Sommersitz: Zu Besuch in Huchting Hand in Hand in Huchting

Von der Eduard-Schopf-Allee rauf auf die Oldenburger Straße und sechs Kilometer immer geradeaus. Schon eine Weile vor der Abfahrt Heinrich-Plett-Allee taucht rechts das Ortsschild „Huchting“ auf, umkränzt von einer wild wachsenden Pflanze.
19.08.2015, 00:00
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Hand in Hand in Huchting
Von Anke Landwehr

Von der Eduard-Schopf-Allee rauf auf die Oldenburger Straße und sechs Kilometer immer geradeaus. Schon eine Weile vor der Abfahrt Heinrich-Plett-Allee taucht rechts das Ortsschild „Huchting“ auf, umkränzt von einer wild wachsenden Pflanze. Ein paar Minuten später wird Heike Kretschmann mit glänzenden Augen sagen: „Dies hier ist ein grüner Stadtteil mit einem schönen Park und einem Badesee. Das hat nicht jeder.“

Kretschmann ist Geschäftsführerin des TuS Huchting und Mitglied des Beirats Huchting. Dabei hatte die gebürtige Bremenhavenerin nie hierher ziehen wollen, sie wollte in Hastedt bleiben. Doch ihr Mann, ein Ur-Huchtinger, hat sie vor 16 Jahren überredet, die Weserseite zu wechseln, und voilà: Jetzt ist sie ganz vernarrt in Huchting, dem Stadtteil mit den Ortsteilen Kirch- und Mittelshuchting, Sodenmatt und Grolland. Während sie davon erzählt, watscheln vier chinesische Höckergänse vorbei – im Gänsemarsch, wie es sich gehört.

Wir befinden uns auf der Stadtteilfarm, die nur durch eine schmale Straße vom Sodenmattsee getrennt ist. Unter der Markise des Kindercafés ist der Sommersitz aufgebaut, pro forma. Es regnet, also lieber rein. Farmleiter Jürgen Rieche hat Kaffee aufgesetzt. Er muss gleich noch mal los zum Einkaufen für das vegetarische Mittagessen: Nudeln mit Tomatensoße, dazu Raspelkäse und bunter Salat, zum Nachtisch gibt’s Eis.

Zorro streift durch den Raum. Der schwarz-weiße Kater stammt, wie Kätzin Gaia, aus Griechenland. Hat also Migrationshintergrund. „Ich auch“, sagt Marina Mollenhauer-Thein, die vom Bodensee stammt, nun am Blanken Hans wohnt und Sachkundige Bürgerin für Bau, Umwelt und Stadtentwicklung im Beirat ist. In ihrem Quartier bahnen sich gerade Veränderungen an. Alte Menschen sterben oder ziehen um, junge Familien kommen. „Aufgeschlossener Mittelstand“, beschreibt Mollenhauer-Thein die Bewohnerstruktur.

Sie würde auch gerne, wie später Hans-Joachim Klaje, über die geplante Verlängerung der Straßenbahnlinien 1 und 8 sprechen, wird aber von der stellvertretenden Farmleiterin Sigrun Bösemann und Quartiersmanagerin Inga Neumann gestoppt. Beide erklären, dass es Kritiker und Befürworter des Vorhabens gäbe; eine einseitige Darstellung sei deshalb unfair.

Einig sind sich die Frauen aber darin, dass Huchting ein „toller Stadtteil“ ist. Wenn er hin und wieder wie zuletzt wegen einer Messerstecherei in den Schlagzeilen auftaucht, dann seien solche Vorfälle nicht typisch für Huchting. Kennzeichnend sei schon eher das Miteinander, das Wir-Gefühl. Schon Heike Kretschmann hatte das WiN-Projekt erwähnt, das Wohnen in Nachbarschaften. Eine basisdemokratische Angelegenheit, denn über die zur Verfügung stehenden Mittel wird im Forum abgestimmt. „Das schweißt die Menschen hier zusammen“, so Kretschmann.

Farmleiter Jürgen Rieche versäumt keines dieser Treffen. „Die Vernetzung hier ist einmalig.“ Eines von vielen Projekten ist die Boxzeile. Sie ist vor fünf Jahren als Kooperation zwischen dem TuS Huchting, dem Landessportbund, dem Jugendhilfeträger „Alte Eichen“ und der Gewoba entstanden, damit Jugendliche sich sportlich austoben können, statt auf der Straße abzuhängen. Die Gewoba sei ein ganz wichtiger Partner, sagt Rieche. Wie wichtig, zeige sich an der Robinskaje, wo ein Investmentfonds über die Wohnblöcke bestimme. Gehe es dort nur um Profit, fühle sich die Gewoba verantwortlich für ihre Häuser und deren Bewohner. Auch ansässige Firmen seien immer ansprechbar. Rieche: „Wenn du mal ein Problem hast, es gibt immer eine Lösung.“

Benny, ein Jack-Russell-Terrier, trippelt auf sein Herrchen zu. Peter Fusikova arbeitet ehrenamtlich auf der Stadtteilfarm, er ist für den Garten und für Reparaturen zuständig. „Der Horst“, ebenfalls ein fleißiger Ehrenamtlicher, ist heute nicht da. Wohl aber Monika Czeskleba, die einst als 1,20-Euro-Kraft anfing und jetzt gegen eine Aufwandsentschädigung hilft. Zusammen mit der Honorarkraft Astrid Wolf bringt sie den Kindern in der „Wollwerkstatt“ bei, die Wolle der farmeigenen Alpakas und Schafe zu verarbeiten. Hauke (9) und Zoe (11) wollen sie kämmen, aber das Kardiergerät hakt. Beide Kinder sind oft hier. Tamaini (12) kommt sogar jeden Tag. Sie hat sich zwei Jahre lang um die Schafe gekümmert und weiß so viel über die Tiere, dass sie manchmal Besuchergruppen zu ihnen führt.

Sie und Gina (13) lieben ihren Stadtteil und die Stadtteilfarm, weil sie sich hier mit ihren Freundinnen treffen und es immer etwas zu tun gibt, heute zum Beispiel filzen. Nicht so schön finden sie nur die „Betrunkenen-Ecke“ am Sodenmattsee. Alles andere aber: „Toll.“ Der See gehört zu den vielen Orten, „an denen Kommunikation passiert“, so Inga Neumann. Sie arbeitet seit 25 Jahren in Huchting. Und wenn die Arbeitslosigkeit hier auch hoch und die Armut groß ist: „Nach meinem Gefühl haben wir hier eine gute Stimmung.“

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