Hasskriminalität Bestürzung nach Attacke auf Transfrau in der Bremer Neustadt

Eine Transfrau wurde am Samstagabend von einer Gruppe Jugendlicher in der Straßenbahn der Linie 4 beleidigt und von einem Jugendlichen ins Gesicht geschlagen. Die Bremer Politik zeigt sich bestürzt.
05.09.2022, 12:29
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Bestürzung nach Attacke auf Transfrau in der Bremer Neustadt
Von Lucas Brüggemann

Am Rande des Christopher Street Day (CSD) in Münster wurde ein Transmann tödlich verletzt, als er zwei Frauen helfen wollte. Er erlag in der vergangenen Woche seinen Verletzungen. In Bremen kam es am letzten Sonnabendabend ebenfalls zu einer Attacke, bei der eine Transfrau schwer verletzt wurde.

In der Neustadt wurde am Sonnabendabend eine 57 Jahre alte Transfrau von einer Jugendgruppe beleidigt und anschließend schwer verletzt. Dies teilte die Polizei Bremen am Montag mit. Die Jugendlichen flüchteten nach der Tat unerkannt. Der Staatsschutz ermittelt.

Die Bremerin war gegen 19.35 Uhr in der Straßenbahnlinie 4 in Richtung Neustadt unterwegs, als an der Haltestelle Domsheide mehrere Jugendliche dazu stiegen. Die knapp 15-köpfige Gruppe habe die 57-Jährige sofort als "Scheiß Transe" beleidigt und ihr die Perücke vom Kopf gerissen, erklärt Polizeisprecherin Franka Haedke. Anschließend wurde sie von einem Jugendlichen mehrfach mit beiden Fäusten ins Gesicht geschlagen. Seine Begleiter feuerten den Angreifer dabei lautstark an. Erst als andere Fahrgäste helfend eingriffen, ließen sie von der Frau ab. An der Haltestelle Schwankhalle verließ die Tätergruppe die Bahn und flüchtete in unbekannte Richtung. Die 57-Jährige musste mit schweren Gesichtsverletzungen in ein Krankenhaus gebracht werden.

Bremer Politiker verurteilen die Tat

Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne) äußerte sich erschüttert über den Überfall: "Es ist nicht hinnehmbar, dass Menschen wegen ihrer geschlechtlichen Identität um ihr Leben fürchten müssen." Sie verurteilte dieses Hassverbrechen und sagte: "Ich hoffe, dass der Schläger und diejenigen, die ihn ermutigt haben, schnell gefasst werden. Als Staat und Gesellschaft haben wir die Aufgabe, Intoleranz und Hass entschieden entgegenzutreten." Den Helfern, die in der Straßenbahn einschritten, zollte die Senatorin Respekt: "Wir leben in einer offenen, toleranten Gesellschaft. Dafür stehen die mutigen Menschen, die hier eingeschritten sind." Hass und Intoleranz müssten in ihre Schranken gewiesen werden. Stahmann betonte aber gleichzeitig, sich als Zeuge oder Zeugin einer Gewalttat nicht selbst in Gefahr zu bringen, aber dennoch hinzusehen, Hilfe zu holen und sich um das Opfer zu kümmern. Ihr Mitgefühl gelte der überfallenen Bremerin.

Lesen Sie auch

Ähnlich äußerte sich Verkehrssenatorin Maike Schaefer (Grüne) und ergänzte: "Als Aufsichtsratsvorsitzende der BSAG stehe ich im engen Austausch mit dem Vorstand der BSAG und werde zudem mit dem Innenressort darüber beraten, wie wir für mehr Sicherheit in unseren Bussen und Bahnen sorgen können." Im öffentlichen Nahverkehr komme es vermehrt zu Auseinandersetzungen - sowohl zwischen einzelnen Fahrgästen als auch den BSAG-Angestellten gegenüber. "Das ist für mich nicht hinnehmbar – alle Menschen sollen sich in Bremen sicher fühlen!", erklärte Schaefer weiter.

