Zwei Parkhäuser sollen bleiben Handelskammer Bremen lehnt autofreie Innenstadt ab

Die Bremer Handelskammer wehrt sich gegen ein komplettes Hinausdrängen des motorisierten Individualverkehrs aus der Innenstadt. Am Mittwoch stellte die Kammer ein Positionspapier mit eigenen Vorstellungen vor.
22.01.2020, 13:04
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Handelskammer Bremen lehnt autofreie Innenstadt ab
Von Jürgen Theiner

Autoärmer ja, autofrei nein – das ist die Haltung der Handelskammer zur Verkehrspolitik für die Bremer Innenstadt. Die Wirtschaftslobby hat ihre Vorstellungen in einem Positionspapier gebündelt, das am Mittwoch vorgestellt wurde und zum Teil in Kontrast steht zu den Konzepten, die der Senat und das rot-grün-rote Regierungsbündnis verfolgen.

Abgelehnt wird von der Kammer insbesondere die Idee einer komplett autofreien City zwischen Wall und Martinistraße und einer langfristigen, darüber hinausreichenden Ausdehnung von Fahrverbotszonen. Damit würde man nach Ansicht von Hauptgeschäftsführer Matthias Fonger nicht nur der Geschäftswelt der Innenstadt einen schweren Schlag versetzen. Auch die ökologische Steuerungswirkung werde verfehlt, weil sich die Kundenströme dann noch stärker zu den Märkten an der Peripherie verlagern würden, die gut mit dem Auto zu erreichen sind.

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Ja sagt die Handelskammer in ihrem Positionspapier zu einem fußgängerfreundlicheren Kernbereich zwischen Wall und Martinistraße. Dafür müssten neue Rundläufe geschaffen und eine höhere Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum erreicht werden. Die Interessenvertretung der Kaufleute kann auch damit leben, dass der Autoverkehr aus bestimmten Straßen herausgenommen wird. Als Beispiele werden in dem Positionspapier die Carl-Ronning-Straße sowie der Bereich Balgebrückstraße (stadteinwärts) und Dechanatstraße genannt.

Wichtig sei dann aber, diese für den Fußgänger- und Radverkehr gewonnenen Bereiche ansprechend zu gestalten. Es reiche nicht, einfach "Zufahrt verboten"-Schilder aufzustellen und die Dinge ansonsten so zu lassen, wie sie sind. Für die städtebauliche Aufwertung der Verkehrs- und Aufenthaltsflächen im Innenstadtbereich veranschlagt die Kammer einen Investitionsaufwand der öffentlichen Hand von rund 200 Millionen Euro. Ein mindestens ebenso hoher Betrag müsse für diverse Einzelkomponenten eines attraktiveren Nahverkehrs mit Straßenbahn, Bus und Schiene angesetzt werden.

Überhaupt, der öffentliche Personennahverkehr. Er ist für die Kammer-Akteure ein Schlüssel für das Gelingen der Verkehrswende in der Innenstadt. Stichworte sind hier unter anderem die Umgestaltung des Verkehrsknotens Domsheide, ein möglicher Ringbusverkehr um das eigentliche Zentrum sowie eine kostenlose ÖPNV-Nutzung im Dreieck Hauptbahnhof – Brill – Sielwall. Erneut taucht im Maßnahmenkatalog der Handelskammer die Verlagerung der Straßenbahn von der Obern-/Hutfilterstraße in die Martinistraße auf. Von dieser Idee hatte sich Kammer vor einiger Zeit eigentlich verabschiedet.

Bei aller Zustimmung zu mehr ÖPNV und Fahrradnutzung sowie Reduzierung des Autoverkehrs ist für die Kammer jedoch auch klar: Die City muss mit dem Auto erreichbar bleiben, insbesondere für Kundschaft aus dem Umland, die das Auto bevorzugt. Ein Mindestmaß an zentrumsnahen Kfz-Stellplätzen sei deshalb weiterhin unverzichtbar. Konkret: Die Parkhäuser Violenstraße und Katharinenklosterhof müssen aus Sicht der Kammer erhalten bleiben. Eine vollständig autofreie Innenstadt sei im Übrigen schon deshalb nicht machbar, "weil es weiterhin Lieferverkehre sowie Zufahrtmöglichkeiten für Handwerker und Hotelgäste geben muss", so Vizepräses Joachim Linnemann.

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Für Präses Janina Marahrens-Hashagen ist entscheidend, dass der Senat "alternative Mobilitäts-, Routen- und Stellplatzangebote" realisiert, bevor der Individualverkehr aus der Kernstadt verdrängt wird. Die Vorsitzende der Handelskammer erwartet, dass ihre Organisation ernsthaft in einen entsprechenden politischen Dialog einbezogen wird.

Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) nahm den Diskussionsbeitrag der Kammer positiv auf. Nach seiner Auffassung bedeuten "weniger Autos nicht nur mehr Aufenthaltsqualität in der City, sondern dadurch auch eine bessere Zukunft für die Geschäftsleute". Klar sei, "dass an einer besseren Erreichbarkeit der Innenstadt mit Bussen, Bahnen, Fahrrad und zu Fuß gearbeitet werden muss", auch an besseren Park&Ride-Angeboten. "Ich freue mich, dass die Handelskammer bereit ist, konstruktiv an der Umsetzung des Projektes mitzuarbeiten", sagte Bovenschulte.

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Auf ein eher verhaltenes Echo traf das Positionspapier der Handelskammer bei den Grünen. Ihr Verkehrspolitiker Ralph Saxe bezeichnete es als "mutlos". Die Kammer mache "einen Schritt nach vorne und zwei Schritte zurück". Dabei müsse jedem klar sein, dass an einer autofreien Innenstadt kein Weg vorbeiführe. Sie bringe einen "bedeutenden Gewinn für die Aufenthaltsqualität und damit Attraktivität der Innenstadt in Zeiten des zunehmenden Online-Handels". Saxe begrüßte allerdings auch Übereinstimmungen zwischen seiner Partei und der Wirtschaftslobby. So sei klar: Vor jedem Schritt auf dem Weg zur autofreien Innenstadt müssen zunächst die Rahmenbedingungen verbessert werden.

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