Zwei kritische Stellen entdeckt Gesprächsbedarf über Altlasten am Tabakquartier

Es liegen erste Ergebnisse der Altlasten-Untersuchungen für das Tabakquartier vor. Sie zeigen, dass auf dem SWB-Gelände zwei kritische Stellen noch genauer unter die Lupe genommen werden müssen.
09.07.2019, 06:00
Lesedauer: 4 Min
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Gesprächsbedarf über Altlasten am Tabakquartier
Von Karin Mörtel

Das Tabakquartier in Woltmershausen nimmt Fahrt auf, der Masterplan für das 55 Hektar große Areal rings um die ehemaligen Gaswerke und die ausgediente Zigarettenfabrik Martin Brinkmann steht wie berichtet bereits in groben Zügen. Nun liegen auch erste Ergebnisse der Altlasten-Untersuchungen für das Industriegebiet vor. Die Gutachten gelten als eine wichtige Grundlage für die weitere Planung der Stadt, den Standort zu einem urbanen Zukunftsquartier zu entwickelt, in dem Wohnen und Gewerbe gleichermaßen einen Platz finden.

Nun ist geklärt, dass der Boden insbesondere durch die zurückliegende Gasproduktion an zwei Stellen stark belastet ist. Dennoch zeigen sich Fachleute aus der Stadtverwaltung erleichtert darüber, dass die Altlasten-Funde insgesamt weniger gravierend ausfallen als zunächst befürchtet. Am Rande der zweiten Planungswerkstatt zum Masterplan war von Vertretern der Umweltbehörde zu erfahren, dass die Voruntersuchungen zwar klaren Handlungsbedarf aufgezeigt hätten, dass aber auf einem Großteil der Fläche Verunreinigungen in den oberen Bodenschichten liegen, die durch einen verantwortungsbewussten Umgang im Zuge der anstehenden Baumaßnahmen handhabbar sind. „Wir haben dort nichts gefunden, mit dem wir nicht umgehen können“, so Wolfgang Kumpfer aus der senatorischen Behörde.

Zwei kritische Fundstellen

Einen genaueren Blick müssen die Bodengutachter jedoch noch auf zwei Stellen richten, die in der Voruntersuchung als besonders kritisch eingestuft wurden: Beide Flächen befinden sich auf dem ehemaligen Gaswerks-Gelände und scheinen bis in tiefere Schichten stark verunreinigt zu sein. Zum einen geht es um einen ehemaligen Standort von Öltanks östlich der früheren Kohlenhalle. Dort haben die Gutachter eine starke Verunreinigung mit Teeröl im Boden nachgewiesen. Es handelt sich um einen Ort, der nach heutigem Stand später einmal in den neuen „Gleispark“ eingebettet werden könnte.

Die zweite kritische Stelle liegt dort, wo künftig Mehrfamilienhäuser sowie Teile des Berufsschul-Campus geplant sind. Dort schlummert offenbar eine Ansammlung umweltschädlicher Rückstände aus der Gasproduktion im tiefen Boden. „Von beiden Funden geht keine akute Gesundheitsgefahr in der heutigen Nutzung aus“, versichert die Abteilungsleiterin des Fachbereichs Ressourcenschutz in der Umweltbehörde, Hildegard Kamp.

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Es sei trotzdem notwendig, Nachuntersuchungen durchzuführen, um eine genauere Gefahrenbewertung vornehmen zu können. Denn besonders die Verunreinigungen in tieferen Bodenschichten müssten, wenn sie sehr flüchtige und bewegliche Schadstoffe enthalten sollten, daraufhin untersucht werden, ob sie künftig das Grundwasser gefährden könnten. Sollte das der Fall sein, müsse eingegriffen werden „bevor dort mehrstöckige Häuser gebaut werden, die eine Bodensanierung unmöglich machen“, so Kamp.

Die laufende Bauleitplanung muss nun den Anspruch erfüllen, die städtebauliche Planung sowie die Verunreinigungen im Boden miteinander zu verzahnen. So könnten manche Bereiche von bestimmten Nutzungen wie Kinderspielflächen ausgenommen werden, weil die Bodenbeschaffenheit dafür zu schlecht oder die Sanierungskosten zu hoch sind. Oder umgekehrt: Wenn eine bestimmte Nutzung städtebaulich Vorrang hat, obwohl die Schadstoffbelastung den Ansprüchen nicht genügt, muss die möglicherweise aufwändige Bodensanierung von Anfang an in die Projektkosten mit eingepreist sein.

SWB-Gruppe soll Gutachterkosten zahlen

Das wiederum führt zur Kostenfrage, die die Stadt zu diesem Zeitpunkt der Altlasten-Untersuchungen zu klären hat: Denn bisher war im Zuge der Bauleitplanung klar, dass die Stadt die Gutachterkosten übernimmt. Doch für die folgenden Schritte stehen eigentlich die Grundstückseigentümer, in diesem Fall die SWB-Gruppe, in der Pflicht, die weiteren Kosten zu übernehmen. Sowohl für die genauere Nachuntersuchung der kritischen Altlasten als auch für deren möglicherweise notwendige Beseitigung.

Bei der SWB-Gruppe stünden die Altlasten auf dem Gelände seit Jahren auf der Agenda, sagt Christoph Kolpatzik. Der Syndikus-Anwalt der SWB AG zeigt sich zunächst „sehr froh und erleichtert darüber, dass die Bodenuntersuchungen auch gezeigt haben, dass unsere bereits vor etwa 20 Jahren flächig durchgeführten Bodensanierungen erfolgreich waren.“ Denn auch bei der immer wieder aufkommenden Frage, wie schnell die SWB-Gruppe sich für die Entwicklung des Tabakquartiers eine teilweise Umnutzung ihrer Flächen vorstellen könne, „hat die ungeklärte Altlasten-Frage wie ein Damoklesschwert über uns geschwebt.

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Wie die SWB mit den zwei aktuell benannten, kritischen Bereichen umgehen werde, könne er indes vor Abschluss der Nachuntersuchung noch nicht sagen. Die Kostenübernahme sei jedoch „für uns kein konfrontatives Thema, aber eines, das wir gemeinsam mit der Stadt lösen müssen“, so Kolpatzik. Denn die SWB-Gruppe vertrete die Auffassung, „dass die Stadt als damalige Betreiberin der Gaswerke im Sinne der Nachhaftung eine Mitverantwortung trägt.“ Ein Argument, das in der Umweltbehörde offenbar ernst genommen wird. „Uns ist klar, dass die Stadt die Gaswerksbetreiberin war“, sagt Hildegard Kamp. Genau deshalb sei die Stadt mit der SWB-Gruppe in den Dialog getreten und habe bereits „sehr weit gediehene Verhandlungen über die Teilung der Kostenlast für weitere Untersuchungen und möglicherweise nötige Gefahrenabwehr geführt.“

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