Arbeitgeber "Tattoos gehören dazu"

Ein Frankfurter Hotel spricht auf der Suche nach neuen Mitarbeitern gezielt tätowierte Menschen an. Was Bremer Arbeitgeber dazu sagen und in welchen Branchen es für Tätowierte immer noch schwierig werden kann.
23.09.2022, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Fabian Dombrowski

Um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, geht ein Frankfurter Hotel neue Wege: Mit einer kreativen Kampagne möchte die Hotel-Kette "Ruby" explizit tätowierte Menschen – oder solche, die es werden wollen – ansprechen. "Wir geben dir nicht nur einen neuen Job, sondern obendrein noch ein neues Tattoo", so lautet die Botschaft der ungewöhnlichen Kampagne. Um sich tätowieren zu lassen, bekommen neue Mitarbeiter nach sechs Monaten im Job einen Zuschuss in Höhe von 500 Euro. Alternativ können sie auch ein Piercing oder eine neue Frisur wählen. Aber wie sehr sind Tattoos mittlerweile in der Berufswelt akzeptiert? 

"Tattoos sind in der Breite der Gesellschaft angekommen", meint Michael Maier vom Hotel- und Gaststättenverband Bremen (Dehoga). In der Bremer Gastronomie seien Tattoos normal geworden und schon lange kein Tabu mehr. Die vielen tätowierten Fußballer hätten dafür gewissermaßen als Vorbild gedient und die Entwicklung beschleunigt. "Aber natürlich geht es auch immer um die Art des konkreten Tattoos", sagt Maier. Bei Totenkopf-Tattoos an Kopf und Armen sei vielleicht eine Grenze erreicht, doch das müsse jeder Betrieb für sich entscheiden.

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"Wir lieben Menschen mit Persönlichkeit und genau das möchten wir mit unserer Kampagne kommunizieren", teilte Uta Scheurer, Vice President Human Resources von Ruby, mit. Auch innerhalb des Handwerks sind Tattoos kein Thema mehr. "Tattoos gehören eigentlich dazu", sagt Oliver Brandt von der Handwerkskammer Bremen und nennt Berufe wie Automechaniker oder Dachdecker als Beispiele. "Als Bäckereifachverkäufer sollte man vielleicht keine extremen Tattoos im Gesicht haben", sagt Brandt. "Doch letztendlich muss das jeder Betrieb selbst entscheiden." Auch klare politische Statements könnten ein Grenzfall sein. "Aber wenn ein Betrieb sagt: 'Solch eine Werbekampagne ist für uns eine gute Methode', dann soll er das machen", meint Brandt mit Blick auf die Aktion von Ruby. Grundsätzlich seien aber Zuschüsse oder Rabatte nichts Ungewöhnliches: Viele Unternehmen würden mittlerweile etwa mit Diensthandys, Zusatzversicherungen oder sonstigen Boni um neue Mitarbeiter werben.

Jeder Fünfte tätowiert

Tatsächlich ist mittlerweile jeder fünfte Erwachsene in Deutschland tätowiert. Das zeigt eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Yougov im Auftrag der Deutschen Presseagentur. 27 Prozent gaben an, Tätowierungen "sehr schön" oder "schön" zu finden, wobei Frauen ihnen zugeneigter sind als Männer. Für Jörg Nowag, Sprecher der Agentur für Arbeit Bremen-Bremerhaven zeigt das, dass Tattoos im Stadtbild immer normaler werden. Im Arbeitskontext seien Tattoos, die sich durch Kleidung abdecken lassen, meist völlig unproblematisch und würden Arbeitgeber kaum stören. "Anders sieht es beispielsweise bei auffälligen, nicht verdeckbaren Gesichtstattoos aus", meint Nowag. Da komme es auf die Branche an. Es sei jedoch zu beobachten, dass man nun auch in Bereichen, in denen Tattoos noch vor wenigen Jahren ein No Go waren, gelegentlich Tattoos sehen könne, etwa bei Tänzerinnen und Tänzern.

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Die Sparkasse Bremen zeigt sich bei dem Thema allerdings zurückhaltender: "Tattoos werden Sie bei unseren Mitarbeitenden eher weniger finden", sagt Pressesprecherin Nicola Oppermann. "Bei uns gilt, dass Tattoos durch Kleidung zu bedecken sind." Für das Anwerben junger Menschen wähle die Sparkasse eher Formate wie das Speed-Recruiting, bei dem in einer lockereren Atmosphäre, die Leistungsbereitschaft und Kompatibilität der Bewerberinnen und Bewerber zum Unternehmen geprüft wird.

Bei Behörden muss Neutralität gewahrt werden

Strenger geregelt ist es bei Behörden. "Sowohl bei Angestellten im öffentlichen Dienst als auch bei Beamtinnen und Beamten gilt, dass ihr äußeres Erscheinungsbild angemessen sein soll", teilt das Finanzressort mit, das für Fragen rund um das Personal im öffentlichen Dienst, zuständig ist. Es müsse jedoch immer der Einzelfall betrachtet werden. Unter anderem komme es darauf an, welche Stelle der oder die Bedienstete innehat, und ob das Erscheinungsbild das Potenzial hat, das Vertrauen der Bürger in den Staat zu stören. Es gehe darum, die Wahrnehmung der Neutralität des Staates durch die Bürgerinnen und Bürger zu wahren, heißt es vonseiten der Behörde. Äußere Erscheinungsmerkmale, die ebendiese Neutralität beeinträchtigen können, könnten daher eingeschränkt oder untersagt werden. Zu diesen Merkmalen gehörten auch sichtbare Tätowierungen bei Uniform-Trägern, wie etwa der Polizei. Tattoos, die eine verfassungsfeindliche Einstellung nahelegen, werden jedoch generell nicht geduldet, unabhängig davon, ob sie durch Kleidung verdeckt sind oder nicht.

Ob das Ausloben eines Budgets für ein Tattoo durch ein Hotel bei der Personalsuche eine erfolgversprechende Maßnahme ist – daran zweifelt Jörg Nowag von der Agentur für Arbeit. "Vor dem Hintergrund, dass 80 Prozent der Bevölkerung noch kein Tattoo haben und sicher auch nicht allein aus dem Grund, weil sie es sich nicht leisten können, ist es wohl nicht so wahrscheinlich. Eine Aufmerksamkeit erzeugende Marketingmaßnahme ist es aber in jedem Fall."

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