WESER-KURIER-Sommersitz in Findorff "Hier ist unsere Heimat"

Seinen ersten Sommersitz hatte der WESER-KURIER am Mittwoch an der Ecke Admiralstraße/Hemmstraße aufgebaut. Und gleich kam Reporter Jan Raudszus mit einem "Neu-Findorffer" ins Gespräch.
06.08.2015, 00:00
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Von Jan Raudszus

Strahlende Sonne, Kinder mit Eis verschmierten Gesichtern, Familien beim Einkauf – Sommer in Bremen, Sommer in Findorff. Der WESER-KURIER hat den Sommersitz aufgebaut. Ein Tisch, zwei Stühle, ein Sonnenschirm, ich warte auf Geschichten. So machen das in den nächsten Wochen auch meine Kollegen.

Jeden Tag besuchen wir einen anderen Stadtteil und hören uns an, was die Menschen, die dort wohnen, zu erzählen haben, was ihnen gefällt und was der Rest von Bremen dringend einmal erfahren muss. Von Blumenthal nach Arbergen und von Oberneuland nach Huchting – der Sommersitz ist unsere Serie für den Sommer.

In Findorff haben wir den Sommersitz an der Ecke Admiralstraße / Hemmstraße aufgebaut. Sofort kommt ein älterer Mann mit Einkäufen auf mich zu, „Neu-Findorffer“ sei er. Erst vor einem Jahr ist er in den Stadtteil gezogen. Wolfgang Wagner ist sein Name, und er war mal Diplomat. Gebürtig aus Bremen, hat er die Hansestadt 1969 verlassen. Außenhandelskaufmann war er damals. „Wenn man das gelernt hat, gehörte es dazu, dass man mal ins Ausland ging, dort auch gelebt hat.“ Seine erste Station ist Kuwait, und der Nahe Osten sollte ihn sein Leben lang begleiten. Irgendwann kommt er zum Auswärtigen Amt, arbeitet für die Vereinten Nationen, lebt in Oman, in den Golfstaaten und Genf. Ab 2000 ist er wieder in Deutschland, dieses Mal in Berlin. Dort bleiben er und seine Frau 14 Jahre, er arbeitet jetzt wieder für das Auswärtige Amt. Vergangenes Jahr die Pensionierung.

Warum kommt so einer wieder nach Bremen? Ist das nicht zu provinziell für jemanden, der so weit herumgekommen ist? „Wir sind Bremer“, sagt Wolfgang Wagner. „Hier ist unsere Heimat.“ Er und seine Frau beschlossen, in diese Heimat zurückzukehren. Kontakt haben sie immer gehalten, auch wenn es nicht immer einfach gewesen sei, Freunden zu erklären, was den Reiz der Stadt ausmacht. „Es gab eine Zeit, wo die öffentliche Infrastruktur nicht so gepflegt war, und die Stadt, wenn man von außen kam, etwas schmuddelig wirkte“, sagt Wagner. Das sei aber heute nicht mehr der Fall. Die Stadt habe sich gemacht.

Der Zufall spielte eine Rolle bei der Entscheidung für Findorff. Sie suchten eine Wohnung, und dort habe das Preisleistungsverhältnis einfach gestimmt. „Inzwischen ist der Markt in Findorff leer gegrast. Hier schlagen die Leute die Suchzettel an die Bäume.“

Wagner kennt Findorff noch von früher, bevor er die Stadt verließ. Damals war ein bisschen mehr los. „Da hinten waren zwei Kneipen, wo die Rocker waren und noch richtig Live-Musik gespielt wurde“, sagt er und zeigt die Hemmstraße hinunter. „Wenn am Ende vom Abend die Musik nicht mehr gefallen hat, sind auch schon mal Flaschen geflogen.“ Die Admiralstraße war noch mehr durchmischt mit Kneipen und Geschäften, die Linie 6 fuhr bis in den Stadtteil.

Findorff ist inzwischen etwas aufgeräumter. Eine Straßenbahn gibt es hier nicht mehr, aber dafür mehrere Busverbindungen. Es sind immer noch viele Handwerker ansässig, genau wie früher, aber inzwischen gibt es mehr Büros. „Zum Wohnen ist es eigentlich sehr schön“, findet Wagner. Er wünscht sich nur, dass es ein bisschen städtischer zugeht. Ihm fehlen die unterschiedlichen Geschäfte und die Szene, wie er sie im Viertel findet. Damit wäre Findorff noch schöner. Auf der anderen Seite sei es gar nicht so schlecht, dass der Stadtteil nicht so von Touristen überlaufen wird. „Vielleicht ist es ein bisschen bieder hier, aber das macht einem älteren Menschen ja nichts aus“, meint Wagner. „Findorff ist angenehm normal.“

Manche Bremer lästern gern, der Stadtteil wirke wie ein Dorf in der Großstadt – alles ist kleiner und ein bisschen gemütlicher. Der Grund mag die geografische Lage sein: Auf der Westseite begrenzen die Bürgerweide und der Bürgerpark den Stadtteil, nach Süden die Gleise der Bahn und im Osten die Autobahn. Umschlossen wird das Ganze nach Norden noch von einer Bahnlinie, an die sich Kleingärten anschließen.

Trotzdem liegt der Stadtteil nah an der Stadt und ist durch Busse gut an den Rest der Stadt angebunden – was sicherlich ein Grund ist, warum viele Menschen dort gerne leben oder gerne nach Findorff ziehen möchten. Gegen Mittag treffen wir am Sommersitz eine Frau aus dem niedersächsischen Umland, die überlegt, nach Findorff zu ziehen. Die Leute in ihrem Dorf hätten dafür vermutlich nicht sehr viel Verständnis, erzählt sie. Dabei habe sie gute Gründe: „Der Stadtteil bietet viel, wenn man alt ist.“

Vor über 30 Jahren ist sie mit ihrem Ehemann aufs Land gezogen, um den Traum vom Eigenheim zu verwirklichen. „Aber wir haben nicht bedacht, wie das ist, wenn man älter wird“, sagt die Frau, die ihren Namen nicht nennen möchte. Das Haus und das Grundstück instand zu halten, werde schwieriger, und öffentlichen Nahverkehr gebe es nicht. „Es gibt keine Infrastruktur. Wir haben nicht einmal einen Zigarettenautomaten in Laufweite.“ Der nächste Arzt sei ein paar Kilometer entfernt.

Jetzt ist sie schon eine Weile durch Findorff gelaufen, und ihr gefällt, was sie gesehen hat. „Es kommt mir sehr gepflegt vor.“ Es gebe ausreichend Ärzte, und die Wege zum Einkaufen seien kurz – alles, was sie vermisst. Noch eine „Neu-Findorfferin“?

Am heutigen Donnerstag steht unser Reporter Wigbert Gerling mit dem Sommersitz in Hemelingen. Vor dem Eiscafé in der Hannoverschen Straße wartet er von 10 bis 13 Uhr auf interessante Gesprächspartner, die ihm spannende Geschichten aus ihrem Leben und dem Stadtteil erzählen.

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