Hirnforscher über Maskenverweigerer

„Reine Appelle sind in der Regel wirkungslos“

Bremen hat es mit guten Worten versucht, nun sollen Bußgelder verhängt werden, wenn die Maskenpflicht verletzt wird. Anders geht es nicht, sagt Hirnforscher Gerhard Roth. Warum erläutert er im Interview.
21.08.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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„Reine Appelle sind in der Regel wirkungslos“
Von Silke Hellwig
Herr Roth, stimmt im Zusammenhang der Maskenpflicht das Sprichwort: Wer nicht hören will, muss fühlen?

Gerhard Roth: Es trifft die Sache im Kern, wenn es um die Wirkung von Bußgeldern geht. Mit dem Zusatz: Es gibt Menschen, die fühlen, aber daraus nichts lernen. Und es gibt noch eine ganz kleine Gruppe, die nicht in der Lage ist zu fühlen.

Appelle an das Verantwortungsbewusstsein helfen nicht?

Reine Appelle sind in der Regel wirkungslos. Die Bereiche im Gehirn, die für sprachliche Appelle zuständig sind, haben keine wirksame Verbindung zu den Zonen, die Emotionen und damit das Handeln bestimmen. Bilder wirken also deutlich stärker.

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Meinen Sie Bilder, wie die im März aus Bergamo, als die Armee die hohe Zahl an Todesopfern mit Lastwagen abtransportieren musste? Oder meinen Sie sprachliche Bilder, die die Folgen beschreiben?

Beides wirkt. Bei einer kleinen Gruppe von Menschen reicht es zwar schon, über eine Gefahr zu reden, damit sie sich in Acht nehmen. Dabei handelt es sich in der Regel um sehr ängstliche Menschen, die es mit ihrer Vorsicht auch übertreiben können. Die größte Gruppe hören die Appelle und fühlen sozusagen die Folgen, also die Schäden für die eigene Gesundheit und die der anderen. Reine Statistiken würden bei dieser Gruppe nichts bewirken. Und es gibt eine weitere Gruppe, die den bekannten Argumenten nicht folgt und nicht einsieht, sich an irgendwelche Corona-Regeln zu halten.

Was kann man da tun?

Diese meisten aus dieser Gruppe sind empfänglich für Strafandrohungen. Ein Bußgeld in Höhe von 20 Euro nehmen sie vielleicht noch in Kauf, aber wenn es richtig teuer wird, riskieren viele Menschen nicht mehr so viel. Sie wägen die Konsequenzen ihres Verhaltens ab und halten sich dann auch an Regeln, die sie nicht einsehen. Das zeigt sich beispielsweise in der Schweiz. Es ist sehr teuer geworden, wenn man dort zu schnell fährt, und man wird auch schnell seinen Führerschein los. Das hat viel bewirkt.

Gibt es in der Schweiz keine Raser mehr?

Doch, die gibt es immer noch. Es gibt eine kleine Gruppe von Menschen, etwa fünf Prozent der Raser und meistens Männer, denen man mit Strafe drohen kann, wie man will, es nützt nichts. Das Phänomen kennt man auch von Intensivstraftätern oder von sogenannten Gewalttouristen. Für sie ist es ein Gewinn, Widerstand zu leisten und Risiken einzugehen. Das gibt ihnen einen Kick, hirneigene Drogen werden ausgeschüttet. Oft wird der Widerstand gegen irgendetwas auch ideologisch verbrämt.

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Denken Sie dabei auch an die Teilnehmer von Corona-Demos?

Ja, auch sie gehören zumindest teilweise dazu, während andere sich im Recht fühlen. Dagegen zu sein, ist eine starke Selbstbestätigung. Nach Auskunft von Psychologen leiden viele der Menschen, die grundsätzlich auf Konfrontationskurs sind, unter innerer Leere, wie sie selbst berichten. Sie suchen die Erfüllung quasi im Dagegen-Sein.

Die Infektionszahlen unter Jüngeren sind gestiegen. Halten sich junge Menschen für unangreifbar?

Ja, viele Jugendliche glauben, dass ihnen nichts passieren kann. Erst wenn sie eigene Erfahrungen machen, folgt die Einsicht, sei es, dass ihre Eltern oder Großeltern erkranken.

Was kann man tun, wenn Menschen unbelehrbar sind?

Ehrlich gesagt: wenig. Oft ist dieses Verhalten durch die Sozialisierung in der frühen Kindheit angelegt. Untersuchungen zeigen, dass diesen Personen das Vermögen fehlt, sich vorzustellen: Welche Konsequenzen hat mein Verhalten und will ich sie? Diese Überlegung und Weitsicht fehlt bei diesen Menschen. Sie interessiert nur der schnelle Kick, das Gefühl, sich gefunden zu haben.

Wie man mit diesen Personen umgeht, insbesondere, wenn sie straffällig werden, ist eine schwierige Frage, auf die bislang keine gültige Antwort gefunden worden ist. Auf jeden Fall ist es fatal, wenn man sie immer wieder ermahnt und dann doch nichts unternimmt. Das untergräbt die Bereitschaft der großen Mehrheit, sich auf die Gefahren der Corona-Pandemie einzustellen.

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Wie wichtig ist soziale Kontrolle, also dass beispielsweise andere Fahrgäste den Mund aufmachen, wenn jemand in Bus oder Bahn seine Maske nicht trägt, und sich darüber beschweren?

Ein Hinweis kann schon helfen. Die meisten Menschen wollen dazu gehören. Aber auch die Furcht vor Ausgrenzung wird nicht bei allen Personen Wirkung zeigen.

Das Gespräch führte Silke Hellwig.

Info

Zur Person

Gerhard Roth lehrte von 1976 an als Professor für Verhaltensphysiologie an der Uni Bremen, von 1989 an war er Direktor des Instituts für Hirnforschung. 2008 gründete er die Beratungsfirma Roth GmbH.

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