Antje Grotheer, Sprecherin für queere Angelegenheiten in der SPD-Bürgerschaftsfraktion, verurteilte die Tat am Montag: "Ein scheußliches Verbrechen von Feiglingen! Es ist furchtbar, dass auch in Bremen so etwas geschieht, in unserer bunten und solidarischen Stadt." Der Vorfall zeige, dass noch viel zu tun sei. "Jegliche Hasskriminalität darf hier keinen Platz haben", sagte Grotheer. Sie hoffe, dass der beziehungsweise die Täter dingfest gemacht werden und ihre gerechte Strafe bekommen.

Auch die beiden Landesvorstandssprecher der Bremer Grünen, Alexandra Werwarth und Florian Pfeffer, zeigten sich schockiert: "Hass tötet. Das haben wir erneut schmerzlich in der vergangenen Woche erleben müssen. Dass nun wenige Tage nach diesem schrecklichen Verbrechen auch in Bremen eine Transfrau angegriffen und schwer verletzt wird, macht uns fassungslos und zutiefst betroffen." Man müsse Trans- und Queerfeindlichkeit gemeinsam entschieden entgegentreten und die Menschen besser vor solchen Angriffen schützen. "Das ist Aufgabe der Politik, aber auch der Gesellschaft. Hasskriminalität gegen bestimmte Menschengruppen ist nicht akzeptabel und muss bekämpft werden."

Der Vorsitzende der Jungen Liberalen, Fynn Voigt, verurteilte den Angriff ebenfalls. "Hasskriminalität gegenüber queeren Menschen darf in Bremen keinen Platz haben. Bremen ist eine vielfältige Stadt, in der jeder leben soll, wie er möchte", sagte er. Solche Angriffe zeigten aber auch, dass "wir noch einen langen Weg vor uns haben". Voigt lobte ebenfalls das Verhalten der Fahrgäste, die der Frau zur Hilfe kamen.

Auch der FDP-Spitzenkandidat für die kommende Bürgerschaftswahl, Thore Schäck,  äußerte sich in den sozialen Medien schockiert: "Ich bin fassungslos. Wie kann man nur so viel Hass auf Menschen haben, die vielleicht anders leben wollen?"

Mahnwache an der Schwankhalle

Jung-Liberalen-Chef Voigt kritisierte zudem: "Die Hasskriminalität gegenüber queeren Menschen ist im Vergleich zum letzten Jahr deutlich angestiegen. Gleichzeitig ist die Datenerfassung solcher Straftaten unzureichend, sodass darauf keine qualifizierten Auswertungen erfolgen und keine Präventionsmaßnahmen abgeleitet werden können." Das Land Bremen müsse die Strategie gegen LGBTIQ-feindliche Hasskriminalität ambitionierter und besser umsetzen. "Es braucht Ansprechpartner in der Polizeibehörde, um Straftaten häufiger zur Anzeige zu bringen", forderte er.

Der Verein Trans-Recht e.V. veranstaltet am Montagabend, 5. September, ab 18.30 Uhr eine Mahnwache an der Schwankhalle am Buntentorsteinweg. "Es darf nicht sein, dass Menschen immer noch glauben, dass es okay sei, queere Menschen anzufeinden und anzugreifen. Es darf nicht sein, dass überall in Deutschland rund um die CSDs, die eigentlich ein Grund zum Feiern sein sollten, Nachrichten über trans-feindliche Angriffe auftauchen", sagte Vorstandsmitglied Maike-Sophie Mittelstädt.

Lesen Sie auch

++ Dieser Artikel wurde am 5. September um 18.09 Uhr aktualisiert. ++

Zur Sache

Polizei sucht Zeugen

Die Bremer Polizei sucht nach Zeugen für den Vorfall am Sonnabend. Laut Polize soll der Jugendliche, der die Frau mit Fäusten attackierte, zwischen 14 und 16 Jahre alt und circa 1,70 Meter groß sein, mit braunen Haaren. Er trug zur Tatzeit ein weißes T-Shirt und eine Umhängetasche. Zeugenhinweise nimmt der Kriminaldauerdienst unter Telefon 04 21 / 362 38 88 entgegen. Der Staatsschutz der Polizei Bremen ermittelt.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+