulabbrecher im Höhenflug

Neben Henrich Focke ist Georg Wulf eine prägende Gestalt der Bremer Luftfahrtgeschichte. Nach seinem Unfalltod im September 1927 blieb sein Name im Firmennamen Focke-Wulf erhalten.
17.05.2020, 09:36
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Ein Schulabbrecher im Höhenflug
Von Frank Hethey

Ausgerechnet bei einer Vorführung vor den Augen einer Senatskommission ereilte Georg Wulf der Tod. Mit seiner „Ente“ hatte er schon einige Runden über dem Bremer Flugplatz gedreht, als die Maschine in 80 Metern Höhe plötzlich ins Trudeln geriet. Zwar konnte Wulf das Flugzeug wieder stabilisieren, kurz über dem Boden brachte er es laut Bremer Nachrichten noch in einen „geraden, steilen Gleitflug“. Doch die Flughöhe war viel zu gering, um mit neuem Schwung durchzustarten. Mit der Spitze bohrte sich die „Ente“ ins Erdreich. Wulf konnte noch lebend geborgen werden, starb aber kurz danach an einem Genickbruch.

Der spektakuläre Fliegertod Wulfs am 29. September 1927 war ein herber Verlust für die Bremer Luftfahrtfreunde. „Er war deshalb so wichtig, weil er seinen Partner Henrich Focke in seinem Engagement ergänzt hat“, sagt Bernd Hirsch, Vorsitzender des Luft- und Raumfahrtvereins Bremer Airbe. Zusammen mit Focke bildete er das Rückgrat der 1924 gegründeten Firma Focke-Wulf, des ersten Flugzeugherstellers in Bremen: Wulf als Einflieger oder Erprobungsleiter, Focke als Chefkonstrukteur. Dabei waren Wulf und sein enger Freund Focke noch ein paar Jahre zuvor ausgelacht worden.

Vom Fliegen besessen

Vor genau 125 Jahren, am 17. Mai 1895, erblickte Georg Wulf in Bremen als Sohn eines Zollsekretärs das Licht der Welt. Schon als Junge soll er vom Fliegen und Flugzeugbasteln geradezu besessen gewesen sein. Tiefen Eindruck hinterließ 1909 der einstündige Schauflug des Luftfahrtpioniers Hans Grade über dem Rennplatz in der Vahr. Danach war es offenbar um ihn geschehen, gegen den Willen seines Vaters verließ er vorzeitig die Oberrealschule an der Dechanatstraße.

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Eine entscheidende Wendung bedeutete 1911 die Begegnung mit Henrich Focke, dem Sohn von Senatssyndikus Johann Focke, Gründer des Focke-Museums. Höchst bescheiden soll sich Wulf erkundigt haben, ob er bei der Konstruktion eines neuen Fliegers mitarbeiten dürfe. Er durfte – ein Glücksfall für die weitere Entwicklung der Bremer Luftfahrt. Focke war begeistert vom Eifer des ehrgeizigen Schulabbrechers. „Nach wenigen Wochen wusste ich, dass ich einen in jeder geistigen und handwerklichen Arbeit unermüdlichen Weggenossen und den besten Freund gefunden hatte.“

Gemeinsam mit einem dritten Flugpionier, Hans Kolthoff, tüftelten die beiden an einem ersten Motorflieger. Als Kolthoff-Focke A IV hob die waghalsige Konstruktion im Juli 1912 auch tatsächlich ab. Mit dieser Maschine brachten sich die jungen Männer selbst das Fliegen bei, mit einer Bruchlandung beendete Wulf schließlich den ersten Höhenflug. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs meldete sich Wulf freiwillig, als hochdekorierter Bomberpilot kehrte er in seine Heimatstadt zurück und ließ sich am Technikum in der Neustadt zum Maschinenbauingenieur ausbilden.

Einschränkungen durch den Versailler Vertrag

Wäre es nach Focke und Wulf gegangen, hätten sie nach Kriegsende den Faden einfach wieder aufgenommen. Doch es ging nicht nur nach ihnen, die Bestimmungen des Versailler Vertrags von 1919 schränkten den zivilen Flugzeugbau stark ein. Bis 1922 durften überhaupt keine Motorflugzeuge gebaut werden, erst das Pariser Luftfahrtabkommen von 1926 beseitigte die Beschränkungen. Mit Billigung des alten Focke schraubten die beiden Flugzeugenthusiasten heimlich im Keller des Focke-Museums an einem neuen Modell, dem Eindecker A VII, besser bekannt als „Storch“.

Noch illegal erhob sich die Maschine im November 1921 erstmals in die Lüfte, im Sommer 1922 kreisten Focke und Wulf dann legal in ihrem Zweisitzer über Bremen. „Die Nörgler und Spötter begannen stiller zu werden“, schreibt Focke voller Genugtuung in seinen Memoiren. Freilich fehlte es noch an potenten Geldgebern, um den Flugzeugbau im größeren Stil aufzunehmen. Unter Federführung des Tabakkaufmanns Otto Bernhard, später NS-Wirtschaftssenator, wurde im Oktober 1923 die Bremer Flugzeugbau AG ins Leben gerufen und im Januar 1924 in Focke-Wulf Flugzeugbau AG umbenannt, kurz Focke-Wulf. Zu den Aktionären zählte auch Kaffee Hag-Gründer Ludwig Roselius.

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Das Unternehmen florierte, in Wulfs Todesjahr beschäftigte es bereits 200 Mitarbeiter. Laut Reinhold Thiel, Autor einer Monografie zur Geschichte von Focke-Wulf, gab es ab Januar 1925 reichlich Aufträge. Auch Schul- und Sportflugzeuge gehörten jetzt zum Programm, zusätzlich wurde eine Fliegerschule eingerichtet. Zum Verhängnis wurde Georg Wulf, dass sich Focke ab 1926 wieder mit dem alten „Enten“-Problem beschäftigte – dem Bau eines Flugzeugs, das seinen Schwerpunkt hinten statt vorne hatte und dadurch aussah, als würde es rückwärts fliegen.

Hiobsbotschaft per Telefon

Mit dem doppelmotorigen Kabinenflugzeug hatte Wulf schon einige erfolgreiche Testflüge absolviert, sonst wären auch die Herren vom Senat nicht eingeladen worden. Weil die Kommission sich verspätete, verließ Focke den Ort des Geschehens, telefonisch erreichte ihn die Hiobsbotschaft. Der Witwe vermochte er nicht gleich die volle Wahrheit zu sagen. Ihr Mann sei schwer verletzt, teilte er ihr mit, sie möge unverzüglich kommen.

Der Name Focke-Wulf blieb nach dem Tod des einen Namensgebers erhalten. Als Qualitätssiegel auch dann noch, als mit Focke 1933 auch der zweite Namensgeber das Unternehmen verließ. Zu den bekanntesten Maschinen des Flugzeugherstellers gehört der Jagdflieger Focke-Wulf Fw 190, von dem im Zweiten Weltkrieg fast 20.000 Stück produziert wurden. In nachhaltiger Erinnerung ist auch das Langstreckenflugzeug Focke-Wulf Fw 200 geblieben, die legendäre „Condor“. Ehrenamtliche Enthusiasten restaurieren seit 2003 das letzte erhaltene Exemplar.

Der Firmenname Focke-Wulf verschwand von der Bildfläche, als der Flugzeugbauer 1964 mit der Weser-Flugzeugbau GmbH („Weserflug“) zu den Vereinigten Flugtechnischen Werken (VFW) fusionierte. In Flughafennähe erinnert seit 1955 eine Straße an Georg Wulf.

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